Familienalltag mit Humor

Über das Älterwerden: Wenn mein Teenager mir die Wahrheit sagt

23. Juni 2021

Das Sprichwort sagt: Kindermund tut Wahrheit kund. Klar, kleine Kinder plappern gerne mal etwas aus, was man lieber nicht der Nachbarin oder dem Klassenlehrer erzählt hätte. Aber eigentlich sind das ja sehr harmlose Sachen und haben hauptsächlich mit  den Lieblingsthemen der Kleinen zu tun, also alles mit Pups und Kacka. In dieser Zeit kann man sich doch noch ihrer bedingungslosen Liebe sicher sein. Nicht nur das. Kinder, die noch nicht in der Pubertät sind, finden einen richtig toll. Witzig, schön, allwissend und vor allem: cool. Man kann eigentlich nichts falsch machen.

Pubertät= Mein Teenager sagt mir die Wahrheit

Das ändert sich schlagartig mit dem ersten Tag der Pubertät. Mamas Witze und Papas Geschichten, die früher beim Kind Lachanfälle hervorriefen und große Augen der Bewunderung, all das ist jetzt:

„Lost“

„Cringe“

„Cringe-Faktor-hoch-10“

oder schlichtweg: „Einfach NEIN, Mama.“

Es wird sich selbstredend auch nicht die Mühe gemacht zu erklären, warum ich „lost“ oder „einfach nein“ bin.  Ablehnung in maximal drei Worten. Das muss reichen.  Teenies werden im Verbrauch von Wörtern, insbesondere bei Gesprächen mit den Eltern, generell sehr sparsam. Diplomatie? Warum Energie verschwenden, die man fürs Chillen braucht?

Früher habe ich Liebesbriefe und Komplimente bekommen

Ach, war das eine schöne Zeit, als der Sohn noch klein war.

„Guten Tag, Frau Mutter. Ich habe Sie lib.“ Solche kleinen Briefe schrieb er mir auf Zetteln oder später über die Mail-Adresse meines Mannes.  Zunächst vermutete ich noch eine akute Rechtschreibschwäche beim Vater des Kindes, dann freute mich jahrelang, wenn solche süßen kleinen Botschaften meines Sohnes auf meinem Handy aufpoppten.

Heute sehen WhatsApp-Unterhaltungen so aus:

„Kannst Du mich von der Schule abholen. Aber in der Nebenstraße parken.“

„Nein, bin bei der Arbeit.“

„Sad.“

——–

„Kauf mir bitte noch Proteinjoghurt!“

„Gemüse und Obst essen- das reicht völlig aus.“

“ Willst Du Stress, Mama?“

——–

„Wann kommst Du heute heim, mein Schatz?“

„Weiß nicht. Ruhig bleiben, Mama.“

„Hab Dich lieb“.

Gähn-Emoji.

Joa.

Früher „coole Mama“, heute igitt

Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, wird man deutlich mit dem eigenen Älterwerden konfrontiert. Letzten Sommer saß ich in meinem neuen Badeanzug auf einem Bootssteg am Tegernsee, den ich explizit wegen seines angepriesenen „Bauch-weg-Effektes“ gekauft hatte.

Kommentar des  Sohnes: „Ich komm nicht vorbei.  Speckrücken hoch 10, Mama!“

„Also wirklich,

das ist ja unerhört,

wie redest Du mir mir,

immerhin habe ICH DIR das Leben geschenkt…..“

Abends schaute ich mich kritisch im Spiegel an. In der Tat hatte mein Look etwas von  „Wurst in der Pelle“.  Am Abendbrottisch bei bayerischen Schmankerln sprach ich das Ganze nochmal an und hielt dem Sohn, während ich herzhaft in den Krustenbraten biss, eine Body Positivity-Standpauke. Und überhaupt: „So kann man nicht mit und über Frauen reden!“

„EASY, Mama. Ruhig bleiben. Hab Dich doch nur Hops genommen.“

Für den Rest des Urlaubs blieb ich ruhig, trug weiterhin den wirkungslosen Bauch-weg-Badeanzug und genoss noch zwei Wochen lang Hochkalorisches.  Das pubertierende Kind weiß sehr wohl, welche Knöpfe zu drücken sind bei Mama oder Papa und hält uns den Spiegel vor.  Kein Wunder, er kennt uns ja auch schon seit fast 15 Jahren.

Vom Podest der Super Helden-Eltern herunterzusteigen, das ist auch irgendwie befreiend.

Ich schaue meinen Teenager an und sehe, wie die Zeit verstreicht

Es ist wie es ist: Ich werde älter. Ich werde in den Augen meines Sohnes immer mehr peinliche Sachen sagen, tun, tragen. Nicht mehr verstehen, wie die Welt der Jungen läuft, was gerade in oder out ist. Welche Musik cool oder uncool. Bald schon werde ich die neuesten Apps und Social Media-Trends nicht mehr verstehen und irgendwann nur noch mithilfe des Sohnes mein Handy bedienen können.

Unsere Welten gehen immer mehr auseinander, das müssen sie auch.  Seine Welt wird größer und wir? Bleiben zu Hause und gießen die Hortensien.

Von „Kommst Du heute zum Abendessen nach Hause?“ ist es gefühlt nur noch eine kurze Zeit bis „Du könntest Dich ja auch mal wieder melden!“

Wir haben nun plötzlich wieder Zeit für uns, aber es fühlt sich an, als ob mein Mann und ich auf uns zurückgeworfen sind. Es wäre jetzt wieder Zeit für Hobbies, die wir in den Jahren mit Kleinkindern alle aufgegeben haben.

Ich spüre, wie mein Mann und ich an Einfluss verlieren, wie der Sohn uns nicht mehr ernst nimmt. Sein Gesichtsausdruck sagt mir oft: „Soll ich mir jetzt ernsthaft von jemanden aus den 1970er-Jahren erklären lassen, wie es läuft?“

Ich kann jeden Tag sehen, wie mein Kind mehr und mehr zu einem Erwachsenen wird. Er wächst gefühlt einen Zentimeter in der Woche, seine Gesichtszüge verlieren das Kindliche. Während ich mir fleißig  Anti-Falten-Creme ins Gesicht schmiere, sehe ich die verstreichende Zeit wenn ich meinen fast 15jährigen Sohn anschaue.

Ich sehe ihm beim Älterwerden in Bewunderung und Liebe zu. Bin gespannt und aufgeregt, was er als Erwachsener erleben wird und fühle mich doch immer mehr wie eine Zuschauerin seines immer aufregender werdenden Lebens. Ein wehmütiges bitter-süßes Gefühl ist das.

Ob man sich jemals daran gewöhnen kann, dass die Kinder älter werden?

 

 

 

 

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1 Kommentar

  • Reply Jetzt sind wir dran: Warum Ü40-Eltern die beste Zeit ihres Lebens haben 7. September 2021 at 6:34 am

    […] die Frage, was eigentlich mit den eigenen Bedürfnissen ist. Inwiefern haben wir diese in letzter Zeit vernachlässigt? Wie ziehen Bilanz, was aus unseren Träumen geworden […]

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