Leben mit Kindern

Hallo Baby! Diese 3 Reaktionen eines erstgeborenen Kindes sind normal

25. August 2020

Alle Eltern, die mehr als ein Kind haben, kennen das nur zu gut. Als Mamas Bauch noch dick war, freute sich Kind 1 wie Bolle auf das Geschwisterkind. Als Kind 2 dann da war und all die Aufmerksamkeit von Mama und Papa bekam, änderte sich die Stimmung. Wenn ich heute das “Wir verlassen das Krankenhaus mit Schwester”-Foto anschaue, sehe ich einen kreuzunglücklichen, kleinen, großen Bruder. Und ja, die ersten Jahre waren nicht einfach und es gab vieeel Streit. Mit 14 und 9 Jahren sind die beiden heute ein tolles Team. Es gibt also Hoffnung!

Danielle Graf und Katja Seide widmen sich in ihrem neuen Buch “Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn-Das Geschwisterbuch” genau diesem Thema. Heute lest Ihr in einem Textauszug wie man auf die folgenden Reaktionen eines erstgeborenen Kindes gut reagieren kann.

Mein Kind zieht sich zurück

Wenn ein erstgeborenes Kind sich eher ruhig verhält, sich ungewöhnlich oft zurückzieht und leise für sich spielt, sind die Eltern oft erleichtert und glücklich, dass die nachgeburtliche Geschwisterkrise so glimpflich und zur Zufriedenheit aller abläuft. Oft fällt auch gar nicht auf, wenn ein Kind ruhiger ist – die Eltern sind verständlicherweise so mit dem Baby beschäftigt, dass das stille Leiden des großen Kindes nicht registriert wird. Wer leise ist, fällt nicht auf, sondern hintenrunter – das gilt nicht nur für die Schule, sondern auch für die Zeit nach der Geburt. Natürlich gibt es auch Kinder, die von Natur aus ruhig sind und/oder mit einem neugeborenen Geschwisterchen absolut kein Problem haben, ja, sich sogar ausdrücklich darüber freuen. Wir möchten aber dafür sensibilisieren, dass vermeintlich einfache nachgeburtliche Phasen dennoch schwierig für das Erstgeborene sein können.

Achten Sie daher auf die kleinen Stressanzeichen: Das Kind bohrt oft in der Nase (bis sie blutet), es knabbert an den Fingernägeln, es zerpult Taschentücher, es reißt sich Haare aus etc. Sind die Eltern anderweitig beschäftigt, werden diese Kleinigkeiten oft übersehen. Es hilft dem Kind übrigens nicht, diese Miniventile dann auch noch verboten zu bekommen, beispielsweise, wenn die Eltern es für das Nasebohren oder das Nägelkauen schelten und mit bitterem Nagellack dagegen angehen. Lassen Sie Ihr Kind machen! Es braucht das und noch viel mehr. Es braucht einen feinfühligen Gesprächspartner, bei dem es sich traut, das scheinbar Unaussprechliche doch noch zu verbalisieren.

Das gelingt oft nicht bei den Eltern, aber vielleicht gibt es eine Erzieherin oder Patin, die gut zuhören kann, oder Sie finden einen guten Kinder-und-Jugend-Psychotherapeuten. Wenn Sie es erst einmal selbst versuchen wollen, legen wir Ihnen das aktive Zuhören von Thomas Gordon ans Herz. Wie das funktioniert, können Sie ganz ausführlich in unserem Buch »Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5 bis 10« nachlesen.

Sie können bauch versuchen, Ihr Kind zu Symbolspielen einzuladen, zum Beispiel mit kleinen Püppchen, Figuren, Kuscheltieren oder auch Autos, um mit diesen die familiäre Situation nachzuspielen. Achten Sie jedoch genau darauf, ob sich Ihr Kind darauf einlässt. Es ist kontraproduktiv, es zum Symbolspiel zu drängen. Verzichten Sie auch darauf, das Spiel Ihres Kindes zu analysieren und ihm davon zu erzählen.

Ihre Interpretation des Spiels ist für Ihr Kind nicht hilfreich. Ihr aufmerksames Zuhören während des Spiels reicht aus, damit das Kind seinen Weg durch die Krise selbst findet.

Mein Kind jammert

Wenn ein Kind nach der Entbindung des Geschwisterkindes alles nur noch in einem jammerigen, ningelnden und nörgelnden Ton sagt, dann ist das seine Strategie, um auf seinen Seelenschmerz aufmerksam zu machen. Diese Strategie ist eng mit der »leisen nachgeburtlichen Geschwisterkrise« verwandt, nur dass sie eben in diesem Fall nicht leise ist. Das Gefühl hinter der Aktion ist das gleiche wie bei allen anderen Strategien: die abgrundtiefe Trauer darüber, die erste Stelle bei den Eltern verloren zu haben, und das Unvermögen, dies auf eine andere Art und Weise auszudrücken. Für das Gegenüber ist das Jammern wirklich kaum auszuhalten. Ständiges Nörgeln verpestet schnell die Atmosphäre in der gesamten Familie, sodass irgendwann alle schlechte Laune bekommen. Die elterliche Antwort auf die Strategie »Jammern« ist oft, dem Kind immer wieder zu sagen, dass es bitte in freundlichem Ton sprechen soll.

Manche Eltern stellen ihre Ohren dem ningelnden Ton gegenüber taub und reagieren erst dann, wenn das Kind sich zusammenreißt und netter fragt. Während diese Taktik im Normalfall okay ist, halten wir sie nach der Geburt eines Geschwisterchens für problematisch. Denn das Kind kann nicht anders. Das Jammern ist ein Ventil, es ist der Ausdruck für seinen unbewussten Schmerz und mit impulsivem Hauen oder Kneifen gleichzusetzen. Das Kind wird, wenn es von den Eltern dafür gerüffelt wird, es vielleicht schaffen, das Jammern für einen kurzen Moment abzustellen, so wie ein anderes Kind es schafft, für einen Moment nicht zuzuhauen. Doch der Schmerz wird sich immer wieder dieses Ventil suchen, und bevor der Schmerz nicht gelindert wird, kann das Jammern nicht aufhören!

Wenn aber die Eltern das Kind immer wieder zurechtweisen, wird sich das Kind irgendwann selbst infrage stellen. Es wird darüber verzweifelt sein, dass seine Eltern es so, wie es ist, nicht haben wollen. Denn unseren Kindern ist nicht bewusst, dass dies ihre Strategie ist, dem Seelenschmerz ein Ventil zu geben. Ein Kind dafür zu schelten, dass es etwas macht, was nicht absichtlich passiert, finden wir unangemessen, ja, sogar falsch. Stattdessen ist es angebracht, das nervige Verhalten zu ignorieren und mit dem Kind weiterhin im Gespräch zu bleiben. Versuchen Sie – und wir wissen, dass das sehr schwer ist –, das Jammern auszuhalten und nicht zu thematisieren, und zwar so lange, bis Sie das Gefühl haben, die Krise
nach der Geburt sei nun so gut wie durchgestanden.

Das dürfte ungefähr eine Zeitspanne von 12 bis 16 Wochen nach der Entbindung sein. Wenn dem Erstgeborenen in dieser Zeit genügend mütterliche
Aufmerksamkeit zukommt, ruckeln sich die Gefüge in den meisten Familien zurecht, und alle haben ihren neuen Platz gefunden. Seien Sie bitte nicht alarmiert, wenn es bei Ihnen länger dauert, auch das ist normal. Jammert Ihr Kind danach weiterhin, obwohl Sie denken, nun sei das nachgeburtliche Tal eigentlich durchschritten, dann könnten Sie behutsam wieder anfangen, das Kind daran zu erinnern, freundlich mit Ihnen zu sprechen. Während der Krise aber benötigt Ihr Erstgeborenes Beziehung statt Erziehung.

Mein Kind provoziert

Ist Ihnen aufgefallen, dass Ihr Kind seit der Geburt seines Geschwisterchens vermehrt genau das macht, von dem Sie gerade gesagt haben, es soll das lassen? Dabei guckt es Sie auffordernd an und wartet auf Ihre Reaktion – kurz, es provoziert. Diese Strategie ist eine der häufigsten, die Kinder wählen, denn sie garantiert zumeist die sofortige Aufmerksamkeit der Eltern. Stillt eine Mama ihr Baby auf der Couch und das große Kind stellt sich aufreizend mit einer Blumenvase vor ihr auf und ist im Begriff, diese fallen zu lassen, wird kaum eine Mutter ruhig sitzen bleiben und weiterstillen. Fest steht: Kein Elternteil muss sich provozieren lassen. Sie können sich auch dafür entscheiden, ruhig zu bleiben.

Ist die Vase furchtbar wichtig? Wenn nicht, könnten Sie sie opfern. Je weniger Bohei gemacht wird, desto stärker läuft die Provokation ins Leere und versiegt. Das ist leichter gesagt als getan, weil wir Erwachsenen natürlich auch nur Menschen sind. Und Menschen können eben nicht immer glückselig lächelnd darüber hinwegsehen, wenn die Wände der Wohnung oder das Sofa bemalt werden, das Kind seine eigenen Haare abschneidet oder mit Absicht in die Hosen macht.

Auch wir hatten nach Josuas Geburt so eine Provokationssituation. Es war ein regnerisches Wochenende, alle waren schlecht gelaunt und unausgelastet. Ich hatte Josua gerade gestillt, kam zurück ins Kinderzimmer und sah, dass sich Carlotta und Helene einträchtig zusammen spielend mit Bastelscheren eine stattliche Anzahl von Haarsträhnen vom Kopf geschnitten hatten. Obwohl ich natürlich wusste, dass das Sich-selbst-Haareschneiden ein normaler Entwicklungsschritt ist, den fast jedes Kind einmal ausprobiert, reagierte ich extrem dünnhäutig. Ich schimpfte los und nahm ihnen alle Scheren weg. Carlotta ging sofort in Antihaltung. Sie schnappte sich provozierend einen Filzstift, öffnete ihn und stand mir damit mit funkelnden Augen gegenüber.

Ich sah sie im Geiste schon die Tapete anmalen, also nahm ich ihr mithilfe meiner körperlichen Überlegenheit den Stift weg. Schnell sammelte ich auch alle anderen Stifte ein – etwas, was in unserem Haushalt bis dahin noch nie vorgekommen war: Schere, Kleber und Stifte standen und stehen bei uns immer zur freien Verfügung. Carlotta kam natürlich trotzdem noch an einen Stift heran, rannte lachend damit weg und versteckte sich unter dem Schreibtisch. Wieder funkelte sie mich angriffslustig an. Was würde Mama tun? Da stand ich nun und dachte: »Wenn ich diesen Weg jetzt weitergehe, schiebe ich sie mit meinem Verhalten in eine Ecke, in der ich sie nicht haben möchte.« Wenn ich eines gelernt habe in meiner Arbeit mit verhaltensauffälligen Schülern, dann das: Unseren Kindern ist es erst einmal egal, ob sie positive oder negative Aufmerksamkeit bekommen, sie nehmen, was sie kriegen können.

Hätte ich mich auf den Kampf, auf die Provokation eingelassen, mit ihr geschimpft, sie unterm Tisch hervorgezerrt und ihr den verbliebenen Stift aus der Hand gerupft, dann hätte ich ihr den Stempel des unartigen Kindes aufgedrückt, das immerzu Unsinn anstellt und dem man demzufolge nicht trauen kann. Wenn solche Situationen zwischen Mutter und Kind öfter vorkommen, verfestigt sich die »Rolle« des Kindes, und dann kommt es so schnell nicht mehr aus diesem Muster heraus. Irgendwann glaubt es womöglich selbst, dass es böse und nicht liebenswert ist – die negative Sicht der Mutter ist zur selbsterfüllenden Prophezeiung für das Kind geworden.

Nach kurzer Überlegung tat ich deshalb etwas für Carlotta Überraschendes: Ich entspannte mich, legte alle Scheren und Stifte zurück auf den Schreibtisch und bot ihr Zeit mit mir an. »Komm, Carlotta, wir gehen mit Helene raus auf den Spielplatz. Wir nehmen unsere Regenschirme mit, und euren Bruder lassen wir mit Mami hier.«

Schlagartig entspannte sich mein Kind und kam unter dem Tisch hervorgekrochen. Wir gingen raus und ließen unsere schlechte Laune vom Wind wegblasen. Seitdem gab es übrigens nie wieder ein Vorkommnis mit einer Schere. Wir Eltern hatten hinter das Verhalten unserer Kinder geschaut, ihr Bedürfnis erkannt und es befriedigt. Und damit verschwand automatisch das schlechte Verhalten.

Leicht war uns der ganze Prozess allerdings nicht gefallen. Versuchen Sie also, sich von den Aktionen Ihres Nachwuchses während der nachgeburtlichen Geschwisterkrise nicht provozieren zu lassen. Wenn die Stimmen der Vergangenheit Ihnen einflüstern wollen, Sie dürften sich doch von einem Kind nicht auf der Nase herumtanzen lassen, und Sie Dinge sagen wollen, von denen Sie wissen, dass Sie sie hinterher bereuen, nutzen Sie bitte die Technik des »stummen Selbstgespräches«, die wir in unserem ersten Buch »Das gewünschteste Wunschkind« näher vorgestellt haben: Schimpfen Sie in Gedanken! Sagen Sie in Ihrem Kopf alles, was raus muss, aber bleiben Sie nach außen möglichst stumm.

Atmen Sie danach noch einmal tief durch. Bleiben Sie ruhig. Sie können und sollten Ihrem Kind am Ende sagen, dass Sie seine Aktion nicht cool fanden, und Sie können in einer ruhigen Minute auch zusammen überlegen, wie das, was kaputtgegangen ist, ersetzt werden kann. Nicht als Strafe, sondern als verbindende, beziehungsfördernde Wiedergutmachungstat – gemeinsam.

In eine bessere Richtung lenken Sie Grenzüberschreitungen und Provokationen auf spielerische Art und Weise. Aletha Solter schlägt in ihrem Buch »Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte« vor, mit einem Augenzwinkern und spielerischer Stimme unsinnige Regeln aufzustellen und dann gespielt streng darauf zu achten, dass diese eingehalten werden: »Niemand darf Papa mit Kopfkissen bewerfen! Wagt es ja nicht!«, oder: »Ich hoffe, niemand nimmt sich von den Apfelstückchen, die ich gerade aufgeschnitten habe, wenn ich nicht hinschaue!« Wenn sich die Kinder darüber hinwegsetzen, und das werden sie, wenn sie verstanden haben, dass das ein Spiel ist, dürfen Sie übertrieben theatralisch mit ihnen schimpfen und
noch einmal auf die unsinnigen Regeln hinweisen.

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1 Kommentar

  • Reply LIeeeslein 27. August 2020 at 12:38 pm

    Vielen Dank für diesen umfangreichen und informativen Blogeintrag! Ich selbst habe mich schon viel mit der Thematik beschäftigt und findem dass der Beitrag auf den Punkt gebracht ist.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Lisa

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