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Flugangst: Was Ein Pilot rät und warum der Flieger immer oben bleibt

1. August 2016

Ich persönlich leide unter Flugangst. Das ist erst vor ein paar Jahren bei mir aufgetreten. Seit ich Mutter bin und sowieso ängstlicher, hat sich bei mir eine schöne und ausgewachsene Phobie vorm Fliegen entwickelt. Ein bisschen konnte ich es alleine in den Griff kriegen, ich will ja schließlich mit meiner Familie Reisen unternehmen. Aber wenn’s wackelt, bin ich immer noch diejenige, die hörbar mit “Lippenbremse” ausatmet und sich an den Armstützen festkrallt. Ist mir doch egal, was die anderen Fluggäste denken….

Praktischerweise habe ich ja meinen Kolumnisten Helge, der nicht nur sehr schöne Texte für meinen Blog schreibt, sondern auch der krasse Aviator ist. Helge ist Papa, aber auch Pilot bei einer großen deutschen Airline. Wer kann also besser erklären, warum es okay ist, in ein Flugzeug zu steigen? Helge erklärt uns heute im Interview, warum ein Flugzeug oben bleibt und es nicht schlimm ist, wenn’s wackelt. Ganz einfach und einleuchtend eigentlich. Ich möchte nun nur noch mit Helge fliegen und wünsche Euch, wenn Ihr bald in den Urlaub fliegt, einen guten Flug!

Flugangst: ist das eigentlich gerechtfertigt?

Helge, kannst Du erklären, wieso so ein Riesen-Flugzeug abheben kann und nach oben fliegt (und dort auch bleibt)?

Letztendlich ist das alles „nur“ Physik. Das Flugzeug wird durch den Triebwerksschub angetrieben und bewegt sich vorwärts. Dabei strömt die Luft über die Tragflächen, und da diese speziell gewölbt sind, herrscht unter dem Flügel ein anderer Druck als über dem Flügel. Daraus entsteht Auftrieb, der bei genügend hoher Geschwindigkeit letztendlich das Flugzeug trägt.

Besteht eigentlich Gefahr, wenn der Pilot durchgibt, dass alle sich anschnallen sollen?

Nein, das ist eine Vorsichtsmaßnahme. Dann sind unsere Passagiere auch bei unerwarteten Turbulenzen gesichert. Deshalb gibt es auch eine generelle Anschnallpflicht, wenn man auf seinem Sitz sitzt.

Warum wackelt es bei Start und Landung?

In Bodennähe gibt es Gebäude, Bäume und sonstige Hindernisse, an denen sich der Wind verwirbeln kann. Da es nie wirklich windstill ist, haben wir also immer unruhige Luft in Bodennähe. Dazu kommt im Sommer die Thermik – das ist warme Luft, die sich zum Beispiel über dunklen Flächen sammelt und sich irgendwann von der Erde ablöst. Fliegt ein Flugzeug da durch, kann es auch wackeln.

Bei Turbulenzen während des Fluges: Was kann da alles passieren?

Wenn du angeschnallt bist, kann gar nichts passieren. Deshalb gibt es wie gesagt auch die allgemeine Anschnallpflicht, denn Turbulenzen sind nicht immer zu 100 Prozent vorhersagbar.

Kannst Du als Pilot Flugangst überhaupt nachvollziehen?

Klar kann ich das; nicht jeder ist gern in einem geschlossenen Raum oder überlässt die Steuerung eines Fortbewegungsmittels jemand anderem. Aber es gibt gute Seminare gegen Flugangst, die zwar nicht ganz billig sind, aber dafür auch mehrtägig sind und einen betreuten Flug beinhalten und in vielen Fällen die Flugangst lindern können.

Fly the friendly skies

Wenn Du in ein Flugzeug steigst, hast Du unglaublich viel Verantwortung für hunderte Menschen. Wie gehst Du damit um?

Ich habe ja bereits die Verantwortung für mein eigenes Leben, und da ich auch gerne abends wieder heil zu meiner Familie kommen möchte, ist das Ansporn genug, meinen Job 100%ig zu machen und alle Gäste sicher zu befördern.

Wird jedes Flugzeug vor dem Start technisch überprüft?

Einerseits haben wir unsere Mechaniker, die vor allem nachts oder auch tagsüber den Flieger checken; zusätzlich kontrollieren entweder der Kapitän oder ich als Copilot vor jedem Start beim „Outside Check“ die Maschine von außen.

Warum sollen eigentlich alle immer angeschnallt bleiben, bis die Anschnallzeichen erloschen sind. Was kann denn da noch passieren?

Manchmal muss das Flugzeug auf dem Weg zur Parkposition zwischendurch stoppen, zum Beispiel, um ein anderes Flugzeug vorbeizulassen oder auf eine freie Parkposition zu warten. Viele Passagiere denken, dass wir schon da sind, wenn der Flieger stehen bleibt, und wissen nicht, dass es noch weiter geht. Außerdem bringt das frühe Abschnallen ohnehin nichts, denn es dauert immer noch einen Moment, bis die Flugzeugtür geöffnet wird. Also: Sitzenbleiben und Gurt anlegen ist im Flugzeug nie verkehrt.

Und zuletzt: Hört Ihr Piloten im Cockpit, wenn applaudiert wird?

Nein, leider nicht, da die Cockpittür geschlossen sein muss. Aber unsere Flugbegleiter berichten uns von den Rückmeldungen der Passagiere – und wenn Zeit ist, stelle ich mich auch gern mal zur Verabschiedung an die Flugzeugtür. Manchmal gibt es dann sogar ein Lob für die Landung.

Ich möchte nun nur noch mit Helge fliegen und wünsche Euch, wenn Ihr bald in den Urlaub fliegt, einen guten Flug!

 

helge Collage

Helge Zembold (35) kommt eigentlich aus der Lüneburger Heide, lebt aber seit nunmehr zehn Jahren in Ingolstadt und erfreut sich an seinem geduldeten Aufenthalt als „Saupreiß“ in Bayern. Mit einer einheimischen Schönheit hat er mit Anton (5) und Marie (7) zwei Mini-Bayern in die Welt gesetzt. Wenn es ihm zu viel wird, fliegt er einfach weg – das ist nämlich sein Job als Pilot bei einer großen deutschen Fluggesellschaft. Auch sonst hält ihn nicht viel am Boden, privat fliegt er nämlich auch noch Motor- und Segelflugzeuge und schreibt als freier Journalist darüber. Geerdet wird er höchstens durch Familie, Katze, Hund und Pferd.

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