Erfahrungen

Auf der Suche nach dem verlorenen Beckenboden

26. August 2011

Vor der Geburt meiner Kinder war mein Körper ein guter Mittelklassewagen. Ich lag ganz gut in der Kurve und es gab einige Extras in der Ausstattung serienmässig. Momentan fühlt er sich wie ein alter, zu verschrottender Wohnwagen an. Hausbesetzer haben 9 Monate darin gewohnt, sind mehrere tausend Meilen damit gefahren und feierten wilde Parties. Für das Baujahr 1974 gibt es keine Ersatzteile mehr. Geputzt wurde auch lange nicht mehr, in der Ecke liegt eine alte Flasche Tequila.

Mit Warnblinkanlage und Notrad habe ich mich also zur Rückbildungsgymnastik geschleppt.

Dort traf ich auf viele andere Mütter-Vehikel. Wir haben uns zugehupt, und mit den rostigen Kühlerhauben gewackelt. Die Heckspoiler sahen auch schon mal besser aus. Die Beckenboden-Vorturnerin, eine total positiv eingestellte Hebamme mit Puschelsocken, hat zunächst eine Vorstellrunde mit uns gemacht. Dort ging es vordergründig um den Informationsaustausch zu Namen und Alter des Kindes aber eigentlich darum, sich einmal richtig ausheulen zu können. Mit meiner schwedischen Erfahrung im Hinterkopf, wo die schönen, blonden und emotional stabilen Vikingermütter NIEMALS heulen, fand ich das unglaublich befreiend. Postnatales Gruppen-Heulen als Kassenleistung. Das deutsche Gesundheitssystem rockt immer noch.

Dann ging aber die Arbeit los. Wir sollten während des Heulens und Selbstbemitleidens unseren Beckenboden anspannen. Wie bitte? Ich spannte zunächst alles an, was noch anzuspannen ging. Also nix. Bei der nächsten Übung gingen wir im Kreis und sollten uns ein Krönchen auf dem Kopf vorstellen. Ich stelle mir vor, Kate Middleton zu sein mit ihrer ekelhaften Wespentaille. Kronprinzessin Viktoria wird ja dank des sportlichen Vorlebens ihres Prinzgemahls niemals in die Niederungen des GKV-Sports herabsteigen müssen.

Die Beckenboden – Vorturnerin unterbricht meine Adels-Phantasien mit dem gut gemeinten Vorschlag: “Nehmt jetzt einfach den Beckenboden mit”. Das verstehe ich nicht, wohin denn? Zur Konditorei, zum Lidl? Nach Balmoral zum Jagen, nach Smaland zum Köttbullar-Wettessen?

Ich gebe auf, mein Beckenboden bleibt für immer auf dem Autofriedhof. Mein Körper wird nie mehr “Golf GTI” sein sondern immer “Hymer Mobil” bleiben. Andere tragen die Krönchen, ich trage die Speckröllchen. Darauf trinke ich einen!

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2 Kommentare

  • Reply Kullerkäfer 27. Oktober 2011 at 8:47 am

    und die Beckenbodenübungen bitte dann voll konzentriert beim Warten an der Bushaltestelle oder in der U-Bahn ausführen. Die Gesichter der Umstehenden sind der Lohn der Mühe.

    Nur auf dem Spielplatz, nach dem 356. Anschubsen der Schaukel, sollte man sich dem enthalten. Zu viele Fachfrauen in der Nähe!

    LG Kullerkäfer

    PS: andere lassen ihren Wagen EXTRA tieferlegen und Du hast es gratis!

  • Reply fraumutter 27. Oktober 2011 at 8:51 am

    sehr gut! Vielen Dank für diesen witzigen Kommentar!

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