Erfahrungen Kind und Erziehung

Muss ich mich für meine Kinder entschuldigen?

22. Mai 2013

rentner_by_Ilka Plassmeier_pixelio.de

Wenn man Kinder hat, ist man ständig in der Defensive. Kindererziehung ist auch oft der (bei uns zumindest) vergebliche Versuch, die Kinder an die Erwachsenenwelt anzupassen. “Sei nicht so laut”. “Renn’ nicht so schnell”. “Sag danke”. “Gib der Dame die Hand”. “Nein, nicht die linke!” Und wenn es nicht so klappt mit der Anpassung, entschuldigen wir uns: “Oh, er ist heute müde.” “Sie hat halt einen grossen Bewegungsdrang”. “Mit vier muss man noch nicht alle Benimmregeln kennen”. Ständig muss man ausgleichen und erklären, die Erwachsenenwelt mit der Kinderwelt aussöhnen. Ich habe das manchmal so satt! Ich bin doch nicht im diplomatischen Dienst! Letzte Woche gab es eine Situation, da wollte ich am liebsten ein Laser-Schwert haben:

Ich ging in unserer lieblichen Reihenhaussiedlung mit meiner Tochter spazieren. Und plötzlich sah sie eine Mauer, auf der sie noch dringend balancieren wollte. Also habe ich Constanze ein wenig balancieren lassen. Dann stand sie noch ein bisschen auf dem Treppenabsatz des Hauses herum und sang ein wenig. Das war alles. Die Sonne schien und die Vögel zwitscherten.

Plötzlich ging das Fenster auf.

Die Nachbarin, Typ ältere, gut geföhnte Dame ohne Kinder, keifte: “Nehmen Sie Ihre Tochter da weg, ich habe dort gepflanzt.”

Dazu muss man sagen, dass diese Frau ein ausgeklügeltes Kamerasystem über ihrem Eingang installiert hat. Offenbar ist das ja auch notwendig, um das sich rumtreibende, balancierende und singende Gesindel bei frischer Tat zu ertappen.

Und was tat ich? Ich Habe Constanze “weggenommen” und bin nach Hause gegangen. Ich koche immer noch. Auch, weil ich nicht richtig reagiert und ihr keine passende Antwort gegeben habe. Das ärgert mich am meisten. Denn: Wie kinderfeindlich muss man sein, um so etwas zu sagen?

Zu Hause angekommen fielen mir dann natürlich ein paar Antworten ein:

“Welche Pflanzen? Ach Sie meinen das Unkraut da?”

“IHRE Rente zahle ich fortan NICHT mehr. Den Rollator mit den Goldgriffen in zehn Jahren können Sie also vergessen”.

“Ach SIE sind diejenige, die man hier “Alte Hexe” nennt?”

“Bald ist mein Sohn in der Pubertät un dann gnade Ihnen Gott!”

“Fahr doch einfach mal wieder auf Kreuzfahrt oder nordic walken, aber lass uns in Ruhe!”

Vielleicht sollte man in unserer Siedlung mal ein neues Warnschild anbringen, nicht “Achtung, spielende Kinder” sondern “Achtung, aggressive Rentner”….

Übrigens bin offenbar nicht nur ich sprachlos bei unverschämten Menschen, Lucie Marshall ging es kürzlich ganz ähnlich.

Wie geht es Euch in solchen Situationen? Gebt Ihr klein bei? Oder kontert Ihr solche Unverschämtheiten besser als ich? Würde mich sehr interessieren….

Foto: Pixelio/Ilka Plassmeier

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13 Kommentare

  • Reply Mara 22. Mai 2013 at 4:52 am

    Das kommt drauf an, wie ich grad drauf bin.
    Ich erinnere mich an eine Situation, da hatte ich den kleinen Sohn einer Freundin dabei, der gerade laufen lernte; außerdem meinen, der schon laufen konnte. Ich hatte einen Termin beim Arzt, hatte aber noch Wartezeit und bin deshalb mit den Zwergen auf einen kleinen Spielplatz in der Nähe gegangen. Das war ein PRIVATspielplatz der anliegenden, v.a. mit SeniorInnen besetzten Blocks. Während ich also mit dem Kleinen an den Händen hin- und herspazierte und Söhnchen Sand schippte, meckerte mich eine Omma an, ich hätte da nix verloren, die Wohngemeinschaft würde das Geld für die Pflege des Spielplatzes aufbringen, wenn da was kaputtginge?!
    Was zum Geier?!
    Ich habe erklärt, dass ich eine halbe Stunde hierbleiben werde, weil ich gleich einen Arzttermin hätte und dann nie wieder kommen werde, versprochen, aber so lange bliebe ich.
    Sie holte sich Verstärkung – zwei keifende Damen und ich mit den kleinen Jungs. Total surreal. Aber bei sowas brüllt der Löwe in mir und ich habe fleißig zurück gekeift, bis die abgezogen sind. Leicht war das nicht, aber entschuldigt habe ich mich da nicht. Ich kann dich aber auch verstehen. Manchmal mache ich es auch so, wenn mein Löwe gerade ein Mäuschen ist. Liebe Grüße, Mara.

  • Reply Thomas 22. Mai 2013 at 5:51 am

    “Nehmen Sie das Tier an die Leine!” – “Wie denn, Sie haben ja nicht mal ein Halsband um?”

    Als Hundebesitzer eines nicht kleinen Hundes bin ich es gewohnt, angefeindet zu werden. Nun kam vor einem Jahr ein zweiter Hund hinzu, vor drei Monaten ein Prachtbengel als Sohn. Ich freu mich auf die vielen Feindschaften, die wir bald intensiv pflegen werden. Bis dahin wird mein Fell täglich dicker, hoffe ich …

  • Reply Yogamama 22. Mai 2013 at 6:28 am

    Habe ich doch auch grad so eine Situation erlebt: Bei einem Weiher in einem Naturschutzgebiet wollte mein Sohn mit einem Ast messen, wie tief der Weiher an dieser Stelle ist. Da kam ein Mann und keifft mein Sohn an: “Lass das mal sein, das hier ist kein Spielplatz?! Ihr Kinder macht alles kaputt.” Da war ich auch mal perplex!

  • Reply Vivi 22. Mai 2013 at 7:27 am

    “Schlagfertigkeit ist das, was einem auf dem Heimweg einfällt” heißt es ja so schön…Ich ärgere mich auch regelmäßig über solche Situationen, bin aber dann zu perplex, um angemessen darauf zu reagieren. Aber den Satz mit dem vergoldeten Rollator solltest du fürs nächste Mal im Hinterkopf behalten 😉

  • Reply katrin 22. Mai 2013 at 9:36 am

    es gibt immer situationen und menschen über die man sich ärgern kann – ich finde diese stimmung als vertane zeit… wie ich es mittlerweile händle (schlagfertigkeit ist eben auch meine schwäche) : dazu – ich arbeite mit an demenz erkrankten zusammen und diese müssen immer wieder in ihrer welt abgeholt werden – das nennt sich validation. dies kann man aber mit jeder person machen. denn ich denke das jeder seine eigene wahrnehmung, realität, welt hat. zu deinem beispiel wäre mir wohl eingefallen die dame auf diese blumen anzusprechen- das man gesehen hat das da neu gepflanzt worden ist und das sie das hübsch gemacht hat und welche blumen das wohl sind. – man hätte sie warscheinlich aus ihrem unmut abgeholt – vllt. hatte sie selbst noch kein lob über ihre arbeit erfahren. das dein kind auf der mauer rumspringt wäre genau in dem moment vergessen gewesen. bei der spielplatzsituation von mara ist es das gleiche – die damen ärgert es sicher mehr das sie für einen spielplatz aufkommen müssen den sie wohl selbst nicht nutzen als das da fremde kinder darauf spielen. bei diesen hätte ich mit ins horn geblasen und es nicht für in ordnung befunden (was sie müssen dafür bezahlen? wieso das denn? und das ist rechtens? habe ich ja noch nie gehört,sachen gibts…)- die alten herrschaften hätten sich darüber auslassen können – nebenbei hätte das kind gespielt und die halbe stunde wäre im nu rum – der vorteil man bleibt im gedächtnis und wird beim nächsten mal sogar nett begrüßt… validation funktioniert immer – ist eine übungssache – und macht das leben definitiv leichter

    probierts aus 🙂
    viele grüße katrin

    ps fürs kind entschuldigen – nö !!! (kluggeschissen da ichs auch irgendwie immer mal wieder mache – meine theorie dazu man lebt dem kind vor das andere menschen grenzen haben die man respektieren muss und wenn man sie verletzt entschuldigt man sich) naja oder so 🙂

  • Reply aleXXblume 22. Mai 2013 at 1:13 pm

    Oh, wenn jemand meine Kinder (oder auch mal “meine” Schulkinder) blöd anmacht, dann werd ich zur Furie! Ich erinnere mich noch daran, wie meine Schüler mal in einer S-Bahn von einem älteren Herren gemaßregelt wurden, weil sie angeblich zu laut waren. Sie haben gelacht und gescherzt, waren aber ansonsten alle brav auf ihren Plätzen und haben sich tadellos benommen. Meine Standardantwort auf jammernde Passagiere: “Wenn Sie keinen Kontakt zu anderen Menschen haben möchten, dann fahren Sie doch einfach Taxi.” Daraufhin hat noch keiner gewagt, weiterzumotzen, hihi. ^^^

  • Reply TheSwissMiss 22. Mai 2013 at 9:06 pm

    Guter Beitrag! Leider bin ich auch nicht immer sofort schlagfertig genug und ärgere mich dann manchmal über mich selber. Wenn sich Leute über Kleinigkeiten aufregen, wie zum Beispiel letzten als eines meiner Kinder jemandem offensichtlich beim Einkaufen im Weg stand und es nicht SOFORT gemerkt hat, dann ärgere ich mich sehr über solch negative Reaktionen von Fremden. Meine Antwort darauf war: Nun gut, wenn die zwei Sekunden Verzögerung beim Einkaufen ihr einzigstes Problem heute ist, dann sind sie zu beneiden.

  • Reply Robin Urban 23. Mai 2013 at 12:37 pm

    Ich habe ja kein Problem damit Leute, die mir dumm kommen, so ein klein wenig zu beleidigen. Nur scheitere ich dann oft an meinen eigenen Ansprüchen: Wenn ich ihnen einen Spruch reindrücke, dann soll der doch wenigstens kreativ sein. Natürlich: In dem Moment bin ich meistens zu perplex, um zu antworten!

    Einmal habe ich folgende Situation beobachtet: Im ziemlich vollen Bus saß ein junger Mensch, ich nehme an Student, mit einer riesigen Einkaufstüte, die mit Sicherheit sehr schwer war, neben sich auf einem Platz. Auftritt alter Drachen: “Nehmen Sie die Tüte da weg, ich will sitzen. Ihre Tüte hat keinen Anspruch auf einen Sitzplatz!”
    Der Student war völlig sprachlos, raffte dann seine riesige Tüte zusammen und räumte BEIDE Plätze. Zufrieden setzte sich der Drache hin.
    Nun könnte man sagen: Natürlich hat die Tüte eigentlich auf dem Sitzplatz nichts verloren. Aber wer schon mal per Bus den Wocheneinkauf erledigt hat, weiß wie ätzend es ist, mit einer vollbepackten Tüte stehen zu müssen, ohne dass alles umfällt. Besonders gestört hat mich dabei aber, dass noch andere Plätze neben anderen Fahrgästen frei gewesen wären. Aber nee, der alte Drachen wollte genau DEN Platz. Weil es ja nicht sein kann, dass so ein Jungspund einen Platz mit seinen 20-Kilo-Einkaufstüten belegt, wo sich die doch so komfortabel rumschleppen lässt.

  • Reply Corinna 26. Mai 2013 at 12:55 pm

    In den meisten Situationen ist es doch so, dass einem die beste Replik erst hinterher einfällt. Beim nächsten Spaziergang würde ich auf jeden Fall wieder auf dieser Mauer balancieren.

  • Reply Micha 27. Mai 2013 at 8:48 am

    Solange so ein Problem irgendwo auftaucht, kann man sich ärgern, aber nicht zu lange, lohnt nicht, oder entsprechend einen Spruch zurückgeben. Entschuldigen? Wofür, dafür dass man ein Kind hat, das Kind ist? Nee! Wohnt so ein Problem in der Nachbarschaft, kann es zum Dauerbrenner werden. Solch ein Exemplar kann man dann nur mit vereinten Kräften zur Ruhe bringen. Abholen und ins gleiche Horn blasen, hilft da auch nicht mehr.

  • Reply Mel 27. Mai 2013 at 9:28 am

    Normalerweise bin ich sehr schlagfertig aber von ein paar Wochen konnte ich so schnell auch gar nicht reagieren. Wir waren auf einem abgelegenen Weg spazieren und junior, stellt sich wenn Fahrräder kommen auch immer an die Seite, diemal liefe er dann doch auf eines zu. Und die hexe (die ich sonst hin und wieder auf der Srasse sehe, und die nie grüßen kann und ich ihnehin schon net leiden kann) macht meienn Sohn dumm an! Wozu?

    Kinder laufen eben mal los oder machen rgendwas unerwartetes, das ist doch keine absicht… Und nur weil mein Sohn mit 2 nen meter groß ist und aussieht wie 4 uss man immernochnet so dumm maulen. Hinterher ist mir auch ganz vil eingefallen das ich ihr hätte sagen wollen…

  • Reply Nata0381 28. Mai 2013 at 12:58 pm

    Toller Beitrag! Ich ärgere mich auch immer, wenn jemand meine Kids maßregelt, ABER gleichzeitig bin ich auch verunsichert…vielleicht haben diese Leute ja Recht…
    Z.B. waren wir letzte Woche in der Nachbarstadt, OHNE Kinder, da haben zwei-drei Kids Taben über den Marktplatz gejagt…eine ältere Dame saß auf der Bank und hat versucht die Tauben zu füttern und brüllte auf einmal diese Kinder fürchterlichst an, die sollen das “Jagen der ARMEN Tauben auf der Stelle unterlassen!!!” Ich fand, dass es echt super gut erzogene Kinder waren, die haben das sofort gelassen, ihre Eltern haben nichts gesagt, aber man sah, dass deren Laune sank…
    MEINE Schwester, die ist da immer sehr viel empfindlicher und impulsiver, motzte die Dame sowas von an, das war mir dann peinlich.

    Ich frage mich, sollte man den Kindern verbieten, Tauben zu jagen…

  • Reply fraumutter 28. Mai 2013 at 4:33 pm

    Ihr Lieben, ich danke Euch. Eure Kommentare haben mich amüsiertt und nachdenklich gemacht. Leider erst heute die Antwort, weil ich mit Grippe im Bett lag.Von Euch kann man viel lernen! Validation, liebe Katrin, das muss ich noch lernen, aber ich versuchs beim nächsten Mal!!

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