Leben mit Kindern

Muttersein in der Schweiz: Vereinbarkeit Fehlanzeige?

6. Februar 2018
muttersein in der Schweiz

Muttersein in der Schweiz. Man stellt sich das hier vielleicht sehr idyllisch vor. Natur, alles Qualität und ein wohlhabendes Land. Die schweizerischen Mütter haben es sicher ganz großartig, oder? Tatsächlich hat die Schweiz die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (noch) nicht erfunden, um mal die beliebte TV-Werbung der Kräuterbonbons zu zitieren. Mutterschutz. Elternzeit, aber auch sinnvolle Jobs für Mütter, damit ist es nicht so gut bestellt. Heute beschreibt die Schweizerin und baldige Mama Stefanie ihr Dilemma.

Schweizer und Deutsche haben vieles gemeinsam, wir sprechen in der Schule die gleiche Sprache, schauen abends oft die gleichen Fernsehsendungen und teilen ähnliche Wertvorstellungen.
In Familienfragen gibt es aber einige Unterschiede.

Muttersein in der Schweiz: Zu Hause bleiben oder ein Gehalt für Betreuung ausgeben

Im Februar erwarten wir unser erstes Kind. Glücklicherweise ist jetzt klar, dass ich nach meinem Mutterschaftsurlaub mit einem Pensum von sechzig Prozent wieder in den Job als Juristin zurückkehren werde. Das ist in der Schweiz nicht selbstverständlich und viele gut ausgebildete Frauen bleiben nach der Geburt zu Hause. Einen guten Teilzeitjob zu finden ist nicht einfach und die Kosten für die Kinderbetreuung entsprechen manchmal dem Teilzeitgehalt der Frau. Übersteigen die Kosten der Kinderbetreuung das Gehalt der Frau, zieht Frau verständlicherweise in Erwägung nicht mehr arbeiten zu gehen.

Bei uns sieht das so aus: In der Schweiz beginnt der Mutterschaftsurlaub nach der Geburt. Das bedeutet, dass die Fruchtblase eigentlich auch direkt im Büro platzen könnte. In Realität ist es aber oft so, dass der behandelnde Arzt die werdende Mutter krankschreibt und sie deshalb kurz vor dem errechneten Geburtstermin nicht mehr zur Arbeit geht. Der Nachteil an diesem Modell ist, dass man nicht planen kann. Man kann die Einrichtung des Kinderzimmers oder letzte Besorgungen nicht aufschieben, weil man nicht weiss, wann man nicht mehr arbeitet.

“Elternzeit” als verlängerter Mutterschutz + unbezahlter Urlaub

Der gesetzliche Mutterschaftsurlaub dauert vierzehn Wochen, die Mutter erhält achtzig Prozent ihres Lohnes und während sechzehn Wochen gilt der, bereits während der Schwangerschaft bestehende, Kündigungsschutz. Einige Unternehmen sind großzügiger und bieten einen längeren Mutterschaftsurlaub oder volle Bezahlung während den vierzehn Wochen an. Sehr verbreitet ist der Bezug von unbezahltem Urlaub. Da der bezahlte Mutterschaftsurlaub kurz bemessen ist, nehmen viele Frauen im Anschluss an den gesetzlich vorgeschriebenen Mutterschaftsurlaub unbezahlten Urlaub. Auch ich werde unbezahlten Urlaub beziehen und insgesamt nach der Geburt sechs Monate zu Hause bleiben. Der Nachteil an dieser Lösung ist eindeutig: Lohneinbusse und Versicherungslücken.

Muttersein in der Schweiz: Kinderbetreuung nur mit der Familie

Steigt die Mutter nach dem Mutterschaftsurlaub wieder in den Job ein, stellt sich die Frage nach der Kinderbetreuung. Ich habe bereits am Anfang erwähnt, dass Kinderbetreuung in der Schweiz teuer ist. Die Tarife variieren von Ort zu Ort und sind einkommensabhängig. Es gibt subventionierte Plätze, die allerdings schwer zu bekommen und auch nicht kostenlos sind. Mein Arbeitgeber ist Mitglied bei einem Verband, welcher bei der Suche nach einem KiTa-Platz hilft.

In der KiTa dieses Verbandes würden wir für die Kinderbetreuung pro Monat 2400 Schweizer Franken bezahlen (bei fünf Tagen die Woche). Da unsere Eltern in der Nähe wohnen, werden wir es so machen wie es viele andere Schweizer Familien auch machen: Der Kleine wird abwechselnd von unseren Eltern und einer Freundin mit eigenem Baby betreut. Im Gegenzug betreuen wir ihr Baby an zwei Nachmittagen pro Woche. Wir haben uns nicht nur aus Kostengründen für dieses Modell entschieden, aber die Kosten haben uns die Entscheidung um einiges leichter gemacht.

Zwei Tage (!) Vaterschaftsurlaub

Einige von Euch denken jetzt vielleicht: „Und was macht eigentlich Papa?“. Berechtigte Frage, aber Schweizer Gesetze kennen keinen Vaterschaftsurlaub. Der Arbeitgeber muss dem Vater im Rahmen von familiären Ereignissen die „üblichen freien Stunden und Tage“ gewähren. In der Praxis bedeutet dies ein bis zwei Tage bezahlten „Vaterschaftsurlaub“. Natürlich gibt es auch hier Unternehmen, welche ihren Angestellten einen Vaterschaftsurlaub bezahlen, in größeren Unternehmen sind zehn Tage mittlerweile verbreitet.

Hoffnung Direkte Demokratie?

Mein Mann arbeitet in einer kleinen Unternehmung und darf zwei Tage zu Hause bleiben. Danach wird er zehn Urlaubstage beziehen, welche er sich nun während der Schwangerschaft ansparte. Die Schweizer Bevölkerung wird schon bald über einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub abstimmen. Der Bundesrat empfiehlt die Initiative aus finanziellen Gründen zur Ablehnung und wird deshalb auch keinen Gegenvorschlag einbringen. Interessanterweise genehmigte der Bundesrat in der gleichen Sitzung eine Milliarde Schweizer Franken für zwei Wochen Olympische Spiele…

Ich hoffe, dass ich euch aufzeigen konnte, welche Bedingungen in der Schweiz gelten. Versteht mich bitte nicht falsch, ich lebe gerne in der Schweiz und möchte auch nie hier wegziehen. Ich freue mich sehr auf die Geburt unseres Sohnes und schätze es, dass ich danach eine Weile zu Hause bleiben darf.

In den USA müsste ich schon viel früher wieder zurück ins Büro. Nichtsdestotrotz beneide ich Mamas und Papas in anderen europäischen Ländern, welche noch ein bisschen länger mit ihren Sprösslingen intensiv Zeit verbringen können….

 

Fotos: Pixabay

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4 Kommentare

  • Reply Stephanie 7. Februar 2018 at 8:10 am

    Was mir in diesem post noch fehlt, ist das problem mit der vorsorge und pensionskasse ect.
    Ich bin ebenfalls schweizerin und sehe grad das problem, dass gewisse vorsorgegelder erst ab 25 einbezahlt und vom lohn abgerechnet. Wenn man jetzt wie ich, vor 25 ein kind bekommt und aich dann keine betreuung leisten kann, hat man mit 28 immeenoch nichts zur vorsorge betragen KÖNNEN… Wenn dann aber der glücksfall eintrit. Man arbeiten gehen kann, für betreuung gesorgt ist und alles zu funktionieren schein… Kommt der nächste mist. Genau dieselbe doofe vorsorgeeinrichtung welche erst mit 25 zu existieren scheint, wird erst ab einem 60% arbeitspensum verrechnet! Heisst, alle mütter welche mit 20% oder 40% arbeiten, haben wieder/ immernoch eine lücke. Und sie wierd immer grösser!!
    Die lösung heisst vorsorgekonto 3a, nur wer kann privat geld auf ein vorsorgekonto legwn, wenn er 1. Nicht oder wenig arbeitet??? Und 2. Sich keine kita leisten kann????
    Ja, auch bei uns in der schönen schweiz gibt es probleme und nicht alle haben vor geld keine ahnung wohin damit…

  • Reply Südstadtmutter 8. Februar 2018 at 8:40 am

    Wirklich erstaunlich, dass in der Schweiz solche Rahmenbedingungen für Familien und Mütter mit Kindern herrschen. Man kann nur hoffen, dass besser früher als später ein Umdenken in der Politik einkehrt, damit sich die Rahmenbedingungen ändern.

  • Reply Barbara 11. Februar 2018 at 9:57 pm

    Ich finde diesen Post sehr einseitig. Er wirft ein sehr undifferenziertes Licht auf die Schweiz, das System und die Bedingungen. In meinem Umfeld sind alle Mamis arbeitstätig neben den Kids, teilweise sogar Vollzeit. Und das geht problemlos. Ein gutes Unternehmen schafft die Rahmenbedingungen, um gute Mitarbeiter(innen) zu behalten, auch nach der Geburt eines Kindes. Es ist nicht Sache des Staats, Familien/Mütter um jeden Preis zu fördern. Es ist (auch) in der Verantwortung der Eltern, sich zu organisieren. Und das geht in der Schweiz problemlos. Es kann nicht nicht sein, dass kinderlose Arbeitnehmer immer mehr den Kopf für Mamis und Papis hinhalten müssen. Sie springen ein, wenn Frauen in der Schwangerschaft ausfallen oder wenn das Kind krank ist und sie daheim bleiben, zahlen mit ihren Steuern die Familienzulagen und Beiträge an Kitas. Und nun sollen sie auch noch den werdenden Papa abfedern während des Vaterschaftsurlaubes? Nein. Der Vaterschaftsurlaub ist m.E. vollkommen unnötig. Ein Unternehmen, dass sich diesen teuren Spass leisten kann, bietet ihn an. In der Schweiz sind Löhne und Lebensstandard nicht umsonst so hoch. Eigenverantwortung ist gefragt.

    Die Schweiz ist ein grossartiges Land, um Kinder zu haben. Ich bin Rechtsanwältin und Mutter einer Tochter.

    • Reply Marie-Louise 18. Februar 2018 at 9:59 pm

      Hallo Barbara,

      du schreibst, dass ein gutes Unternehmen Rahmenbedingungen schafft, damit MitarbeiterInnen auch nach der Geburt arbeiten können. Was ist aber mit denen, die in keinem „guten“ Unternehmen tätig sind?Für diese Menschen stellt sich das Problem Vereinbarkeit doch gerade erst. Ich denke, dass die wenigsten Eltern keine Eigeninitiative zeigen und sich nicht organisieren, es ist viel eher das Gegenteil der Fall. Wir haben noch nicht mal Familie in der Gegend und ich arbeite Vollzeit, da organisieren wir tüchtig. Väter haben genau wie Mütter das Recht auf einen Vaterschaftsurlaub, es wäre ungerecht, ihnen dies zu verwehren. Schließlich sind sie nicht nur Erzeuger und Ernährer. Das System Elterngeld in Deutschland mag zwar nicht perfekt sein, funktioniert aber in diese Richtung gut. Und meine kinderlosen Kollegen (oder die von Familie/Bekannten und Freunden) fühlen sich nicht von Eltern benachteiligt. Man springt gegenseitig für einander ein und unterstützt, wo es möglich ist, das ist selbstverständlich. Schließlich sind auch Kinderlose mal krank, haben Zwischenfälle in der Familie oder andere Probleme.
      Ich finde es nicht zuträglich, Situationen zu verallgemeinern und von sich auf andere zu schließen. Nur weil es in deinem Umfeld scheinbar zu keinem Vereinbarkeitsproblem kommt, heißt es nicht, dass es automatisch überall so ist und dass diejenigen, bei denen es nicht klappt (Gründe wie im Artikel beschrieben) keine Initiative zeigen oder kein Organisationstalent besitzen.
      Liebe Grüße
      Marie-Louise

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