Leben mit Kindern Unsortiert

Sind wir unglückliche Mütter, weil wir soziale Medien nutzen?

25. Juni 2021

Der Wettbewerb beginnt bereits kurz nach der Geburt. »Hat es dich schon angelächelt? Kann es sich schon drehen? Schläft es schon durch? Also mein Kind lächelt ja schon und versucht sich immer zu drehen. Und es schläft seit einer Woche durch.« Und dann steht man da in der Rückbildungsgymnastik, hat die Nacht über mal wieder im Zwei-Stunden-Rhythmus gestillt und das erste bewusste Lächeln des Babys lässt auch auf sich warten….


Meine heutige Gastautorin und Blogger-Kollegin Nathalie Klüver schreibt heute wie es ist, sein Kind und sich selbst als Mutter im ständigen Konkurrenzkampf zu sehen.
Und dieser Wettbewerb geht munter weiter, je älter die Kinder werden. Wer hat den ersten Zahn? Wer isst als Erstes Brei? Wer kann sich schon allein anziehen, malen, den Namen schreiben, Rad fahren, schwimmen und so weiter. In der Schule kommen dann noch die Noten dazu, die das Vergleichen einfacher machen. Die Kinder werden gleich in ein Raster gepackt, wie praktisch!

Vergleichen und Übertrumpfen

Das Muttersein von heute scheint manchmal ein einziges Vergleichen und Übertrumpfen zu sein. Nicht immer geschieht das bewusst.Selbst wenn einem klar ist, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat, ist es nicht immer einfach, sich diesem Wettbewerb zu entziehen. Wenn alle Kinder im Schwimmkurs munter ins Becken springen und nur das eigene Kind schon die Dusche vorab verweigert, dann ist es nicht einfach, ruhig zu bleiben. Und auch das selbst aufgesagte Mantra »Das Kind wächst nicht schneller, wenn man daran zieht« hilft nicht gegen das schale Gefühl, das sich im Magen ausbreitet, wenn die Nachbarskinder auf ihren Fahrrädern vorbeiflitzen, während das eigene Kind sich immer noch weigert, Radfahren überhaupt zu üben.

Und dann die Supermuttis im Internet

Das Muttersein ist nicht einfach heutzutage. Denn zu dem »Mein Kind kann aber schon …«-Wettbewerb gesellt sich noch mehr. Es ist nicht nur die Supermutti auf dem Spielplatz, mit der man sich, auch ohne es zu wollen, vergleicht. Da sind auch noch all die Supermuttis im Internet und in den sozialen Medien. Mit ihren perfekten Wohn zimmern, den gestylten Kinderzimmern und sorgfältig drapierten Obsttellern, die dann unter dem Hashtag #obstmandala stolz auf Instagram präsentiert werden. Passend dazu die Fotos von der Brotbox, in der das Vollkornbrot sternförmig ausgestochen ist und das Biogemüse aufgespießt und mit Petersilie drapiert danebenliegt.

Keine Frage, das Internet hat viele Vorteile. Sehr viele. Es macht uns das Leben leichter und ich kann mir ein Leben ohne all diese Erleichterungen nicht mehr vorstellen. Noch nie war es so einfach, rund um die Uhr so viele detaillierte Informationen und Antworten auf seine Fragen zu erhalten. Allerdings auch viele nicht fundierte Antworten und völlig falsche Informationen. In Zeiten des Internets nennen sich viele Leute Experten, deren Expertise ungeprüft oder selbst ernannt ist.
Die richtigen von den falschen Antworten zu trennen, ist ein Kraftakt und gerade für junge Eltern, die noch keine eigenen Erfahrungswerte haben, nicht immer einfach.

Schöne heile Instagram-Welt?

Untrennbar mit dem Internet verbunden sind die sozialen Medien, die das Muttersein verändert haben. Sie erleichtern vieles, keine Frage. Zu sehen, dass es anderen auch so geht, dass man nicht die Einzige in der Situation ist, hilft ungemein. Wenn ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die eine durchwachte Nacht hinter sich gebracht hat, lässt sich die Müdigkeit leichter ertragen. Liest man von anderen Müttern, dass ihre Kinder auch erst mit eineinhalb Jahren ihre ersten Schritte machten und mittlerweile herumflitzen wie alle anderen Kinder, dann beruhigt das. Und lässt auch die immer wiederkehrende Frage der Schwiegermutter, wann der Enkel denn nun endlich läuft und ob wirklich alles in Ordnung mit ihm ist, besser ertragen.

Gerade in Netzwerken wie Instagram und Pinterest gibt es so viel geballte Inspiration und Anregungen, wie man sie nicht einmal in der Bücherei findet: von Bastelanleitungen über Büchertipps und Kochrezepte bis zu Reisezielen, Einrichtungstipps und Life-Hacks. Auch Nischenthemen werden bedient, für die man früher lange nach Büchern oder Zeitschriften suchen musste. Eine Bereicherung, keine Frage. Soziale Netzwerke sind sozial, sie schaffen eine Gemeinschaft. Sie helfen auch gegen die Einsamkeit, die gerade frischgebackene Mütter manchmal verspüren, wenn die Tage mit dem Baby lang werden. Vor allem, wenn man im Freundeskreis die Erste mit Kind ist, tut es gut, über den Tellerrand zu schauen und Kontakte zu knüpfen. Die Welt ist kleiner geworden durch das Internet.

Sich mit Mamas verbinden oder noch mehr Druck ausgesetzt sein?

Aber – jetzt kommt das große Aber: Gerade in den sozialen Netz werden Scheinwelten gezeigt. Auf vielen Profilen, gerade bei Instagram, wird ein perfektes Leben dargestellt – besonders bei den großen Insta-Mamas mit vielen Followerinnen. Top gestylt zeigen sie sich, ihre Kinder in teuren, natürlich sauberen Markenklamotten, in einer perfekt eingerichteten Welt mit Kinderzimmern, in denen man sogar den Fußboden betreten kann. Ab und zu wird mal ein wenig »Chaos« gezeigt, aber auch das perfekt inszeniert: »Huch, heute herrscht hier kreatives Chaos« steht dann da unter dem Bild vom Kinderzimmer wie aus dem Einrichtungskatalog. Das Chaos sind fünf umgekippte Bauklötze (natürlich aus Bio-Holz), die in der Mitte des ansonsten frei geräumten und selbstverständlich gestaubsaugten Teppichs liegen.

Natürlich werden und wurden solche Fotos auch in Zeitschriften gezeigt. Aber bei Bildern in einer Zeitschrift oder auch von Promis weiß man, dass sie inszeniert sind. Dass es Ausschnitte sind. Dass ein professioneller Fotograf mit der richtigen Beleuchtung eine entsprechende Szene fotografiert hat – und dafür alles Störende aus dem Bild geschoben hat. Wir wissen, dass Bilder in Zeitschriften und Homestorys von Promis nachbearbeitet werden. Und Zeitschriften versuchen auch gar nicht, zu suggerieren, dass sie das echte Leben zeigen.

Bei Instagram und Co. jedoch wird versucht, so zu tun, als zeige man das reale Leben, als nehme man die Followerinnen mit in das eigene Haus, als seien die Followerinnen Teil dieses Lebens. Durch diese Ansprache fehlt der Abstand, den man zwischen einen Zeitschriftenbeitrag und sich selbst legt. Bei Prominenten weiß man, dass Kindermädchen, Haushälterin und Köchin diesen Lebensstil ermöglichen.

Influencerinnen wollen jedoch »eine von uns« sein und wecken zu mindest unterbewusst das Gefühl: »Wenn die das so mühelos mit ihren zwei Kindern und dem Hund schafft, dann muss ich es doch auch schaffen. Aber wieso schaffe ich es nicht?« Durch Instagram ist eine neue Form von Vergleichbarkeit entstanden, die uns nicht guttut und unter Druck setzt – sei es auch nur unterbewusst.

Über die Autorin Nathalie Klüver:

In „Das Kind wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ schreibt Nathalie, die ihr vielleicht vom Blog www.ganznormalemama.com kennt, wie auch in ihren anderen Büchern kurzweilig und mit Humor darüber, wie wir unsere Kinder beim Großwerden unterstützen können – ohne Druck und ganz in ihrem eigenen Tempo. Es geht dabei nicht nur um Themen für junge Eltern (wie Stillen, Familienbett, Laufenlernen oder Töpfchentraining) sondern auch um ältere Kinder (Trödeln, Trotzphase, Essensvorlieben, Fremdbetreuung) und um das Muttersein an sich (Meckermama-Ich, Sorgen-Karussell, Mut zum Egoismus, Umgang mit den Supermuttis) und um die Frage, wie die Resilienz der Kinder gestärkt werden kann und welche Kindheit man für seine Kinder möchte.

Kolumnen, wie wir sie auf ihrem Blog mögen, wechseln sich mit Zitaten von Philosophen und Sprichwörtern ab, gut recherchierte wissenschaftliche Fakten geben den Rahmen – in dem Nathalie ganz ohne erhobenen Zeigefinger Tipps gibt und vor allem Mut macht. Und das Ganze kurzweilig, auf den Punkt und unverkrampft. Es bringt einfach Spaß, das Buch zu lesen! Eine Leseempfehlung von uns, auch ein tolles Geschenk für eine schwangere Freundin (oder aber eine besserwissende Schwiegermutter).

Von Nathalie sind übrigens auch noch weitere tolle Elternratgeber erschienen, unter anderem „Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein“, „Afterwork Familie: Wie du mit wenig Zeit dich und deine Familie glücklich machst“, „Das Familienkochbuch für nicht perfekte Mütter“ und „Willkommen Geschwisterchen“.

Frau Mutter folgen

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1 Kommentar

  • Reply Katrin 25. Juni 2021 at 5:34 pm

    So wahr! Aus diesem Grund halte ich mich von solchen Accounts auf Instagram – das ich ansonsten gerne nutze- fern. Schon die Kurse beim ersten Kind und die „Erfolgsgeschichten“ der anderen Mütter I. Bezug auf Schlafen, Essen und später Abstillen haben mich unter Druck gesetzt, und die Fragen meiner Mutter und Schwiegermutter hörten auch nicht auf. Ich bin froh, dass ich diese Kleinkindphase hinter mir habe – irgendwie kann ich mich seit die Kinder etwas größer sind doch besser von solchen Vergleichen frei machen.

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