Leben mit Kindern

Was wirklich hinter der Langeweile von Kindern steckt

15. April 2020

“Mir ist so langweilig, ich weiß nicht, was ich tun soll”, das hören wir Eltern doch gerade jetzt in Corona-Zeiten seeeehr oft. Es ist noch schwieriger (und nerviger) gerade, neben Homeoffice, Haushalt und Masken nähen noch die Bespassung der Kinder zu wuppen, die wie wir an Lagerkoller leiden, vielleicht sogar noch mehr. “Dann geh mal in Dein Zimmer, da hast Du tausend Spielsachen”, ist dann oft meine Antwort. Und dann gehen die Kinder rauf in ihre Zimmer und spielen stundenlang dankbar und vertieft mit ihren Sachen. Nicht. Warum ist das nur so? Gerade verbringen wir viel Zeit mit den Kids und manches wollen wir Eltern einfach nicht so richtig verstehen.

Sandra Winkler hat ein wunderbares Buch dazu geschrieben. “Das Kinderverstehbuch” bietet Eltern viele Antworten auf Fragen wie” Warum essen Kinder immer das Gleiche”, “Warum streiten Geschwister andauernd” und eben auch” Warum haben Kinder ständig Langeweile”, der hier vorliegende Text:

Warum haben Kinder ständig Langeweile?

Meist überfällt es meine kleine Tochter ganz überraschend. Kürzlich zum Beispiel auf dem Weg zum Supermarkt. Sie fuhr mit dem Fahrrad, was sie noch gar nicht so lange kann. Die ersten Meter waren also ziemlich aufregend. Doch dann bogen wir um die Ecke. Und dahinter passierte es: Ihr wurde plötzlich ganz furchtbar »laaaangweilig«, so sehr, dass sie kaum mehr in die Pedale treten konnte. Ein anderes Mal malte sie ein Einhorn. Kaum war die lila Mähne fertig, stand sie auf, kam entnervt zu mir und fragte: »Was soll ich denn jetzt machen?« Unser Blick fiel auf ihr Zimmer voller wunderbarer Spielsachen. Ich schlug also etwas vor: »Noch ein Bild malen vielleicht?« »Nein!« »Lego?« »Nein!« »Mal wieder gegenseitig frisieren?« »Nein!« Das Kind hatte zu nichts Lust. Nur die Verheißung auf iPad, Fernsehen oder Schokoladentorte hätte die Stimmung wahrscheinlich heben können. Also, was nun? Nicht nur das Kind war verzweifelt.

Langeweile und Lernen hängen zusammen

»Mir ist so langweilig!« gehört genau wie »Sind wir bald da?« oder »Das mag ich nicht!« zu den Kindersätzen, die Eltern in einen nervösen Zustand befördern. Sie fühlen sich gefordert. Als müssten sie das arme Kind von der Langeweile, die es befallen hat, heilen wie von Scharlach oder Schuppenflechte.
Dabei gibt es einen guten Grund, warum den Kleinen häufig alles so öde vorkommt. Sie sind von Anfang an darauf ausgerichtet, Neues zu lernen, Erfahrungen zu machen. Um all die Dinge in ihrer Umwelt zu verstehen, müssen sie unentwegt so viele Informationen wie möglich aufnehmen, verarbeiten und speichern. Am besten jagt eine Herausforderung die nächste. Sonst wird es eben: laaaaangweilig! Bereits Säuglinge wenden sich ab, wenn man ihnen in Tests immer wieder das gleiche Bild zeigt. Nun könnte man denken: Die werden wahrscheinlich müde. Tatsächlich sind sie aber wieder interessierter und schauen aufmerksamer hin, wenn ein Motiv ins Spiel kommt, das sie vorher noch nicht gesehen haben. Langeweile ist also ganz natürlich und sogar angeboren.

Langeweile muss überwunden werden-vom Kind selbst

Sollten wir unsere Kinder deshalb andauernd bespaßen, ihnen immer wieder neue Bilder hinhalten? Nein, auf keinen Fall, meinen Pädagogen, Hirnforscher und Erziehungswissenschaftler. Zum einen müssen Kinder ja – obwohl es ihnen angeboren ist, ständig dazulernen zu wollen – damit zurechtkommen, dass das Leben zuweilen eintönig und reizlos dahinplätschert. Manchmal hat man einfach nichts zu tun. Sie müssen lernen, sich selbst zu beschäftigen. Und das werden sie nie, wenn Mama oder Papa bei jedem genölten »Mir ist langweilig!« den Entertainer gibt oder ihnen das iPad in die Hand drückt. Ein Kind, das seine Langeweile nicht selbst überwinden kann, weiß auch als Erwachsener nichts mit sich anzufangen, meinen Experten. Möglichst ganz allein soll der Nachwuchs das tiefe Tal der Ödnis durchschreiten, den Leerlauf spüren, auf dem Bett rumliegen und an die Decke starren, um selber etwas zu finden, bei dem er seine Neugier ausleben kann. Und das wird er irgendwann bestimmt. Denn zum anderen gilt Langeweile als Eintrittskarte in eine kreative Phase.

Langeweile macht kreativ

Eine Studie darüber, wie schöpferisch Langeweile ist, führte eine Forschungsgruppe von der University of California in Santa Barbara durch. Zuerst gab sie Studierenden zwei Minuten Zeit, um möglichst viele ungewöhnliche Verwendungszwecke für Alltagsgegenstände wie Zahnstocher, Kleiderbügel, Ziegelsteine und Ähnliches aufzulisten. Danach wurden die Probanden in vier Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe arbeitete weiter an der Aufgabe, die zweite hatte Pause, die dritte musste eine anspruchsvolle Gedächtnisaufgabe lösen, die vierte erhielt eine wenig fordernde, eintönige Aufgabe. Nach zwölf Minuten sollten sich alle Teilnehmenden wieder mit der Aufgabe rund um Zahnstocher und Kleiderbügel beschäftigen. Sie bekamen zwei neue und zwei alte Gegenstände zugeteilt. In den ersten drei Gruppen ging die Arbeit wie zuvor voran, die vierte Gruppe aber verbesserte sich bei den bereits bearbeiteten Gegenständen um 41 Prozent. Die Probanden, die sich gelangweilt hatten, hatten sich anscheinend unterbewusst mit der Aufgabe weiterhin beschäftigt und neue Lösungen gefunden.

Wenn das Gehirn nicht gefordert wird, sind dennoch Aktivitäten feststellbar, die es danach leistungsfähiger machen, sagen medizinischen Studien. Der Philosoph Friedrich Nietzsche drückte es poetischer aus: Langeweile sei »jene unangenehme Windstille der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht«. Und tatsächlich: Gibt man Kindern Zeit für Langeweile, kommen sie meist auf die tollsten Ideen, bauen ein Schloss aus leeren Klopapierrollen, stellen sich vor, der Boden wäre Lava, und springen von Stuhl zu Couch zu Tisch oder bereiten eine ganze Zirkusvorstellung für einen vor.
Dafür, dass Kinder sich heute – trotz Dauerbespaßung durch iPads, Filmchen auf dem Smartphone und Helikoptereltern – schneller langweilen als früher, gibt es übrigens keine wissenschaftlichen Belege. Im Gegenteil, in dem seit Jahrzehnten regelmäßig durchgeführten Marshmallow-Test (Kinder werden in einem ansonsten leeren Raum mit einer Süßigkeit und der Ansage »Eine jetzt oder zwei, wenn du wartest« zurückgelassen) halten die Kleinen zunehmend länger aus. Und auch wenn es dabei eigentlich um die Erhebung der sogenannten Impulskontrolle geht, müssen die Kleinen tatenlos dasitzen – und das ist verdammt langweilig.

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