Familie

“Ich habe nie frei. Ich bin immer im Dienst, seit 4 Jahren.” Interview mit Christine Finke, alleinerziehende Mutter

25. März 2014

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Wenn ich schon manchmal total erschöpft bin von meinem Alltag mit Kindern, Job und Haushalt, wie muß es dann erst einer alleinerziehenden Mutter gehen? Wie schaffen sie den Alltag? Fühlt man sich als Alleinerziehende von Staat und Gesellschaft allein gelassen oder gibt es genug Unterstützung? Ist man vom Umfeld immer noch stigmatisiert und gibt es sogar positive Aspekte? Christine Finke ist auch Mama-Bloggerin und hat mit mir sehr offen und ungeschminkt über das Alleinerziehen gesprochen. Ich bin sehr beeindruckt von ihr, aber lest selbst:

Welche Unterstützung erfährst Du im Alltag von Deinem Umfeld?

Die professionellen Begleiter meiner Kinder, wie die Kinderärztin, Erzieher und Lehrer reagieren sehr verständnisvoll, wenn ich ihnen unsere Lage schildere. So viel zum Positiven. Ansonsten steht meine Familie, die leider weiter weg wohnt, voll hinter mir, und auch die Familie des Kindsvaters, zu der ich den Kontakt halte. Die wohnen noch weiter weg.

Mehr Unterstützung gibt es nicht, weder moralisch noch praktisch oder finanziell, staatliche Hilfen wie Wohngeld und Kita-Zuschüsse mal ausgenommen.

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Ist der Vater noch in die Erziehung/Verantwortung für die Kinder eingebunden?

Das hätte ich mir gewünscht. Oder andersherum: ich konnte mir nie vorstellen, dass der Mann, mit dem ich 11 Jahre gelebt habe, und mit dem ich drei Kinder bekam, sich nicht mehr für diese Kinder interessieren würde, wenn wir uns trennen. Leider nein, und es erfüllt mich mit Ohnmacht, Wut und Selbstvorwürfen (warum musste ich ausgerechnet den erwählen!?).

Das Sorgerecht teilen wir allerdings noch, das wird in Deutschland nur unter ganz extremen Umständen entzogen.

Was ist das Schlimmste am Alleinerziehen? Gibt es vielleicht sogar Positives?

Die Verantwortung, die man als Alleinerziehender trägt, rund um die Uhr, rund ums Jahr, für ein Kind, oder eben drei Kinder, ist das Schlimmste. Es ist wie bei einem Arzt, der immer in Bereitschaft ist. Das schlaucht unglaublich. Ich habe nie frei. Ich bin immer im Dienst, seit 4 Jahren. Und es gibt keinen, an dessen Schulter ich mich mal ausheulen oder anlehnen kann.

Allerdings gibt es auch keinen, der zusätzlich zu den Kindern noch weitere Dinge von mir fordert. Ich muss keinen Sex haben, wenn ich nicht will, ich gehe ins Bett, wenn ich will, und gucke im Fernsehen, was mir gefällt. Niemand redet mir in die Erziehung oder mein Leben rein.

Mein Mann ist ja die ganze Woche unterwegs, ich bin ja praktisch alleinerziehend”. Was hast Du dazu zu sagen?

Siehe oben. Die Wochenenden sind übrigens der anstrengendste Teil der Woche für mich. Da bin ich von Freitag 16 Uhr, wenn die Kita schlieβt, bis Montag 8:30 pausenlos gefordert. Die beiden jüngeren Kinder streiten viel, das ist normal. Und ich hocke dann mit ihnen zuhause, weil wir kein Geld für schöne Ausflüge haben, und muss die Zeit irgendwie rumbringen. Ohne einen zweiten Erwachsenen, mit dem ich mal jenseits des Kinderniveaus reden könnte. Das kann sehr zäh sein.

Gibt es noch ein gesellschaftliches Stigma oder ist allein Erziehen mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert?

Ich erlebe es immer noch so, dass Alleinerziehende stigmatisiert werden. Speziell verheiratete Menschen geben einem zu verstehen, dass man sich doch hätte zusammenraufen müssen, oder eine Paartherapie machen, oder bestimmt beide Schuld hätten an der Misere. Als hätte man nicht alles versucht.Da wir aber immer mehr Alleinerziehende werden, wird sich auch das irgendwann geben.

Fühlst Du Dich als Alleinerziehende vom Staat ausreichend unterstützt? Welche konkreten Forderungen hast Du an die Politik?

Hahaha. Ausreichend unterstützt? Ich fühle mich nahezu komplett alleingelassen, angefangen beim Steuerrecht bis hin zu den Pflichten des Vaters, der Umgangsregelung und dem Recht auf Arbeit. Von Freizeit und Erholungsmöglichkeiten mal ganz zu schweigen.

Ich wünsche mir:

– Bevorzugung von Alleinerziehenden bei Bewerbungen (Recht auf Arbeit!).

– Pflichten für den Kindsvater, so er das Sorgerecht teilt (z.B. sich auch um kranke Kinder kümmern, den Umgang wahrnehmen, Interesse am Leben der Kinder zeigen)

– Dass Alleinerziehende nicht mehr wie Singles besteuert werden und mit einem lächerlichen Entlastungsbetrag, der sich nicht einmal nach der Zahl der Kinder richtet, abgespeist werden (1308 € pro Jahr!)

– Keine Steuervorteile für den Vater (hälftiges Kindergeld, Kinder hälftig auf Steuerkarte) wenn der Vater sich nicht um sie kümmert, keinen oder nur minimal Unterhalt zahlt

– Viele generationen- oder familienübergreifende, staatlich geförderte Wohnprojekte

– Mehr Rentenpunkte für Alleinerziehende, wenn sie die Erziehungsleistung ganz alleine erbringen

– Staatlich bezahlte Babysitter für Elternabende oder einfach ein Mal pro Monat einen Abend Ausgang. Letzteres ist undenkbarer Luxus für viele Alleinerziehende.

Mehr von Christine erfahrt Ihr auf ihrem Blog www.mama-arbeitet.de

Liebe Christine, vielen Dank für das Gespräch!

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9 Kommentare

  • Reply Rike 25. März 2014 at 9:52 am

    Ich war noch nie alleinerziehend mit drei Kindern (allenfalls temporär alleinerziehend mit zwei Kindern, wie du, Nina) und daher maße ich mir überhaupt nicht an, beurteilen zu können, wie sich eine derartige Situation anfühlt…über Jahre. Ich wünsche Christine, dass der erschöpfte, desillusionierte Eindruck, den dieses Interview bei mir hinterlässt, abgelöst werden kann von (und sei es auch nur phasenweise) Hochgefühlen, wie sie zu dem fröhlichen Gesicht oberhalb des Artikels passen! Und dass sie Hilfe und Kraftquellen findet für die anstrengenden Zeiten. Mütternetzwerke, Coaching, Yoga…was weiß ich. Kopf hoch, auch wenn die Brust rutscht! Wo du bist, ist vorn! Sonnige Grüße

  • Reply Johanna Baumgart 25. März 2014 at 7:12 pm

    Die Schilderungen kennen wir aus unseren Beratungen sehr gut. Wir unterstützen hilfesuchende Alleinerziehende dabei sich ein Netzwerk aufzubauen. Und arbeiten in verschiedenen Gremien mit um die Interessen Alleinerziehender in der Politik durchzusetzen.
    Nicht nur die alleinige Verantwortung sondern auch das rumstreiten um Gerechtigkeit, die Sorgen… das ist es was die Situation schwer macht. Es ist für uns auch unverständlich wie das Steuerrecht gestaltet ist. Es kann nicht sein dass ein verheirateter Alleinverdiener (sogar ohne Kinder) weniger Steuern zahlt als ein alleinerziehendes Elternteil, welches sich alleine sorgen muss. Darum gibt es die Kampagne: https://www.vamv.de/politische-aktionen/kampagne-steuerklasse-ii.html

  • Reply Jo 25. März 2014 at 8:07 pm

    Hi.
    Ich bin allein mit zwei Kindern… fühle mich aber nicht ganz so allein gelassen. Ich gehe arbeiten (30h) und meistere alles allein. Meine Familie hat kaum Zeit mich zu unterstützen. Trotzdem jammere ich nicht, sondern weiß dass es ok ist, dass mal etwas liegen bleibt, weil man zu müde ist oder dass man laut wird weil einem alles zu viel wird. Ich sehe kaum Paare wo es anders ist. Manchmal denke ich sogar ich habe es einfacher, weil ich weiß dass ich alles allein machen muss und ich nicht schimpfen kann/muss wenn mein Partner es mal wieder nicht gebacken bekommt. Und ja, ich finde es angenehm nicht fremdbestimmt zu werden.
    Der Vater meiner Kinder allerding kümmert sich, was ebenso zu Problemen führen kann. Es sind eben andere…
    Ausserdem sind Ausflüge mit den Kindern nicht vom Geld abhängig! Es gibt tolle Spielplätze, Parks, Wälder, Seen, Fahrradtouren, Skaten, Schlittenfahren uvm.

    Der Satz “Ich muss keinen Sex haben, wenn ich nicht will,…” stört mich in diesem Interview am meisten. Auch in einer Beziehung muss man keinen Sex haben wenn man nicht will.

    Ich wünsche Christine mehr Kraft und Optimismus, aber vor allem alles Gute und Spaß an den Kindern!!!

  • Reply Fely 26. März 2014 at 9:45 am

    Ich würde mir Hilfen wünschen, die dann zur Stelle sind, wenn man sie benötigt. Ein Notfall-Telefon. Z.B. wenn ein Kind krank ist. Ein Anruf genügt und jemand fährt einkaufen oder holt Medizin aus der Apotheke. So, dass man beim kranken Kind bleiben kann bzw. das kranke Kind nicht noch mit zum einkaufen nehmen muss.

    Das sind Situationen, die ich immer schwierig fand. Kleinkind ist krank, es muss aber auch dringend eingekauft werden. Was tun ? Ein fieberndes oder Magen-Darm krankes Kleinkind allein zu Hause lassen oder zum einkaufen mitnehmen ? Man hat nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Beides ist Mist.

    Sich soziale Netzwerke schaffen klingt immer gut, scheitert aber an der Realität.

    “Ich passe auf deine Kinder auf und du auf meine” scheiterte bei mir z.B. daran, dass ich zwei Kinder habe, die anderen nur eins. (“Das ist ja unfair, ich muss dann ja auf 2 Kinder mehr aufpassen, du nur auf eins”). Damit hatte sich das erledigt. Das ist die Realität.

    Auch habe ich ein Kind, dass ich problemlos fast immer bei einer ihrer Freundinnen unterbringen kann, bei dem anderen Kind sind die Möglichkeiten situationsbedingt nicht vorhanden. Was dann ?

    Kuren, Familienhilfe – alles beantragt, wurde auch alles genehmigt. Nur: bis die Anträge genehmigt und die Hilfe konkret wurde, war die akute Notfallsituation nicht mehr vorhanden. Die Notfallsituation hab ich dann am Ende doch wieder allein meistern müssen.

    Und so zieht sich das – über Jahre (ich bin seit über 8 Jahren Alleinerziehend) und das hinterlässt Spuren. Insbesondere Spuren der Erschöpfung. Die auch nicht von heute auf morgen wieder verschwinden, wenn die Kinder älter und selbständiger werden. Klar, vieles wird einfacher. Aber dennoch erschöpft die ständige alleinige Verantwortung für alles.

  • Reply Iris 26. März 2014 at 2:55 pm

    Vielen Dank für dieses Interview. Ich denke es ist sehr wichtig, dass solche Lebenswege und -situationen wie Christine´s ganz oft öffentlich gemacht werden! Ich wäre in so einer Situation schlichtweg verratzt. Ohne partnerschaflichen oder familiären Support drei Kinder großzuziehen ist eine riesige Leistung. Hut ab für die schonungslose Offenheit in diesem Interview.

  • Reply Perlenmama 27. März 2014 at 10:43 am

    Ich folge Christine seit ein paar Monaten auf Twitter und auf ihrem Blog und sie ist für mich eine absolute Superfrau. Sehr gern habe ich dieses Interview gelesen und ja, sie hat absolut Recht, damit was sie an negativem auflistet , aber auch die positiven Dinge des alleine Erziehens…

    Ich, für mich, mag es, dass ich bestimmte Dinge einfach alleine entscheiden kann und mir da keiner reinquatscht (mal abgesehen von solchen, die auch allen verheirateten Müttern reinquatschen ;-)). Auf der anderen Seite ist das auch etwas, was mir zeitweise am schwersten fällt; dass ich schwierige Entscheidungen alleine treffen muss.

    Ich kann auch ihren Schmerz empfinden im Angesicht des Desinteresses des Vaters. Wir hatten das auch eine Weile, das hat sich aber wieder gebessert. Aber das ist etwas, womit ein Mutterherz glaub ich nur ganz schwer umgehen kann…

    Alles Gute, Christine! Ich find, du meisterst das alles grandios!!!

  • Reply Angie 3. April 2014 at 9:38 am

    Ich bin durch Zufall auf diese Seite gekommen und bin ein wenig nachdenklich beim Lesen geworden. Nun ich bin schon Oma und sehe alles ein wenig anders, es ist auch nur eine Meinung, aber es muß auch akzeptiert sein von euch, meine Frage wäre hier: denkt ihr auch mal an die Kinder, die ohne Vater aufwachsen, kein Familienleben kennen und was ihr den Kindern eigentlich vorenthaltet!! Die Kinder kennen kein anderes Leben
    und sie werden es in Ihrem weiteren Dasein genauso machen…Schade, dann brauchen wir bald keine Männer mehr… warum kann man nicht einwenig tolleranter sein, dann wären die Probleme der Alleinerziehenden nicht so groß oder überhaupt nicht da…warum muß alles anders als früher sein…alles geht auf Kosten der kinder lg angie

  • Reply Tatjana Gmeiner 28. April 2014 at 9:21 am

    Ich finde, dass sich ein aufmerksames Miteinander in der Gesellschaft positiver auf die
    Kinder auswirken wuerde. Kinder Alleinerziehender entwickeln selbst ein Unverstaendnis,wenn sie mit erleben, dass keine Unterstuetzung vorhanden ist und sie verwehrt bleibt. Solche Kinder geraten in einen inneren Konflikt.
    Es faengt an,dass man keine Tagesmutter aus eigener Tasche finanzieren kann, weil man Teilzeit arbeiten geht. Im Arbeitsleben mit Schichtdienst ist man unflexibel, weil man nicht alle Schichten abdeckt. Fuer Nachtarbeit bekommt man keine Tagesmutter und eine Studentin wird nicht bezahlt.Und dann fragt man sich wie kann ich arbeiten und gleichzeitig die Betreuung meines Kindes sichern. Es ist kein Mensch an einer Loesung interessiert.Wir hoeren einfach zu wenig hin womit andere Probleme haben.Es gibt immer eine Loesung,wenn wir Menschen offen waeren, mal mitanzupacken, Zeit investieren in Andere und vor allem Alleinerziehende sich zusammenschliessen wuerden,um eine gegenseitige Hilfe zu gewaehren. Solange Alleinerziehende sich einigeln, nur sich und ihre Situation wahrnehmen wird sich nichts aendern

  • Reply Andrea Sturm 30. Mai 2015 at 10:04 pm

    20 Prozent der Eltern in Deutschland sind alleinerziehend – Tendenz steigend. In Zahlen ausgedrückt sind demnach 1.500.000 Millionen Frauen (91%) und 157.000 Männer alleinerziehend. Dabei haben sich nur 4% aller Alleinerziehenden bewusst für eine Ein-Elternschaft entschieden. Die neuesten Studien belegen im übrigen, dass Kinder in Patchworkfamilien genauso glücklich sind, als Kinder in anderen Familien.

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