Eltern Interviews

Traumatisierte Scheidungskinder? Wie nach einer Trennung ein guter Umgang gelingen kann

13. Februar 2019
Kinder rennen über Stoppelacker

Scheidungskinder- das Thema bewegt mich immer wieder. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie nachhaltig eine schlechte Trennung auch das Erwachsenenleben prägen kann. Manche Experten reden sogar davon, dass man ein Leben lang ein Scheidungskind bleibt. Ich sehe in meinem Umfeld viele Trennungen, einige Paare trennen sich erstaunlich gut, es gibt aber auch echte Rosenkriege. Heute spreche ich mit der Mediatorin, Anwältin und Autorin Isabell Lütkehaus darüber wie man es schaffen kann, nach Verletzungen und Schmerz zu einem guten Umgang mit dem Expartner zu kommen. Für das Wohl des gemeinsamen Kindes, aber eben auch für das eigene! Außerdem hat Isabell einige weiterführende Tipps für Beratungsstellen für Euch parat.

Isabell ist Autorin des Buches “Guter Umgang – Ein Ratgeber bei Trennung und Scheidung”, indem sie sachlich und emphatisch allen Beteiligten gegenüber wirklich gute Hilfestellung bietet und auch über die Rechtslage aufklärt (affiliate link)

 

Scheidungskinder-trennen sich heute Paare besser?

Getrennte Eltern und “Patchwork”, das gehört heute zur Normalität. Haben Partner und auch Kinder heute noch mit Schamgefühlen zu kämpfen?

Auch wenn immer mehr Paare sich heutzutage immer früher trennen, geht niemand diesen Schritt leichtfertig. Eltern haben in aller Regel ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren Kindern gern durch die gesamte Kindheit hinweg eine “heile Familie” geboten hätten. Und mit wie viel Schamgefühl Eltern und Kinder zu kämpfen haben, hängt u.a. auch vom Umfeld ab. In Großstädten ist die Normalität von Trennungen sehr viel höher als in ländlichen Regionen. Ein Nachteil der Normalität ist, dass Trennungseltern weniger Unterstützung erfahren, und sich oft auch nicht nach Hilfe zu fragen trauen.

Denn trotz aller Normalität ist die Trennung ein schmerzhafter Einschnitt im Leben ist, der zahlreiche Herausforderungen mit sich bringt. Durch das schlechte Gewissen gegenüber ihren Kindern möchten viele Eltern alles erst recht perfekt machen und überlasten sich dabei häufig. Daher ermutigen wir Trennungseltern, sich auch um sich selbst zu kümmern, nach Unterstützung zu fragen und Hilfe anzunehmen, gerade damit sie in der herausfordernden Zeit nach der Trennung gute Eltern bleiben können.

Eine Trennung muß nicht zwangsläufig traumatisch für Kinder sein. Ein “Rosenkrieg” bei dem das Kind in einen Loyalitätskonflikt kommt, schon. Trennen sich Paare heute besser?

Diese Frage kann ich nicht einheitlich beantworten. Ich erlebe sehr viele Eltern, in meiner Mediationspraxis sowie in meinem Umfeld, die ihre Trennung wunderbar hinbekommen, das Wohl der Kinder im Blick behalten, und auch als getrenntes Paar eine gemeinsame Familie bleiben. Häufig sogar mit gemeinsamen Unternehmungen, Feiertage und einige sogar gemeinsame Urlaube als Familie. Meines Erlebens nach ist die friedliche Trennung der Normalfall, von dem man nur wenig liest.

Umgekehrt erlebe ich Paare, bei denen es sehr schnell enorm eskaliert und gute Wege als Familie zunächst nicht gefunden werden können; was zu Lasten aller Beteiligter geht. Hier kann es sinnvoll sein, sich Hilfe zu holen, beispielsweise beim Jugendamt oder beim Familiengericht; um zunächst die schwierige Situation zu entlasten, eine vorläufige Regelung zu finden und zu einem späteren Zeitpunkt zu versuchen, einvernehmliche Wege als Familie zu etablieren.

Das Kindeswohl steht an erster Stelle- wie gehe ich mit meiner Verletzung um?

Das Kindeswohl soll an erster Stelle stehen. Wenn man der verlassene Partner ist, muss es trotzdem schwer sein, neutral über den anderen Partner zu reden, oder?

Die Trennung von Paarebene und Elternebene fällt vielen zunächst nicht leicht. Verletzungen und Trauer erschweren es, einen positiven Blick auf die Elternqualitäten des anderen zu erhalten, dessen Bedeutung im Leben des Kindes zu erkennen und deren gemeinsame Zeit zu fördern, zum Wohle der Kinder und Erhalt der Familie. Vielen verlassenen Elternteilen gelingt dies dennoch wirklich gut, zumindest nach einer gewissen Zeit der Trauerverarbeitung.

Andere kommen aus der Verletzung auf Paarebene nicht ohne weiteres alleine heraus und es fällt ihnen schwer, den ehemaligen Partner in seinem Elternsein zu unterstützen und gegenüber den Kindern positive oder zumindest neutral über diesen zu sprechen. Schlimmstenfalls kann dies zu Loyalitätskonflikten auf Seiten der Kinder bis zum Kontaktabbruch mit dem umgangsuchenden Elternteil führen.

Müssten sich eigentlich nicht alle Eltern, die sich trennen wollen, vorab einer Mediation oder Therapie unterziehen?

Eine Paartherapie vor Trennung könnte hilfreich sein, um gegenseitiges Verständnis und Kommunikation miteinander zu fördern und gemeinsam mit professioneller Hilfe zu klären, wie es als Paar weitergeht und, wenn nicht, auf welche Weise dennoch als Familie. Dies könnte den Trennungsprozess entlasten. Der Weg in die Therapie sollte freiwillig sein, denkbar wäre es, für Paare mit Kindern, zumindest ein Klärungsgespräch unter therapeutischer Leitung vorzuschlagen.

In manchen Ländern ist die Mediation für Trennungseltern vorgeschrieben, das kann ein guter Weg sein, zumindest für eine erste Sitzung, um auszuprobieren, ob einvernehmliche Wege gefunden werden können. In einer krisenhaften Lebenssituation, beispielsweise nach einer schockartigen Trennung, sind manche Menschen jedoch gar nicht in der Lage, eigenverantwortlich gute und nachhaltige Lösungen zu finden.

Dann ist der Weg zu den staatlichen Gerichten legitim und kann ein Gerichtsbeschluss zu den drängendsten Fragen sehr entlastend wirken. Bei uns in Deutschland ist ein wesentliches Merkmal der Mediation ihre Freiwilligkeit für die Beteiligten, Gerichte können daher lediglich ein Informationsgespräch über Mediation anordnen, und Mediation empfehlen; deren Wort hat bei den meisten Eltern ein hohes Gewicht, so dass sie dem Rat häufig nachkommen.

Loyalitätskonflikt und Schmerz- wo es Hilfe gibt

Eine üble Scheidung mit Loyalitätskonflikt bleibt für Kinder oft eine jahrzehntelange Wunde, die dann oft auch wieder bei der eigenen Trennung aufbricht. Welche Hilfsangebote gibt es eigentlich für Kinder?

Für Kinder kann eine eigene Therapie sehr hilfreich sein, weil sie dann einen Ansprechpartner haben, auf den sie, anders als bei ihren Eltern und Geschwistern keine Rücksicht nehmen müssen, und bei dem es nur um sie und ihr Wohl geht. Das kann sehr entlastend wirken und hilfreich für die Verarbeitung der Trennung sein.

Erziehungsberatungsstellen bieten außerdem Gruppen für Scheidungskinder und Trennungskinder an, wo diese gemeinsam mit anderen Kindern spielerisch ihre Gefühle, Sorgen und Ängste verarbeiten, geleitet von einer Kinderpsychologin. Ein tolles Angebot ist außerdem „Kinder im Blick“, wo beide Elternteile lernen, trotz der schwierigen Situation der Trennung auf das Wohl der Kinder zu achten. Hier werden die Eltern geschult, lernen gleichzeitig andere Trennungseltern kennen und dies kommt indirekt den Kindern zugute. Unterstützung für die Familie kann auch die Jugendhilfemaßnahme Begleiteter Umgang sein, bei der geschulte Umgangsbegleiter den Kontakt des umgangsuchenden Elternteils mit dem Kind begleiten und unterstützen und gleichzeitig Gespräche mit beiden Eltern führt, damit diese später einen gemeinsamen Weg finden, den Umgang eigenverantwortlich zu regeln und durchzuführen.

Mehr über das Thema Scheidungskinder die Autorin:

Wenn Familien sich trennen, befinden sie sich häufig nicht nur in einem emotionalen Ausnahmezustand, sondern haben es auch plötzlich mit einem Dschungel aus neuen Regelungen und Institutionen zu tun. Wie finden Eltern bei Trennungen den besten Weg? Wo und wie können sie Unterstützung einholen? Und wie sieht gute Hilfe auf Augenhöhe in der Praxis aus?

Der Ratgeber behandelt in neuartiger Weise den Umgang von Kindern getrennt lebender Eltern mit dem abwesenden Elternteil sowie den Umgang der oft im Streit liegenden Eltern miteinander zum Wohl der Kinder. Beispielsfälle aus der langjährigen Praxis der Autoren, Erfahrungsberichte, Info-Kästen, Checklisten, Übungen und Muster bieten konkrete Hilfestellungen an und gestalten den Ratgeber alltagstauglich und praxisnah. Berücksichtigung finden praktische, pädagogische und psychologische Aspekte und zahlreiche Erfahrungsberichte und Interviews mit Eltern, Kindern und Experten.

Isabell Lütkehaus arbeitet als Mediatorin (BAFM, BM), Rechtsanwältin und Coach (DGSv) mit Paaren, die nach Trennung und Scheidung gemeinsam gute Eltern für ihre Kinder bleiben und dafür eigenverantwortliche Regelungen finden möchten. Bei allen individuellen Unterschieden begegnen ihr immer wieder dieselben Fragestellungen, Ängste und Unsicherheiten bei Eltern sowie Sorgen, Belastungen und Herausforderungen für die Kinder. Um Eltern hilfreiche Orientierung und praktische Unterstützung zu bieten, damit sie auch nach der Trennung Familie bleiben können, hat sie gemeinsam mit Thomas Matthäus, den Ratgeber „Guter Umgang“ geschrieben.

Fotos: Privat und Pixabay

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