Leben mit Kindern

Corona und Carpe Diem: Gedanken über die eigene Vergänglichkeit

27. Oktober 2020

Kürzlich musste ich für vier Nächte ins Krankenhaus wegen einer Fuß- OP. An sich kein dramatischer Eingriff, für den Chirurgen ein Routineeingriff. Für mich der absolute Supergau. Ich war fix und fertig mit den Nerven, denn mich traf die Erkenntnis, wie viel ich als Mutter von drei Kindern und Ehefrau eigentlich zu verlieren habe.

Sonst stehe ich ja meine Frau, komme was wolle. „Nach drei Geburten kann mich nichts mehr umhauen!“ sage ich seitdem immer. Dann das: Ein filmreifes Abschiedsszenario von meiner Familie vorm Krankenhaus. Die Mädchen heulten herzzerreißend und mein Sohn ließ erst nach dreimaliger Aufforderung vom Rollkoffer, während mein Mann mich vehement in den Fahrstuhl schob. „Ich will da nicht rein!“, flüsterte ich ihm bei der wirklich allerallerletzten Umarmung ins Ohr, bevor mich der steril verchromte Fahrstuhl umschloss und mit mir in die Höhe rauschte. In meinen Ohren rauschten es auch. Beim Anblick meines verzweifelten Ichs im goldmattierten Fahrstuhlspiegel verlor ich die Beherrschung. Tränenüberströmt kam ich auf Station 5.2 an.

„Sie sind zehn Minuten zu spät. Name?“ begrüßte mich eine Krankenschwester mit Bürstenhaarschnitt. Eigentlich war ich bestens vorbereitet gewesen, hatte den Klinikkoffer schon Tage im Voraus gepackt. Daheim war alles tip top: Die Lebensmittelvorräte aufgestockt, die Wäsche weggewaschen, die Fenster geputzt. Immerhin würde ich eine Weile auf Krücken gehen. Ich hatte meinen Organspende Ausweis vorbildlich für die Klinik kopiert und wurde im Anästhesie Vorgespräch umfangreich über alle „Eventualitäten“ aufgeklärt. Doch genau hier lag die Crux: Das Wissen um alle möglichen Risiken, die eine Narkose mit sich bringen kann, verunsicherte mich zutiefst. Denkbare Komplikationen wie Lähmungen, Nervenreizungen und Hirnblutungen raubten mir schon Tage vor der OP den Schlaf.

Erst wenn das, was man hat bedroht ist, wird man sich des Wertes bewusst…..

Im Krankenhaus wurde ich mir meiner Sterblichkeit bewusst

Was weiß ich denn schon, was die Zukunft bringt? Ich bin ja nicht unsterblich, auch wenn ich in den vergangenen vierzig Jahren überwiegend so getan habe, als ob. Über den Tod denkt keiner gerne nach, niemand spricht ungezwungen über Krankheit und Verlust. Es ist viel einfacher, diese Themen aus dem alltäglichen Erleben auszuklammern. Auch in meinem direkten Umfeld häufen sich Krankheiten, je älter ich werde – wer die Vierzig überschritten hat, muss sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass auch die eigenen Eltern nicht jünger werden. Alleine im vergangenen Jahr sind zwei nahestehende Personen im Freundeskreis an Krebs erkrankt.

Zudem erleben wir eine globale Pandemie, bekommen die Endlichkeit unseres Seins in der medialen Berichterstattung täglich vor Augen geführt.

Auf Station 5.2. lag ich mittlerweile mit einem OP- Patientenhemdchen, das ich mir nicht alleine zubinden konnte (Verschluss am Rücken), in dem mir zugewiesenen Krankenhausbett und wartete, dass es endlich Richtung Chirurgie ging. Als ob dieser Zustand nicht schon erniedrigend genug war, durfte ich seit dem Vortag nichts essen und trinken. Mein Kopf schmerzte zunehmend, immer wieder kamen mir die Tränen, Ibuprufen und Tavor Beruhigungsmittel zum Trotz. Ja, ich hatte Angst.

Und um mich die Corona-Pandemie…

Lange war ich mir meiner eigenen Vergänglichkeit nicht so bewusst, wie in diesem Moment. Zur Ablenkung verfolgte ich die aktuellen Nachrichten auf dem Fernsehbildschirm an der Wand. Allerdings brachte mich weder das um sich greifende Virus, noch die ernüchternde Wahrscheinlichkeit der Wiederwahl eines cholerischen US –Präsidenten auf bessere Gedanken. Dann endlich, ich war gerade dabei, mich in einer deprimierenden Doku über den Klimawandel zu verlieren, hatte der Wartemarathon ein Ende.

Ich ließ das letzte im Krankenzimmer zurück, was mir noch blieb – Brille und Ehering – bevor ich in der waagerechten durch schier endlose Krankenhausflure geschoben wurde. Ich schloss die Augen und hatte plötzlich die Sachbearbeiterin vom Jugendamt vor mir, bei der mein Mann und ich vor zehn Jahren, wir waren noch unverheiratet, die Vaterschaftsanerkennung unseres ersten Kindes machten. Dabei thematisierte sie, wie wichtig eine Sorgerechtsverfügung für Kinder sei, für den „Fall der Fälle“. Das Thema Vorsorgevollmacht haben wir ebenso wie ein Testament bis heute vor uns hingeschoben. Bevor ich in den erlösenden Narkoseschlaf fiel, nahm ich mir fest vor, das nachzuholen, wenn diese OP überstanden sei.

OP überstanden und jetzt: Carpe Diem!

Als mich mein Mann vier Tag später aus der Klinik abholte, verliebte ich mich auf der Stelle neu in ihn. Dankbar fuhr er mit mir und meinen Krücken in unser französisches Lieblingscafé, wo wir früher (bevor die Kinder kamen) oft frühstückten. Hier zog er überraschend eine alte Postkarte aus der Jacke, die wir vor 15 Jahren dort mit unseren Wünschen für die Zukunft beschrieben hatten. Wir stellten einerseits fest, dass „Kanada, ein Oldtimer als Zweitwagen und ein neues Instrument spielen lernen“ nach wie vor unerreicht sind, andererseits, die wirklich entscheidenden Wünsche bereits erfüllt sind: Kinder, die uns tagein tagaus beschäftigen, fordern, fördern und ein kleines wie feines Zuhause mit viel Leben, Lachen und Liebe. Dankbar dachte ich „Wie wunderbar!“ und nahm mir ganz fest vor, den Moment zu genießen, jeden Tag aufs Neue.

 

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1 Kommentar

  • Reply Die #30am30 besondere Dinge aus dem Oktober 2020| grossekoepfe 29. Oktober 2020 at 11:10 pm

    […] #4  Frau Mutter schreibt einen schönen Artikel über die Vergänglichkeit  […]

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