Familiengeschichten

Warum sensible Kinder oft die starken Kinder sind

13. Juli 2017
sensible Kinder Frau Mutter Blog

Sensible Kinder. Ich war eins und ich habe auch eins bekommen. Wenn ich es mir genau überlege, bin ich vielleicht selbst an manchen Tagen immer noch ein sensibles Kind. Gerade, wenn man vielleicht selbst früher schüchtern, empfindlich und „verheult“ war, wünscht man es sich anders für seine eigenen Kinder. So ein „Haudrauf“, der easy durchs Leben geht. Eine Pippi Langstrumpf, die auf Regeln pfeift.

Sensibilität ist anstrengend- für einen selbst, weil man sich viel mehr Gedanken macht um Dinge, die sich im Nachhinein IMMER irgendwie von selbst auflösen. All die Antennen, die man hat, sind auf Empfang, man kann ganz wenig herausfiltern und vor allem: von sich selbst fernhalten. Irgendwann lernt man ganz gut damit umzugehen. Sensible Erwachsene haben einen guten „bulllshit-Detektor“ und spüren oft ganz genau, was oder wer einem gut tut.

Sensible Kinder: Warum das manchmal anstrengend ist

Wenn man ein sensibles Kind hat, muss man viel Zeit und Aufmerksamkeit darauf verwenden zu trösten, zu beruhigen, einzuordnen, zu stärken. Was ganz wichtig ist: Das „Aua“ (ob es nun gerade seelisch oder körperlich ist) auch beim Gegenüber wahrzunehmen.

Nicht immer gelingt mir das gut.

„Ist nicht so schlimm“.
„Der Schmerz hört gleich auf.“
„Ach, lass den doch reden.“

Weil ich selbst weiß, wie anstrengend so eine Veranlagung ist, bin ich wohl oft ungeduldiger mit meinem Kind. Wäre es nicht toll, wenn wir alle schmerzunempfindlicher und hartgesottener wären? Wenn es uns nicht kümmern würde, was die anderen sagen? Haudrauf, hauruck und wieder nach vorne schauen! „Es hat uns doch auch nicht geschadet“ Die alte Leier.

Oder wenn das Kind unsere guten Ratschläge annehmen würde, weil wir all die Auas schon mal durchlebt haben?

Kürzlich war ich mit meinem Sohn auf Reisen und hatte einen kleinen Unfall. In einer Hoteltür habe ich mir sehr übel den Finger geklemmt. So stark, dass ich richtig heulen musste. Obwohl: Ein anderer in meiner Situation hätte vielleicht einfach die Zähne zusammen gebissen? Mhh….

Sensible Kinder: Warum das ein großes Geschenk ist

Ich saß also so da und fluchte und heulte und hielt mir den blutenden Finger.

„Mama, zeig mal!“
„Das tut bestimmt sehr weh!“
„Du Arme!“
„Soll ich Dir ein Pflaster holen?“

Sebastian umarmte und tröstete mich und ich heulte weiter und lies mich soooo gerne von ihm trösten. Das tat so gut! Einfach mal heulen! „A good cry“, den Ausdruck gibt es ja leider nicht auf deutsch. Den Rest des Tages wurde mir von ihm alle Türen aufgehalten und viertelstündlich das Pflaster kontrolliert. Herrlich war das und der Finger tat bald sehr viel weniger weh! Ich wollte mich fast noch mal einklemmen, so genossen habe ich das!

Ich habe noch lange über diesen Vorfall nachgedacht. Es ist schön, wenn unser Gegenüber uns „sieht“. Wenn er oder sie auf uns eingeht, uns wahrnimmt, in unseren Stärken und Schwächen. Dieses „Sehen können“ ist eine riesengroße Stärke, die uns mit anderen Menschen verbindet. Wer das beherrscht, ist nie allein und andere vertrauen einem solchen Menschen fast blind.

Das ist ein, wenn der Mensch wahrhaftig dabei ist, seltenes Talent und ein Geschenk. Wenn ich es mir genau überlege, kenne ich in meinem privaten und beruflichen Umfeld nur eine Handvoll Menschen, dieses Talent, diese Stärke, besitzen.

Warum wollen wir immer so stark wirken? Klar, wir wollen uns keine Blöße geben, keine Angriffsfläche bieten. Wir wollen nicht von anderen beurteilt werden, obwohl wir das natürlich sehr oft vorschnell tun. Fehlende Toleranz für Menschen mit feineren Antennen ist natürlich auch ein Problem.

Zum Glück hat man ja Kinder, um das zu lernen, oder?

Das könnte auch interessant sein…

5 Kommentare

  • Reply May 13. Juli 2017 at 7:19 am

    Ich glaube auch, dass sensible Menschen oft die besseren Menschen sind, weil empathischer und rücksichtsvoller. Vielleicht habe ich deshalb einen Hochsensiblen geheiratet.

    Und trotzdem wünsche ich es mir für meine Kinder nicht, weil ich weiß, wie schwer mein Mann es manchmal hat.

    Deshalb beobachte ich sehr genau, wenn sie sagen, dass es ihnen zu laut ist oder wenn mein Sohn bei einem Kita-Auftritt lieber im Erdboden verschwinden will als mitzumachen.

    Also ja, er ist wohl auch sensibel. Inzwischen macht mir das aber keine Angst mehr. Den Unterschied machen hoffentlich wir Eltern: indem wir es akzeptieren und positiv sehen und nicht mit einem „reiß dich mal zusammen“ aufwachsen, wie mein Mann.

    Daher: Danke für diesen Artikel!

  • Reply Katharina 13. Juli 2017 at 7:41 pm

    Toller Artikel, danke für den Blickwinkel!! Ich bin Mutter einer sehr sensiblen Tochter, habe sehr lange gebraucht um dies wirklich richtig einzuordnen und betrachte jetzt das positive, denn wie du schon schreibst, ein sensibles Kind hat eine ganz tolle Gabe, die ich bei meiner Tochter nicht mehr missen möchte! Liebe Grüße aus Hamburg! Katharina

  • Reply Alu 13. Juli 2017 at 7:47 pm

    Ja, da hast du recht. Man lernt durch Kinder sehr viel, auch über sich selbst. Lg alu

  • Reply Janine 22. August 2017 at 8:38 pm

    Ich habe eine sensibles Kind. Durch ihn sehe ich oft mich als Kind.
    Ich freue mich, das mwin Sohn meine sensible Seite veerbt bekommen hat, er ist dadurch so nah bei mir und ich kann so viele Situation nachvollziehen/empfinden und ihm dadurch den Rücken stärken.
    Es ist schön ein sensibles Kind zu haben, obwohl ich mir manchmal für ihn auch ein bisschen mehr Egoismus wünsche.
    Danke für den tollen Beitrag.

  • Reply Helen 28. August 2017 at 9:33 pm

    Ich habe auch einen sensiblen Jungen. Er erkennent grad, dass „normale“ Menschen einen Partner haben, Mama und Papa, Oma und Opa. Nun ist meine Schwiegermutter alleine da sie geschieden ist. Und was sagt mein Sohn mit 4 Jahren? „Mama, ist Oma Gabi alleine? Warum? Ist sie traurig? Muss ich sie trösten?“ Es ist ganz wunderbar, so einen Menschen zu haben! Nur muss ich noch mehr an meiner Geduld arbeiten und noch mehr stärken, noch mehr eingehen, noch lieber sein.

  • Kommentieren