Familienalltag mit Humor

Was ist Heimat? Über den endgültigen Abschied von meinem Elternhaus

10. Oktober 2018
Kinder rennen über Stoppelacker

Was ist Heimat? Ich muss sagen, manchmal beneide ich heimatverbundene Menschen. Die in einer Stadt geboren werden, dort auch eine Familie gründen und ihre Herkunftsfamilie immer um sich herum haben. Mit allen Vorteilen, die das hat. Die Nachteile blende ich meistens aus, weil ich es nie so hatte. Mein Mann und ich kennen uns zwar seit der Schulzeit, sind aber relativ früh, erst zum Studium und dann aufgrund des Berufes weggezogen. Unsere beide Familien wohnen in der ganzen Welt verstreut. USA, Spanien, England, Schweiz und Bayern ;). Jetzt wurde das Elternhaus meines Mannes verkauft, weil sein Vater auch nicht mehr dort lebt. Wie sich das für ihn anfühlt, hat er für uns aufgeschrieben.

Was ist Heimat? Und trage ich sie eigentlich im Herzen?

Wir sind alleine auf dem Friedhof. Am Dorfrand liegt er, zwischen den rheinhessischen Stoppeläckern, die sich im Herbst blassgelb der Straße entlang schmiegen. Am anderen Ortsende, da wo mein Vater kurz vor meiner Geburt unser Haus in eine Baulücke schob, herrscht noch immer strenge Tannen-Ordnung in den Gärten. Kein Laub, das man um diese Jahreszeit mühsam aufkehren müsste.

Es gibt ein Foto von mir, wie ich auf der Motorhaube unseres roten Citroens stehe, da bin ich vielleicht fünf, und hinter mir reckt sich ein schmaler Pinsel keine zwei Meter in die Höhe. Heute ist daraus ein gigantischer Walnussbaum gewuchert, der das Haus in eine riesige grüne Wolke aus gerbsaurem Blattwerk hüllt, das im Herbst wochenlang schier endlos herunterrieselt und die dauerfegende Nachbarschaft kollektiv in den Wahnsinn treibt.

Plötzlich steht der Kindheitsfreund vor mir

Aber hier hinten am Dorfrand, auf dem Friedhof, herrscht stramme Ordnung. Gepflegte Parzellen, schwere Marmorplatten, geharkte Kieswege. Eben noch haben meine beiden Kinder mit leichtem Schaudern die noch frischen Gräber studiert, da sehe ich in einigem Abstand einen alterslosen Mann, der mit einer Giesskanne ein quadratisches Urnengrab wässert, obwohl dieses komplett von einer Steinplatte versiegelt ist. Auf dem Grabstein erkenne ich die Namen: die Eltern meines ersten Freundes. Und damit auch ihn, diesen Mann: mein alter Spielgefährte vom unteren Ende der Strasse.

So sitze ich kurz darauf auf der grünen Friedhofsbank neben diesem Relikt aus einer anderen Zeit, einer fremd-vertrauten Welt, und wir reden von Kindheit, unseren Eltern, einem lange vergangenen Leben auf dem Dorf, diesem Tupfer aus Satteldach-Häusern, der schmalen Dorfstrasse mit ihren grünen Traktoren und Zuckerrübenanhängern, und den Weinbergen, die sich in endlosen Reihen den Hang hinaufziehen.

Hier hatte ich mein erstes Geld verdient, bei der Weinlese. Unglaubliche 250 Mark für zwei Wochen Schinderei im Herbst, steinreich fühlte ich mich danach. Heute drischt der Vollernter den Weinberg in einer halben Stunde kahl, damals brauchten wir einen vollen Tag dafür.

Ein Abschied, der für immer ist

Es ist ein Abschied für immer von diesem Dorf. Am Morgen sind wir aus Berlin hierher geflogen. Die Strecke vom Frankfurter Flughafen hinaus, vorbei am Zementwerk rechts unten am Rhein und dann weiter über die Landstrasse zum Dorf, ist vertraut. Kurz vor dem Ziel den geraden Schuss hinunter, vorbei an der alten Gärtnerei links, dann die Zweite rechts abbiegen, noch eine sanfte Kurve, ausrollen lassen, und der Wagen kommt zum Stehen vor dem sanft-gelben Haus mit seiner eigenwilligen Form, den schmalen Fenstern im Erdgeschoss und der Auffahrt aus rotem Sandstein.

Der Quadratmeter Baugrund war hier in den 70er Jahren für 20 Mark zu haben. Die Garage hatte mein Vater mit rotem Marmor ausgelegt, der damals im Bischöflichen Ordinariat in Mainz ausgetauscht wurde, der Garten ist von alten Bahnschwellen umgeben – upcycling, lange schon bevor dieser Begriff erfunden wurde.

Das Elternhaus verkauft: Wohin mit all den Erinnerungen?

Das Haus ist verkauft. Bevor die neuen Besitzer einziehen, schweift ein letzter Blick von außen durchs große Gartenfenster in den offenen Wohnbereich, die Holztreppe ins Obergeschoss, wohin ich mich als kleines Kind so gerne tragen liess auf dem Arm meiner Mutter, die Augen geschlossen, Moment vollkommener Geborgenheit. Das Haus war Heimat, nun ist es fremd, die Umgebung vom Mehltau der letzten vier Jahrzehnte bedeckt.

Vereinzelte Erinnerungsfragmente: Im Kellerfenster hängt noch der Vorhang mit dem bunten Muster, in der Garage die alte Kindergarderobe, umfunktioniert zum Gartenwerkzeughalter. Vom Nussbaum war mein kleiner Bruder in einem Sommer abgestürzt, ich sass im Esszimer und sah aus dem Augenwinkel einen dunklen Schatten am Fenster vorbeihuschen. Da lag er flach auf der Erde, starr vor Schreck wie ein junger Vogel, der aus dem Nest gefallen war, aber unversehrt. Das blaue Kletterseil blieb die Jahre darauf unbenutzt, und noch immer flattert es nun hier im Wind.

Wohin nun mit den heimatlichen Gefühlen?

Ob meine schwer kranke Mutter gespürt habe, dass sie bald sterben müsse, will meine Tochter wissen, als wir an ihrem Grab am Friedhof ankommen. “Ja,” antworte ich ihr. “Einen Abschied spürt man.” Aber anders als von meiner Mutter ist dieser hier, aus dem Dorf meiner Kindheit, unbeschwert, Abschluss mehr als Abschied.

Auf dem Flughafen am Abend, unterwegs zurück nach Berlin, leere ich meine Taschen zur Kontrolle aus, ein paar Walnüsse rollen da in der Schale, und der Beamte wundert sich. “Na, gibts keine Nüsse in Berlin?”, will er wissen. “Doch, schon,” antworte ich. “Aber den Baum dazu, den habe ich hier zurück gelassen.”

Was bedeutet Heimat für Euch?

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6 Kommentare

  • Reply Nele E. 10. Oktober 2018 at 11:09 am

    Ein wundervoller Artikel! <3 Sowohl vom Thema als auch vom Schreibstil her. Und er hat mich zum Nachdenken gebracht…

  • Reply Eva 11. Oktober 2018 at 6:43 am

    Ein wirklich schöner Artikel, das was er empfindet hat dein Mann gut auf Papier (oder ähnliches) gebracht. Eine ganz leichte Melancholie aber auch Bejahung zum gewählten Leben.

    • Reply Katrin 12. Oktober 2018 at 12:59 pm

      Ja, total – ein wirklich schöner Artikel. Vielen Dank!

  • Reply Yvonne 11. Oktober 2018 at 7:31 am

    Der Artikel spricht mir aus dem Herzen und erzählt ebenso meine derzeitige Situation. Vielen Dank für den indirekten Austausch!!!

  • Reply Sonja Berger 30. Oktober 2018 at 10:59 am

    Ein wirklich wundervoller Beitrag!!!!

  • Reply Carina 4. Dezember 2018 at 7:11 pm

    Ich hatte beim Lesen gerade einen dicken Kloß im Hals – der Artikel ist ganz toll geschrieben! Danke!

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