Leben mit Kindern

Habe ich das Lesen verlernt? Warum Mütter nicht mehr lesen

15. Dezember 2017

Das Lesen verlernen? Ich lese gerne und viel und dachte eigentlich, dass dies immer so bleibt. Aber auch mir ging es so wie fast jeder Mutter: Jahrelang habe ich gerade mal eine Seite in einem Magazin geschafft..und evtl. drei Tage später die zweite.

Heute schreibt Sandy einen Gastbeitrag über die “lesefreie” Zeit. Aber das Gute ist ja: Irgendwann geht es wieder mit dem Lesen!

Meine Tochter ist jetzt gut vier Monate auf der Welt und ich stelle verwundert fest, dass ich zum ersten Mal seit ihrer Geburt mit meiner To-Do-Liste im Reinen bin. Ein Grund zum Feiern! Der Wäschekorb ist leer, die Speisekammer gefüllt, der Müll im Innenhof. Ich habe alte Batterien fachgerecht entsorgt, die Windelvorräte aufgestockt und alle Formalitäten von Kitagutschein bis Elterngeldantrag erledigt. Die Geburtskarten sind verschickt (spät, aber immerhin), der Urlaub gebucht und die Fenster geputzt. Alles, was die Wohnung versperrte, lagert im Keller zwischen, ja sogar mein Kleiderschrank ist ausgemistet.

Lesen mit Kind? Romane sind Luxusgüter in der Mamiwelt

Beide Kinder machen Mittagsschlaf, mein Mann ist arbeiten. Zum ersten Mal seit Ende Februar kann ich mich also guten Gewissens locker machen und innehalten. Was nun? Ich könnte Schlaf gebrauchen, aber jetzt die hart erarbeitete Freizeit zu verschlafen wäre dumm. Vor Schreck weiß ich nichts mit mir anzufangen. Ich mache mir einen Kaffee und fläze mich auf die Couch. Mit Blick auf unsere geputzte Wohnung überlege ich, was ich früher in meiner Freizeit so gemacht habe.

Sport? Im Wohnzimmer kaum möglich. Außerdem zu anstrengend. Kreativ sein? Keine Muße, mit meinem Sohn bastele ich ohnehin jeden zweiten Tag. Fernsehen? Reine Zeitverschwendung, insbesondere um die Mittagszeit. Bei Facebook schnuppern, was andere gerade so treiben? Um Himmels Willen. Ich könnte etwas zum Abendessen vorbereiten… ach nein, ich will ja entspannen! Wie wäre es mit Lesen? Habe ich früher doch geliebt. Da habe ich Romane verschlungen, morgens im Bett die Zeitung gelesen. Lesen ist zum Luxusgut geworden, seit die Kinder im Haus sind.

Wie wäre es mal wieder mit Lesen?

Ich springe motiviert von der Couch und stöbere nach einem Schmöker in unserem Bücherregal. Was entspricht nur meiner derzeitigen Stimmung? Zwischen den Billy-Regalreihen stauben Klassiker wie “Der Name der Rose”, “Das Parfüm” oder “Die Nebel von Avalon” vor sich hin („Bücher Abstauben“ wird gleich auf meine neue To-Do-Liste gesetzt). Letzteres könnte ich eigentlich mal wieder lesen, aber die 1.116 Seiten der Taschenbuchausgabe schrecken mich ab. Ich muss es ja nicht gleich übertreiben…

Nach monatelanger Literaturabstinenz sollte ich mit etwas knackigem anfangen, einem Buch, das in die Wickeltasche passt, das auch beim Kinderarzt oder auf dem Spielplatz zwischendrin gelesen werden kann. Vielleicht greife ich auf Kurzgeschichten von Judith Herrmann zurück? Ich überfliege einige Abschnitte der „Berlin-Literatin“ und entscheide gegen sie, “Nichts als Gespenster” habe ich schon zwei Mal gelesen, die gleichnamige Verfilmung bereits im Kino und auf DVD gesehen.

Ich komme entweder nicht rein oder schlafe nach zwei Seiten ein

Das letzte Buch, was ich von Anfang bis Ende gelesen habe, war Charlotte Roche`s “Schoßgebete”. Das war während eines Wochenendkurztrips nach Westdeutschland im vergangenen Sommer. Ich war mit meinem zweiten Kind schwanger und hatte Mann und Sohn in Berlin gelassen. Danach folgten diverse Versuche, Literatur zu konsumieren: “Der Sommer ohne Männer” von Siri Hustvedt, “Das Aquarium” von Thommie Bayer, “Land der Fülle” von Tim Pears. Alle gescheitert.

Ich kam entweder nicht in die Geschichten rein oder schlief nach zwei Seiten ein. Auch ein Tagesspiegel-Probeabo im Januar landete zu 80 Prozent in der blauen Altpapiertonne, die restlichen 20 Prozent erwiesen sich beim Fensterputzen als äußerst nützlich. Das einzige, was ich in letzter Zeit gelesen habe, sind die Headlines der Startseite meines E-Mailanbieters, drei Jahre alte Frauenzeitschriften beim Arzt und die Apotheken Umschau.

Tageszeitungen werden bei uns zum Fensterputzen gebraucht

Gibt’s denn wirklich keine Lektüre, die meine aktuellen Bedürfnisse befriedigen kann? Schließlich gehe ich doch ins Internet und ich stöbere in Bestsellerlisten, bei Amazon und nach lohnenswerten Prämien für Zeitschriften-Abonnements. Als meine Tochter eine Stunde später nach meiner Brust verlangt, habe ich “Mein kompetentes Kind” (Elternratgeber von Jesper Juul), “Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter” (Anja Maier) und “Muttergefühle” (Rike Drust) online bestellt.

Dank meines zusätzlich abgeschlossenen SPIEGEL-Abos, bekommen wir im nahenden Herbst zudem ein „LANDMANN Balkon-Set MINOA inklusive Sitzauflagen“ geliefert, ganz ohne Zuzahlung! Jetzt bin ich sehr gespannt, wie oft ich auf unseren neuen Balkonmöbeln sitzen und tatsächlich zum Lesen komme werde. Irgendwann wird es wieder ein Buch sein….

Foto: Unsplash/Anthony Tran

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1 Kommentar

  • Reply Neele 15. Dezember 2017 at 8:11 pm

    Oh ja, wie wahr… ich fahre mittlerweile schon immer eine halbe Stunde eher zum Frisör, damit ich die GALA wenigstens zur Hälfte schaffe… 😉 Zu Anfang habe ich beim Stillen gelesen, weil das noch so lange dauerte, aber auch das war nach ein paar Monaten vorbei.

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