Leben mit Kindern

Chancengleichheit durch frühe Bildung? Warum wir genauer hinschauen müssen

17. Mai 2019

Kaum ist ein Kind auf der Welt, schon dreht sich die Frage um die beste Förderung und Bildung. Es gibt Programme, die sich auf die Bildung von Babys und Kleinkinder spezialisiert haben, wie zum Beispiel Baby Einstein oder die Helen Doron Englischkurse. Eltern möchten für ihr Kind das Beste und somit auch die besten Entwicklungs- und Bildungschancen – und das ist auf keinen Fall verwerflich. Die frühkindliche Betreuung sollte selbstverständlich Bildungsanreize setzen und das eigene Kind in seinen Stärken erkennen und darin fördern. Schwächen sollten natürlich auch frühzeitig erkannt und vorgebeugt werden. Ja, es scheint ein Wettbewerb unter Eltern zu geben: Es geht um die guten Plätze in der Gesellschaft und die sind in der Tat rar. Hier ein kritischer und nachdenklicher Beitrag zum Thema “Fördern, bis der Arzt kommt”, mal ganz salopp gesagt. 

Einen guten Platz in der Gesellschaft sichern: Chancengleichheit?

Viele Eltern haben erkannt, dass es nicht jede*r schaffen kann. Nicht alle werden auf der Sonnenseite unserer Gesellschaft stehen. Nicht alle werden einmal einen guten Job haben und sich selbst verwirklichen können. Da gibt es nämlich noch jene, die am Rande der Gesellschaft stehen. Jene, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, weil sie keine Arbeit finden oder keine Ausbildung vorzuweisen haben. Und dass Eltern Sorge um die Zukunft ihrer Kinder haben und Ängste entwickeln, dass das eigene Fleisch und Blut zu jenen Abgehängten gehören könnte, ist gut nachzuvollziehen. Also, was tun? Den eigenen Sprössling so früh wie möglich bilden und fördern – denn frühe Bildung oder frühkindliche Bildung, so heißt es, hilft dir nach oben zu klettern. Das stimmt auch, allerdings nur in gewisser Weise. Echte Chancengleichheit gibt es nämlich nicht. 

Viele Pädagogen*innen springen auf diesen Zug mit auf. Auch sie scheinen zu glauben, dass gesellschaftlicher Aufstieg nur durch Bildung zu gewährleisten sei. Bildung und Förderung als der Schlüssel für ein gelingendes Leben. Die logische Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis ist nun, dass Kinder in Krippe und Kita mit Bildungsangeboten übersät werden. Frei nach dem Motto: Viel hilft viel.

Das Versprechen der frühen Bildung

Schauen wir uns einmal die Landschaft des Elementarbereichs näher an. In den letzten Jahren hat das Thema Frühe Bildung eine enorm wichtige Rolle zugesprochen bekommen. Für viele (privilegierte) Eltern ist es immer wichtiger, dass in der Krippe bzw. spätestens in der Kita, Bildung an der Tagesordnung steht. Und so sind genau jene Einrichtungen attraktiv, die ein entsprechendes Bildungsversprechen abgeben. Es wird geforscht und gerechnet, es werden Musikinstrumente oder Fremdsprachen erlernt. Die Kinder werden mit Bildungsangeboten geradezu überflutet, weil sie ja vor allem in diesen ersten Lebensjahren so empfänglich dafür seien. Das sind die Jahre, die die Weichen stellen und Eltern wollen sich später einmal nicht nachsagen lassen, sie hätten nicht genügend für die Zukunft ihrer Kinder getan.

Kindergärten als Bildungseinrichtung

Kindergärten sind heute längst keine Orte des kindlichen Spiels mehr, sondern sie sind Bildungseinrichtungen – und so wollen sie auch explizit genannt werden. Einzug erhielten in den letzten Jahren insbesondere die MINT-Bereiche (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Beispiele für frühe Bildungsangebote im Elementarbereich sind etwa „Das Haus der kleinen Forscher“, das „Zahlenland“ oder auch unterrichtsähnliche Einheiten für den Erwerb von Fremdsprachen. Kinder sollen lernen und nicht spielen, es sollen Fähigkeiten und Kompetenzen erworben werden – das ist die (neue) Devise. Und dieser Paradigmenwechsel kommt sehr gut an, insbesondere bei den Eltern.

Um nicht missverstanden zu werden: Ja, es ist gut, dass Bildung eine große Rolle in der Gesellschaft und der Politik spielt. Aber die Politik klammert wichtige Faktoren aus, zum Beispiel den Zusammenhang diskriminierender Strukturen im Bildungssystem. Denn Bildung kommt eben nicht bei allen gleich an. Eltern aus ärmlicheren Strukturen können es sich (finanziell) nicht leisten bestimmte Bildungseinrichtungen für ihr Kind auszuwählen. Bildung ist heute eine Frage des Geldbeutels, der Privilegien sowie der Herkunft und eben nicht etwas, das in erster Linie mit Selbstverantwortung und individuellen Leistungen in einem Zusammenhang steht.

Auch frühe Bildung ist Frage des Geldbeutels

Das Versprechen der Frühen Bildung geht letztlich nur für die Kinder auf, die bereits aus privilegierten Elternhäusern stammen. Für Kinder, deren Eltern eh schon am Rande der Gesellschaft stehen, sind die Aufstiegschancen durch Bildung und Förderung sehr gering, also was ist mit der Chancengleichheit? Das bedeutet also, die Gewinner und die Verlierer einer Gesellschaft stehen von Anfang an fest. Suggeriert wird aber etwas anderes, nämlich, dass wir es alle selbst in der Hand haben, auf welcher Seite wir letzten Endes stehen werden. Wir alle kennen Sätze, wie zum Beispiel:

  • „Das Individuum ist für sich selbst verantwortlich, ob es Bildung annimmt, oder eben nicht.“
  • „Die Eltern sind für ihre Kinder verantwortlich, ob sie ihnen so früh wie möglich Bildungschancen ermöglichen, oder eben nicht.“

Solche Glaubenssätze haben wir bereits so sehr verinnerlicht, dass wir sie nicht mehr in Frage stellen. Sie werden tagtäglich von unseren etablierten Politikern verwendet und selbst gebildete und reflektierte Menschen übernehmen diese Haltung und Einstellung des neoliberalen Denkens.

Neoliberales Denken in der frühkindlichen Erziehung?

Der einzelne Mensch muss also für sich selbst schauen, wo er oder sie bleibt – das ist eine wichtige Botschaft unserer heutigen (neoliberalen) Gesellschaftsform. Und so werden die Ellbogen ausgefahren, teilweise auch Härte und Strenge an den Tag gelegt, um eben nicht auf der Verliererseite zu stehen.

Und genau diese Härte und Strenge spüren auch schon die kleinen Menschen in den pädagogischen Einrichtungen, wie Krippe oder Kita. Kinder werden nur noch in ihren Fähigkeiten und Kompetenzen gesehen und nicht in erster Linie in ihrem Menschsein: Es geht darum, was sie schon können und was sie noch lernen müssen. Es geht um Bildungsprozesse und um effektives Lernen.

Nochmal: Selbstverständlich ist Bildung wichtig und ein hohes Gut. Bildung sollte tatsächlich einen zentralen Stellenwert in unserer Gesellschaft einnehmen. Bildung ist ein Menschenrecht! Doch jetzt kommt das große Aber!

Der soziale Status der Eltern beeinflußt die Chancen der Kinder

Obwohl wir mittlerweile alle wissen (oder wissen sollten), dass Bildungschancen nicht gerecht verteilt sind, gibt es immer noch Leute – darunter viele Politiker*innen und Pädagoge*innen – die diese Tatsache herunterspielen, klein reden oder sogar leugnen. Ich unterhalte mich immer mal wieder mit Menschen (wohlgemerkt Menschen mit einem höheren Bildungsabschluss), die überzeugt sind, dass Noten in den allermeisten Fällen gerecht sind und dass Arbeiten von Schüler*innen nicht nach Herkunft, sondern nach Leistung, bewertet werden.

Aber so ist es nicht!

Viele Wissenschaftler, aber auch Pädagoge*innen, Lehrer*innen und andere Praktiker, machen darauf aufmerksam, dass unser Bildungssystem in einem miserablen Zustand ist. Selbst der OECD- Bericht macht auf diesen Zustand aufmerksam:

„Der berufliche und soziale Status der Eltern bleibt der wichtigste Faktor, der die Teilnahme an Bildung sowie wirtschaftlichen und sozialen Erfolg beeinflusst.“

Die Idee, Kinder im Elementarbereich zu stärken und ihnen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen ist gut gemeint und sicherlich auch nicht verkehrt. Aber es kann doch nicht ernsthaft die Lösung sein, dass wir Kitas in Bildungsstätten umbenennen oder unterrichtsähnliche Module für den Elementarbereich entwickeln und dies als Rettung unserer gesellschaftlichen Ungleichheitsproblematik anpreisen?

Das sind meines Erachtens große Rückschritte, die wir in der Bildungs- und Sozialpolitik machen, weil wir dadurch erstens andere Faktoren – wie beispielsweise Herkunft oder sozialer Status der Eltern – nicht berücksichtigen und zweitens kindliche elementare Bedürfnisse massiv vernachlässigen.

Je jünger Kinder sind (Krippen- und Kitakinder sind das), desto mehr emotionale und körperliche Zuwendung brauchen sie:

  • Kleine Menschenkinder brauchen nicht an erster Stelle Mathematik oder Naturwissenschaften, sondern das Gefühl sicher und geborgen zu sein.
  • Kleine Menschenkinder brauchen nicht an erster Stelle Yoga-, Kunst- oder Musikkurse, sondern Beziehungs- und Bindungserfahrungen.
  • Kleine Menschenkinder brauchen nicht an erster Stelle Fremdsprachenunterricht, sondern müssen sich im Umgang mit anderen und der Welt als selbstwirksam erleben können.

Ist frühe Bildung also Unsinn?

Nein!

Kindern Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen ist nie schlecht. Und auch gerade für die Kinder Bildungschancen zu schaffen, die aus schwächeren Bildungsstrukturen kommen, ist enorm wichtig und notwendig.

Die Kritik an der frühen Bildung ist, dass sie – in ihrer derzeitigen Ausrichtung – Ungleichheitsstrukturen nicht ausgleicht, sondern vielmehr verstärkt. Letztlich profitieren die Kinder aus schwachen Sozialstrukturen am allerwenigsten von der Frühen Bildung, weil bestimmte (primäre) Bedürfnisse noch nicht hinreichend gestillt sind.

Frühkindliche Bildung ist gut und wichtig, aber noch viel wichtiger ist es, dass Kinder in den ersten Lebensjahren vor allem die Erfahrung von guten und sicheren Bindungsbeziehungen machen. Dass sie ein positives Bild von sich und der Welt entwickeln. Ja, dann – und erst dann – ist Lernen überhaupt möglich.

Über die Autorin:

Sandra Siehl, Sozialpädagogin (B.A.), SAFE-Mentorin (PD Karl Heinz Brisch), Ausbildung in systemischer Kinder- und Jugendlichentherapie, aktuell im Aufbaustudium Erziehungswissenschaft (M.A.) und in der Familienberatung tätig. Interessiert sich neben den entwicklungspsychologischen Themen auch für folgende Bereiche: Armut, soziale Ausgrenzung, Diskriminierung, Rassismus, soziale Bewegungen, Feminismus oder Geschlechterforschung (Gender Studies). Mehr Texte sind auf ihrem Blog “Die kritische Schreibwerkstatt mit Herz”  zu finden.

 

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1 Kommentar

  • Reply Clara (Stiftung "Haus der kleinen Forscher) 13. Juni 2019 at 8:01 am

    Ein schöner Beitrag – der auch in der Stiftung “Haus der kleinen Forscher” gern gelesen wurde.
    Eine Anmerkung jedoch zur Pädagogik der Bildungsinitiative, da die Stiftung ja direkt als Beispiel genannt wurde:

    Tatsächlich ist das Angebot des “Hauses der kleinen Forscher” weit von unterrichtsähnlichen Modulen entfernt. Es geht nicht um das Erlernen von Fakten/dem Finden von „richtigen“ Antworten aus Erwachsenensicht, stattdessen sollen Mädchen und Jungen die Möglichkeit haben, ihren Fragen nachzugehen und die Welt zu erkunden und dabei Selbstwirksamkeit zu erleben. Wir nehmen Kinder als kompetente Individuen ernst, die Neugier von sich aus mitbringen. Unsere Fortbildungen haben das Ziel, pädagogische Fach- und Lehrkräfte dabei zu unterstützen, die Kinder Ko-Konstruktiv zu begleiten, diesen Lernprozess also in einem gemeinsamen sozialen Vorgang zu gestalten.

    Das ist jetzt natürlich sehr knapp zusammengefasst, daher habe ich als Website den Link zu unserem pädagogischen Ansatz eingetragen. Schnuppern Sie gern rein.

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