Leben mit Kindern

Meine Vasektomie: Erfahrungen eines Dreifach-Papas

17. Juni 2021

Die Vasektomie beim Mann ist fast noch ein Tabu oder reden Stefan, Thomas und Michael abends beim Bier über so etwas? Warum eigentlich nicht? Frauen reden miteinander über ihren Zyklus oder andere „Frauensachen“. Die Sterilisation ist ein einfacher, unter lokaler Betäubung durchgeführter Eingriff, bei dem die Samenleiter durchtrennt und ein Stück davon entfernt wird.

Ich freue mich sehr, dass mein heutiger Gastautor Simon, der dreifacher Vater ist, heute über seine Vasektomie schreibt. Freut euch auf einen unterhaltsamen Beitrag.

Es kommt ja nicht häufig vor, dass man sich als literarische Figur fühlt. Aber in diesem Moment bin ich Gregor Samsa, der Mann aus der Kafka-Erzählung Die Verwandlung, der hilflos als Käfer auf dem Rücken liegt und sich fragt, wie es zu diesem Zustand kam.

Vasektomie beim Mann: Was kostet der „Spaß“?

In meinem Fall kenne ich die Antwort allerdings ziemlich genau: es begann vor ca. vier Wochen mit einem Termin beim Urologen zum Thema Vasektomie, also Durchtrennung der Samenleiter im Hodensack mit dem Ziel dauerhafter, zuverlässiger Zeugungsunfähigkeit. Auf einer großen Schautafel (wer malt sowas eigentlich, frage ich mich halb abwesend) wird mir meine Anatomie erklärt. „Hier,“ sagt der redefreudige Urologe, „da setzen wir an, kurze lokale Betäubung, dann wird ein kurzes Stück auf jeder Seite herausgetrennt und die beiden Enden verödet. Routine, kostet 550 Euro, mit Nachsorge. Gerne per EC-Karte.“

Aha, Routine, wie beim Supermarkt an der Kasse, denke ich. „Leergut und einmal Vasektomie, bitte.“

Verhütung ist nicht nur Frauensache

Verhütung ist ein leidiges Thema, wenn man entweder noch nicht oder eben nicht mehr Kinder haben will. In der Pubertät geht es los mit dem Eiertanz, meistens gibt es davor noch gepeinigte Gespräche mit dem Vater vor Partys oder Klassenfahrten („Denk an Kondome“-  „Mann, Papa, gehts noch?!“), dann die jahrelang Irrfahrt durchs Verhütungs-Bermuda-Dreieck aus Gummi, Pille, verdammtes Glück gehabt oder leider eben Pille danach. Dann Kinder – in unserem Falle drei an der Zahl – und dann wieder Verhütung, wenn man mit Anfang 40 merkt, dass die Familienplanung abgeschlossen ist.

Väter werden ja bekanntlich immer älter, oft noch eine zweite Runde mit neuer Partnerin, aber für mich war klar, dass ich keine Lust mehr habe auf durchwachte Nächte, Kindergarteneingewöhnung, Spielplatz-Ödnis und Dauer Rotznasen. Stattdessen Pubertät, Liebeskummer und WLAN-verstrahlte Teenies, aber immer noch besser als nochmal Windeln, Wutanfall und wunde Pos.

Meine Frau hatte munter jahrelang die Pille eingeworfen, dann die Spirale, aber irgendwann meinte sie, jetzt sei mal gut, vielleicht sei ich auch mal dran. Kondome sind ehrlich gesagt keine Freude, die Packung bekommt man in der Eile kaum auf, dann das ewige Gefummel und Geruckel,  letztlich bleibt es für mich eine im wahrsten Sinne beklemmende Methode.

 Die Vasektomie: Wenn der Mann auf dem Gyn-Stuhl liegt

Uns so sitze ich hier beim Urologen und lasse mir die Details des Eingriffs erklären, drei Wochen später geht es dann los. Vorher werde ich noch darauf hingewiesen, mich doch bitte komplett untenrum zu rasieren. „Blitzblank“, so die Sprechstundenhilfe. Klingt einfach, ist es aber nicht. Nach längerem Gebastel und Gehobel bin ich dann endlich soweit, wie machen das Frauen eigentlich?

Und so liege ich kurz darauf in feinstes Chirurgie-Grün verhüllt auf dem Stuhl, die Beine ragen in die Luft, der Arzt und seine Assistentin machen sich zu schaffen. Eine weitere Schwester, die sogenannte Springerin, steht am Kopfende und moderiert. Wiederholt werde ich darauf hingewiesen, dass drei Kinder ja ganz, ganz toll seien. Sicherlich als Ermutigung gemeint, falls ich doch noch Panik bekomme und nackt aus der Praxis fliehe.

 Vasektomie Erfahrungen danach

Ein Freund, der die Prozedur schon hinter sich hat, hatte mich gewarnt: das Zweitschlimmste sei der Geruch von verbranntem Fleisch, wenn das Gewebe verödet wird. Na Klasse, das sass. Und das schlimmste? Das kommt erst Wochen später, wenn man sein Ejakulat abgeben muss, frisch gezapft.

Ich stelle mir vor, wie ich in eine langwierige Verkehrskontrolle gerate, die Uhr tickt, „Bitte, Herr Kommissar, ich muss diesen Becher zum Arzt bringen, schnell.“ Denn, so wurde mir auch mitgeteilt: man ist nicht sofort steril nach dem Eingriff, die frechen Spermien können noch im bereits durchtrennten Strang lauern, und man braucht bekanntlich ja nur den einen Samen-Sprinter und schon hat man den Salat mit Windeln, Weinen, wundem Po. Also gibt es nach sechs Wochen eine erste Probe Samenflüssigkeit, dann nach drei Monaten die zweite, erst dann gilt man als medizinisch und juristisch steril.

Meine Erfahrungen bei der Vasektomie

Der eigentliche Eingriff ist dann vollkommen entspannt, kein Hauch von Grillgeruch. Nach etwa einer halben Stunde ist es überstanden, etwas durchgeknetet komme ich mir zwar vor, aber weitestgehend intakt. Die Springerin beglückwünscht mich noch zu meinem formidabel zusammengenähten Hodensack („Da wird sich auch Ihre Frau freuen, sieht wirklich sehr gut aus“).

Ich traue mich nicht zu sagen, dass mein Skrotum im Körperteile-Koordinatensystem meiner Frau ungefähr auf Rangliste der Kniebeuge oder des dritten Zehs rangiert, aber ich murmle etwas von „Das freut mich sehr, bin gespannt auf das Ergebnis.“

Kurz darauf bin ich raus, erleichtert um zweimal einen Zentimeter Samenstrang und 550 Euro.

Bin ich noch vollwertiger Mann?

Habe ich sonst noch was abgegeben, frage ich mich? Bin ich noch ein vollwertiger Mann, oder wurde mir hier gerade ein Teil meiner Maskulinität herausgeschnitten? Frauen meinen ja nicht ganz zu Unrecht, der Urtrieb des Mannes besteht im Weitwurf seines Samens, der möglichst zahlreichen Vervielfältigung seines Erbgutes.

Ich fühle mich allerdings mit drei Kindern eigentlich ganz gut vertreten in der Welt und habe keinen Kinderwunsch mehr.

Und wie gesagt, es gibt für alles seine Zeit. Irgendwann nähert man sich als älterer Mann bekanntlich erneut dem Verhalten von Kindern an. Spätestens mit 70 kann man wieder im Schlafanzug mit Lichtschwert über die Straße rennen, ohne dass es jemand merkwürdig findet. Aber will man dann wirklich noch ein Baby? Ich sicherlich nicht.

Ich bin jedenfalls froh, den Schritt gemacht zu haben. Jetzt nur in keine langwierige Verkehrskontrollen geraten in den nächsten Wochen.

Frau Mutter folgen

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2 Kommentare

  • Reply Dresden Mutti 17. Juni 2021 at 6:30 am

    Ich war über die Einleitung überrascht. In meinem Freundeskreis reden wir tatsächlich auch nicht über den Zyklus. Gerade deshalb sind solche Interviews natürlich immer sehr interessant. Danke an den Papa, der so offen seine Erfahrungen teilt.

  • Reply Janine 18. Juni 2021 at 3:21 pm

    Ich fand den Beitrag auch sehr interessant und habe ihn direkt an meinen Mann weitergeleitet. Nach jahrelangem Einwerfen der Pille möchte ich meinem Körper die zusätzlichen Hormone nun endlich sehr gerne ersparen und habe das Thema Vasektomie auch schon gegenüber meinem Mann angesprochen. Der Artikel kommt also echt passend!

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