Eltern Interviews

Pubertät bei Jungs: Interview mit Experte Reinhard Winter

5. November 2020

Die Pubertät bei Jungs ist ein oftmals schwierig besetztes Thema und das stört mich als Sohn-Mutter eigentlich. Wir als Familie lernen diese Phase im Leben von Kindern gerade das erste Mal kennen. Unser Sohn ist 14 und was soll ich sagen: Die Pubertät ist gekommen, um (erstmal) zu bleiben. Jeden Tag verabschiedet sich das Kind mehr und der junge Mann kommt durch. Das bin ich oft wehmütig, ganz ehrlich. Die Pubertät ist eine spannende Zeit, die nicht ohne Konflikte abgeht. Das will ich aber auch ganz deutlich sagen: Diese Zeit macht auch Spaß für Eltern und ist voller Liebe. Ich muss sagen, ich finde unser “Pubertier” immer noch und immer mehr großartig. Ich spreche heute mit dem bekannten “Jungen”-Experten Reinhard Winter über die Pubertät und wie es gelingt, in Beziehung zu bleiben.

Pubertät bei Jungs: Warum das ewige “Chillen” ganz normal ist

Dr. Reinhard Winter ist der profilierteste Jungenexperte im deutschsprachigen Raum. Er ist Diplompädagoge und in der Leitung des Sozialwissenschaftlichen Instituts Tübingen (SOWIT). Er arbeitet in der Jungen- und Männerberatung, in der Jungenforschung sowie in der Qualifizierung von Lehrern und Fachkräften in der Sozialen Arbeit zu Jungenthemen. Reinhard Winter hat gerade das wirklich sehr gute Buch “Jungen & Pubertät- In Beziehung bleiben, wenn alles anders wird” vorgelegt. Ich habe es sehr gerne gelesen und kann es Euch wirklich empfehlen.

Gerade als Frau und Mutter ist es spannend, mehr über die männliche Perspektive und Identitätsfindung zu erfahren. Ich habe mir ganz viele Stellen im Buch angegelbt, bin mit meinem Mann ins Gespräch über die männliche Pubertät gekommen und kann vieles toleranter sehen. Ob ich dadurch in den Augen des Sohns weniger “lost” bin, wage ich trotzdem zu bezweifeln.

Herr Winter, ist es heutzutage für Jungen schwieriger, eine männliche Identität auszubilden?

Das lässt sich so nicht sagen, denn vieles ist im Vergleich zu früheren Zeiten einfacher geworden. Jungen ist heute mehr erlaubt, der Korridor der Normalität ist breiter, die Spielräume sind größer geworden. Ein Junge zu sein, fürsorglich ist, der sich nicht für Fußball interessiert oder der auf Jungen steht, das ist heute leichter möglich. Aber gerade das kann auch zum Problem werden, wenn es an Anregungen oder Orientierungen fehlt. Jungen können, aber sie müssen sich auch entscheiden, was für ein Mann sie sein wollen, keine leichte Aufgabe. Auch dass sich die Geschlechter in vielem angeglichen haben, macht das Finden des eigenen Männlichen nicht einfacher.

Stichwort “Chillen” und antriebslos sein. Warum sollten Eltern hier mehr Verständnis haben? Das hat ja auch körperliche Gründe, oder?

Ja, genau, Körper und Gehirn brauchen für das ganze Wachstum wirklich viel Kraft. Aber das Abhängen ist auch psychisch ganz praktisch, als Rückzug, wenn alles anstrengend ist und nervt. Das erklärt, warum die Jungen zuhause oder wenn es um die Schule geht sehr ruhebedürftig sind, wenn sie mit ihrer Clique im Schwimmbad sind dagegen oft gar nicht.

Jungenpubertät: Vertrauensvolle Gespräche von Mann zu Mann

Stimmungsschwankungen, heftige Gefühlsausbrüche. Wie lernen Eltern, damit gelassener umzugehen?

Mhm, müssen sie das? In Jungenpubertäten gibt es viel Anlässe, bei denen Eltern Heilige wären, wenn sie dabei immer ruhig und gelassen bleiben. Natürlich sollen sie nicht selber ausrasten, sie sind ja erwachsen. Aber wenn sie sich ärgern, darf der Sohn das auch merken. Und ansonsten hilft zum Beispiel, dreimal tief durchzuatmen. Oder das Mantra: Es ist nur eine Phase, das geht vorüber. Oder auch sich an die Momente zu erinnern, in denen es ruhiger zugeht.

Wie wichtig ist es für Jungs, dass Väter oder männliche Bezugspersonen ihnen Gespräche anbieten über den sich verändernden Körper, Sex, Männlichkeit?

Sehr wichtig, wenn es nicht plötzlich ganz passiert, wenn der Junge schon 17 ist. Gute Gespräche ergeben sich ja oft nebenbei, aus Situationen oder beim gemeinsamen Tun, dafür braucht es Gelegenheiten. Und ab dem Beginn der Pubertät brauchen Jungen eine andere Gesprächskultur vom Vater, mehr auf Augenhöhe, von Mann zu Mann. Wenn das klappt, ist es für die Entwicklung des Sohnes was bedeutsames, und für den Vater übrigens auch.

Warum Jungs mehr “Scheiße bauen”

Sie warnen in Ihrem Buch vor einer reibungslosen, perfekten Pubertät. Warum kann es diese nicht geben?

Ja, ich finde es eher verdächtig, wenn es nicht mal lebhaft wird. Ohne Krise gibt’s kein Wachstum, bei Jungen nicht, aber auch nicht bei Eltern. Pubertät ist immer das erste Mal, selbst beim vierten Sohn hat man das mit diesem einen so noch nicht erlebt. Die Jungen finden sich selbst, auch mit ihrem Männlichsein, und auf diesem Weg passieren Experimente, die schief gehen. Das alles holpert, spannt und kracht eben manchmal, es muss so sein. In der Pubertät geht es nicht ohne Konflikte. Aber Konflikte sind auch eine Form der Beziehung, Eltern können dabei ihr Dranbleiben als Ausdruck ihrer Liebe sehen und wertschätzen, das ist Pubertätskuscheln.

Stichwort “Scheiße bauen”. Das ist bei Jungen doch stärker ausgeprägt als bei Mädchen. Bitte erläutern sie woher das kommt.

Unsinn zu machen gehört generell zur Pubertät, das ist bei den meisten Mädchen auch so, das liegt am Gehirn, das sich in dieser Zeit teilweise auflöst und umbaut. Aber Jungen treiben es im Durchnitt heftiger, sie werden von zusätzlichen Komponenten beflügelt: Die eine steckt im Körper, Jungen haben viel mehr Testosteron, das befeuert das Handeln, die Impulsivität, das Kräftemessen und die Suche nach Status. Die andere sind die Männlichkeitsbilder, wer sich so verhält ist richtig männlich, ein Teufelskerl. Risiko und Grenzüberschreitungen werden männlich gelesen. Der Kick bei Gefahren und überlebte Risiken werden von Körper und Psyche mit Euphorie belohnt. Werden Gefahren heil überstanden, stellen sich Glücksgefühle und Selbstbestätigung ein. Kein Wunder, dass das unglaublich attraktiv ist.

Ein Mann werden: Erlernen, Risiken einzugehen und warum das gut ist

Und warum hat das auch einen Sinn?

Wenn Jungen Risiken eingehen, fühlt sich das spektakulär an, das kann ihnen helfen, sich zu spüren und sich zu finden. Aber auch gesellschaftlich liegt Sinn darin, wenn Jungen Risiken suchen. Es hat sich wahrscheinlich in der Evolution so entwickelt, vielleicht dass sich junge Männer in die Wildnis wagen, um Neues zu entdecken oder um anderswo soziale Anregungen oder Sexualpartner zu finden? Klar müssen das nicht alle, aber gut ist es, wenn es viele tun. Und den Mut, Grenzen zu überschreiten und etwas zu wagen, sowas wie Pioniergeist, das braucht eine Gesellschaft ja immer.

Kann man diesen “Antrieb” als Eltern überhaupt kanalisieren?

Nicht alles, aber Eltern können Jungen dabei unterstützen, dass sie besser durch diese wilde Phase kommen. Risikoverhalten lässt sich nur bedingt über den Kopf beeinflussen, Warnungen oder Informationen über Gefahren verpuffen. Unsere Söhne brauchen Risikokompetenz, damit sie fit fürs Risiko werden und die Pubertät gut überstehen. Die erwerben sie, indem sie schon als Kinder Risiken eingehen dürfen und dabei intuitiv lernen, mit Gefahren umzugehen. Aber auch klare Neins und Hinweise. In der heißen Phase sind Risikogespräche wichtig, mit der Haltung: Die Eltern sagen, was sie wissen und denken, aber der Sohn entscheidet dann, was er macht.

Nicht immer einfach und auch kränkend: Eltern sind nicht mehr so wichtig

Stichwort Loslassen. Welche Probleme können hier für Eltern auftreten und warum ist übereifriges Kümmern (Helikoptern) gerade auch in der Pubertät sehr schädlich?

Vieles im Leben des Sohnes geht die Eltern jetzt einfach nichts mehr an. Das markiert der Sohn, mehr oder weniger deutlich: Halt Dich aus meinem Leben raus! So eine Zurückweisung kann Eltern schon auch kränken. Für Eltern ist es auch schwer auszuhalten, wenn der Sohn Dinge verpasst und verbockt – aber es ist eben immer mehr sein Kram. Natürlich ist es schwer, immer das richtige Maß, die gute Balance zwischen raushalten und einmischen zu finden. Es ist auf der anderen Seite doch auch was Tolles, wenn Eltern jetzt wieder mehr Zeit und Kraft für sich haben. Aber das ist auch nicht ungetrübt. Manches, wovon das Kümmern und Sorgen um den Sohn abgelenkt hat, taucht jetzt auf, seien es Schwierigkeiten in der Partnerschaft oder persönliche Entwicklungsthemen der Eltern. Und einige der Sorgen, die wir auf die Pubertät des Sohnes schieben, hätten wir auch sonst.

Was ist nach Ihrer Ansicht das Wichtigste, dass Eltern und Kind einigermaßen heil durch die Pubertät kommen?

Das ist natürlich sehr speziell, Jungen sind ja sehr verschieden und die einen brauchen dies, den anderen hilft das. Aber generell hilft den Jungen das Vertrauen der Eltern und ihre Zuversicht. Es ist ja ein wenig paradox, gerade in der Zeit, in der Jungen am meisten zuzutrauen ist, sollen Eltern ihnen Vertrauen! Aber Jungen brauchen dieses So-Tun-Als-Ob, die zuversichtliche Grundhaltung, die heranwachsenden Söhnen auch in kritischen Phasen vermittelt: „Das wird schon!“

 

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