Familiengeschichten

Postpartale Depression: Interview mit einer Familienhelferin

26. September 2017

Postpartale Depression ist zum Glück kein Tabu mehr, aber trotzdem sehr verstörend für die Mutter. Die Geburt eines Kindes ist ein großartiges, wunderbares Ereignis, und alle erwarten eine strahlende, glückliche Mutter. Mir war nach meinen beiden Geburten seelisch sehr elend zumute und man hat als Neu-Mutter teilweise Gedanken, die sehr erschreckend sind. Elementar für einen guten Start in die Mutterschaft, aber auch für eine gute Mutter-Kind-Bindung ist, dass diese Gefühle aufgefangen und eingeordnet werden. Schwangerschaft und Elternschaft können auch Krisen hervorrufen. Statt Freude und Glück empfinden sich manche frischgebackenen Mütter in einem Gefühlschaos.

Sie fühlen sich erschöpft, unsicher und wütend. Ihre Gefühle ihrem Baby gegenüber sind eher zwiespältig als liebevoll. Heute interviewe ich Familienbegleiterin Katharina Theißig im Interview über Krisen um die Geburt und Unterstützungsangebote für junge Eltern im Rahmen der Frühen Hilfen.

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Katharina Theißig ist Dipl. Pädagogin und Leiterin der Familienförderstelle im Landratsamt Berchtesgadener Land. Gemeinsam mit anderen Fachkräften aus dem Netzwerk Frühe Hilfen ist sie darum bemüht, belasteten Frauen und ihren Familien möglichst schnell passgenaue Hilfen anbieten zu können und somit ihren Leidensweg zu verkürzen. Außerdem teilt sie ihre Erfahrungen auf ihrem Blog Bärenstark im Leben.

Postpartale Depression und Krisen rund um die Geburt: Was sagt die Familienhelferin?

Welche Krisen rund um die Geburt gibt es?

Studien zufolge sind 10 – 20 % aller Mütter von psychischen Erkrankungen rund um die Geburt betroffen. Viele Mütter erleben nach der Geburt ihres Kindes für kurze Zeit ein Stimmungstief, den sogenannten „Baby-Blues“. Dies ist ein verbreitetes Phänomen ohne Krankheitswert. Aufgrund der körperlichen, hormonellen und psychischen Umstellung in dieser Zeit sind Frauen besonders empfindsam, traurig, erschöpft und reizbar. Erfahren die betroffenen Mütter ausreichend Ruhe, Verständnis und Unterstützung, ist der „Baby-Blues“ nicht behandlungsbedürftig.

Wenn das Tief ungewöhnlich lange anhält, kann dies ein Anzeichen einer postpartalen Depression sein! Eine Wochenbettdepression ist keine harmlose Verstimmung, sondern eine ernst zu nehmende Krankheit. Diese dauert länger als ein paar Tage an und kann sich verschlimmern. Die meisten Frauen empfinden zwar durchaus etwas für ihr Baby, aber ihr Muttersein ist umhüllt von einer dunklen Wolke des Unglücks. Typische Empfindungen können sein: Traurigkeit und häufiges Weinen; große Reizbarkeit und Nervosität, Unruhe und verminderte Konzentrationsfähigkeit, Lust- und Antriebslosigkeit, Gefühl der inneren Leere, Verlust von Interesse und Freude, zwiespältige Gedanken und Gefühle dem Kind gegenüber. Parallel dazu können auch psychosomatische Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Herzbeschwerden, aber auch Appetit- und Schlafstörungen auftreten.

Besonders belastend ist für die betroffene Mutter, wenn sie an ihrer Liebe zum Kind zweifelt und sich als Versagerin fühlt. Solche bedrückenden Gefühle gehören oft zum Krankheitsbild und lösen massive Schuld- und Schamgefühle bis hin zu Suizidgedanken aus.

Wenn die Entbindung überwältigend erlebt wurde, es zu lebensbedrohlichen Situationen kam, die Geburtshilfe durch ein emotional wenig tragendes und einfühlsames Umfeld geprägt war, kann es zu posttraumatischem Stress kommen. Die Fachwelt spricht von einer posttraumatischen Belastungsstörung. Mögliche Kennzeichen können sein: erhöhte Anspannung und Schreckhaftigkeit, Alpträume, sich aufdrängende Erinnerungsbilder / flash backs, Angstzustände, Vermeidungsverhalten sowie. Schwierigkeiten im Beziehungsaufbau zum Kind.

Krisen rund um die Entbindung: Das kann behandelt werden und ist kein Versagen!

Eher selten und innerhalb der ersten Wochen nach der Entbindung kann eine peripartale Psychose auftreten. Aufgrund der Gefahr für Mutter und Kind ist meist eine stationäre Behandlung erforderlich. Mögliche Kennzeichen sind: Wahnvorstellungen, meist auf das Kind bezogen; Stimmenhören und andere Halluzinationen; extreme Angstzustände; starke körperliche Unruhe oder Bewegungs- und Teilnahmslosigkeit sowie Suizidgedanken.

Für die betroffenen Mütter ist es wichtig zu wissen, dass all jene psychischen Erkrankungen weder ein persönliches Versagen noch ein Zeichen dafür ist, dass sie eine schlechte Mutter sind oder ihr Kind nicht genügend lieben. Es sind Krankheiten, die behandelt werden können. Es ist deshalb anzuraten, sich Hilfe zu holen, im eigenen und im Interesse des Kindes!
Für die Angehörigen ist wichtig zu wissen, dass es nicht eine Frage des Willens oder der Bequemlichkeit ist, wenn die betroffene Angehörige ihren Aufgaben im Moment nicht gewachsen ist. Es ist die Krankheit, die sie daran hindert. Wichtig ist, die Erkrankung als Krankheit zu akzeptieren.

Was sind die Gründe für die Entstehung von psychischen Erkrankungen rund um die Geburt?

Es ist bis heute nicht endgültig geklärt, warum manche Frauen erkranken und andere nicht. Die Erkrankungen kann jede Mutter treffen – unabhängig vom Beruf, Alter, Herkunft und sozialem Status. Experten gehen davon aus, dass bei der Entstehung postpartaler psychischer Erkrankungen zahlreiche körperliche, psychische, soziale und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle spielen.

Als mögliche Ursachen gelten Schwangerschaftsprobleme, ein Trauma durch eine schwere Geburt, Probleme mit dem Baby, ein zu niedriger Hämoglobinwert, eine Schilddrüsendysfunktion, schwierige soziale Verhältnisse und eine Veranlagung für depressive Erkrankungen.

Befördert werden psychische Erkrankungen rund um die Geburt auch durch die unausgesprochene Abschaffung des Wochenbettes, durch Perfektionismus, der nicht erfüllt werden kann, und durch falsche Vorbilder, die suggerieren, Schwangerschaft und Geburt gingen völlig spurlos an einer Frau vorbei.

Wie wirken sich psychische Erkrankungen rund um die Geburt auf die Mutter-Kind-Beziehung aus?

Mütter mit psychischer Erkrankung tun sich sehr oft schwer, Kontakt zu ihren Kindern aufzunehmen und ihre Bedürfnisse adäquat zu befriedigen. Das macht die frischgebackenen Mütter nur noch trauriger und angespannter. Dabei wünschen sie sich oftmals eigentlich nichts sehnlicher als eine ungestörte Beziehung zum Baby. Deshalb ist es wichtig, dass Mütter den Mut aufbringen, sich professionelle Hilfe zu suchen. Eine Anlaufstelle können die Koordinationsstellen der Frühen Hilfen sein.

Wie können Partner, Freunde und Familie betroffenen Frauen helfen?

Es ist meistens eine schwierige Situation, zu sehen, dass es einem nahestehenden Menschen nicht gut geht. Besonders dann, wenn man sich das perfekte (Familien-) Glück nach der Geburt erhofft hatte und nun miterleben muss, wie belastet die Mutter und wie angestrengt die Situation zu Hause ist. Viele Angehörige sind dann unsicher im Umgang, sie wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Sie würden sich am liebsten zurückziehen, weil sie hilflos und überfordert sind. Andere sind auch voller Tatendrang und wollen schnell für Besserung sorgen.

Wichtig zu wissen ist dann, alle beschriebenen psychischen Zustände sind ernsthafte Erkrankungen, die kompetente Behandlung brauchen und einen langen Atem in der Begleitung. In jedem Fall ist es wichtig, die junge Mutter nicht zu verurteilen! Auch Druck auszuüben, bringt gar nichts. Deshalb sollten Angehörige und Freunde (gut gemeinte) Tipps wie „Das wird schon wieder“ oder gar Ratschläge wie „Reiß dich doch zusammen“ vermeiden. Das ist eine Verharmlosung der Situation, die dazu führt, dass sich die Frau noch elender fühlt.

Postpartale Depression: Tränen statt Mutterglück. Interview mit einer Familienhelferin

Angehörige können auch für praktische Unterstützung, Entlastung und Ruhepausen sorgen (z.B. Haushaltshilfe; Betreuung des Babys organisieren – am besten regelmäßig an einem festen Tag, 1-2 Stunden sind oft schon Gold wert; regelmäßig eine Nacht übernehmen). Sie können auch dabei behilflich sein, den Tag zu strukturieren, z.B. zum gemeinsamen Spazierengehen verabreden, Hilfe bei der Anmeldung zu einer Mutter-Kind-Gruppe, zur Bewegung und zu anderen Aktivitäten ermuntern oder Beratungstermin oder Erstgespräch zur Behandlung vereinbaren und begleiten etc.

Auch die Angehörigen sollten sich nach professioneller Unterstützung von außen umschauen, auch zu ihrer eigenen Entlastung. Eine gute Anlaufstelle ist der Bundesverband der Angehörigen Psychisch Kranker oder auch die regionalen Netzwerke der Frühen Hilfen.

Wie schaut eine professionelle Unterstützung betroffener Familien von postpartaler Depression aus?

Die Koordinationsstellen der Frühen Hilfen können eine erste Anlaufstelle sein für Mütter, denen es nach der Geburt ihres Kindes nicht gut geht. Diese gibt es flächendeckend seit 2009 in ganz Deutschland. Um sie herum hat sich in den letzten Jahren ein starkes Frühe Hilfen – Netzwerk etabliert, das konstruktiv und kooperativ zusammenarbeitet. Zu diesem Netzwerk gehören Psychologen, Sozialpädagogen, Kinderärzte, Kinderkrankenschwestern, Hebammen, Still- und ErnährungsberaterInnen, Ergo-, Logo-, Physio- und Psychotherapeuten, Psychiater, Beratungsstellen und andere Einrichtungen und Institutionen, die Angebote zur Versorgung von betroffenen Familien bereitstellen. Ziel des Netzwerkes ist es, (werdende) Mütter und Väter alltagspraktisch zu unterstützen und eine gute Eltern-Kind-Beziehung zu fördern.

Zudem sollen dadurch Therapiemaßnahmen und Unterstützungsangebote zugänglicher gemacht und die Versorgung von Schwangeren und jungen Eltern verbessert werden.

Ganz konkret bedeutet das, dass sich betroffene Frauen bzw. die Angehörigen in einem persönlichen Gespräch – auch im Rahmen eines Hausbesuches – über Behandlungsmöglichkeiten informieren können und die Adressen von guten Fachleuten, Medizinern und Therapeuten sowie von regionalen Selbsthilfegruppen erhalten. Je nach Wunsch begleiten die Koordinationsstellen der Frühen Hilfen die Mütter auch zu Ärzten, Therapeuten und Behörden, stellen die nötigen Anträge und vermitteln zwischen den Beteiligten.

Die Dauer der Familienbegleitung über das Netzwerk Frühe Hilfen ist sehr unterschiedlich: Manche Familien brauchen eine vom Jugendamt finanzierte Tagesmutter, ein anderes Mal ist ein von der Krankenkasse bezahlter Urlaub für den Vater die entscheidende Entlastung. In einem dritten Fall reichen Gespräche oder Unterstützung beim Papierkram, damit der Familienalltag wieder ins Gleichgewicht kommt. Zentral dabei ist, dass man sich gemeinsam auf den Weg macht, die Ursachen hinter den Symptomen ausfindig zu machen. Nur so wird sich langfristig eine Verbesserung der Familiensituation einstellen.

Weitere nützliche Adressen für betroffene Famiien mit dem Problem postpartale Depression

Bündnis gegen Depressionen: www.buendnis-depression.de
Selbsthilfeorganisation Schatten und Licht www.schatten-und-licht.de
Bundesverband der Angehörigen Psychisch Kranker: www.bapk.de

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