Gastbeiträge

Glamour pur? Als Diplomatenfamilie im Ausland leben

1. November 2016

Man stellt sich das Leben einer Diplomatenfamilie ja so unendlich glamourös vor. Empfänge, Kinderfrauen, große Häuser. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Expat zu sein nicht immer nur toll ist. Als mein Sohn gerade ein Baby war, zogen wir als Familie für drei Jahre nach Stockholm. Zwar nicht als Diplomaten, aber eben als Deutsche im Ausland. Bei all den wunderbaren Erfahrungen und der Erweiterung des persönlichen Horizonts, was ich alles nicht missen möchte, nervt das Leben im Ausland auch manchmal und gerade mit (tieferen) Freundschaften ist es schwer. Heute schreibt Bloggerin Berdien von Be Jewly über ihr Diplomatenleben in Mexiko und warum sie Deutschland manchmal sehr vermisst.

Die Diplomatenfamilie: Das Leben auf dem Sprung

Mein Mann ist Diplomat und wir leben als Expatfamilie im Ausland. Seit bald fünf Monaten bin ich mit meiner Familie – Mann und drei kleine Töchter – nun in Mexiko-Stadt. Angesetzt sind drei Jahre, eventuell verlängern wir noch um eines. Der Beruf meines Mannes wird uns alle drei (oder eben vier) Jahre in ein anderes Land bringen, unsere Basis ist Berlin. Aber auch hier dauert ein Posten nur drei Jahre. Allerdings können wir uns dort – im Gegensatz zum Ausland – durch mehrere „Innlandsposten“ nacheinander vielleicht einen längeren Aufenthalt ermöglichen.

Viele Menschen stellen sich unser Leben wahnsinnig spannend und vor allem glamourös vor.  Sie denken, wir haben einen aufregenden Alltag, feiern viel, geben Empfänge, essen Kaviar und sind immer schick.

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Viele Privilegien, aber auch Opfer

Momentan merke ich noch nichts davon. Mein Mann ist aufgrund des Dualen Jahres Deutschland – Mexiko wahnsinnig eingespannt. Immer unterwegs zu Interviews mit dem Botschafter, Pressekonferenzen oder mit Delegationen aus Deutschland. Wir sehen uns seit ein paar Wochen, wenn überhaupt, nur am Wochenende. Ich bin viel allein mit den Kindern. Und vom Lotterleben fühle ich mich bisher weit entfernt. Keine Feierei, kein Kaviar. Eher durchschnittlicher Alltag in einem fernen Land.

Ich habe viel Hilfe im Haushalt und das ist wunderbar, die könnten wir uns in Berlin nicht leisten. Die Kinder lieben ihre Nonas (Kindermädchen) sehr und umgekehrt. Es geht uns gut hier. Ich kann meinen Horizont erweitern, meinen Kindern die Welt zeigen und all das. Wir machen zwischendurch viele kleine, feine Ausflüge. Sie werden gute Schulen besuchen. Wir werden verschiedene Kulturen und Sprachen kennenlernen. Ich schätze das sehr und weiß, dass das ein Privileg ist. Es gibt viele Frauen (und auch Männer), die sind sicherlich der geeignete Typ für dieses Leben. Ich bin aber wohl eher ein Mischtyp.

Mischtyp, weil ich neben den ganzen wunderbaren Erfahrungen und Annehmlichkeiten eben auch ein sehr familienverbundener Mensch bin. Ich hänge sehr an meinen Freunden und meiner Familie. Physisch, nicht nur mental. Gerade in neuen und ungewohnten Situationen brauche ich sie um mich. Hier fühle ich mich noch oft allein. Die Sprache beherrsche ich bisher so mittelgut und richtig gute, stabile Freundschaften fehlen mir noch an so mancher Ecke. Was mich zu einem wichtigen Punkt bringt: Freundschaften im Wechsel

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Freundschaften sind schwierig

Letztens hörte ich von einer Bekannten, in der Deutschen Schule würden diejenigen Kinder, die nach drei Jahren wieder gehen, von den anderen erst gar nicht richtig integriert. Noch blieb uns diese Erfahrung erspart, zu jung sind unsere Kinder. Aber ich kann mir vorstellen, dass das irgendwann passiert und meine Kinder sehr trifft. Momentan aber sind sie sehr glücklich und schließen trotz der Sprachbarriere viele neue Freundschaften.

Wenn ich eine Frau kennenlerne, bei der ich denke: „DIE ist es, die mag ich wirklich gern, das könnte was werden“, kommt sofort der Gedanke auf: Und in drei Jahren muss ich sie wieder verlassen. Ob sie bei mir bleibt, weiß ich nicht. Lohnt es sich dann überhaupt? Denkt sie genauso? Ich habe wirklich nette Kontakte hier und hoffe, dass sie überdauern und sich intensivieren können! Die Freundschaften in Berlin aber, werden sie die Entfernung über die Jahre wirklich aushalten? Auch in Zeiten von FaceTime, Facebook, WhatsApp und Co.?

Und was ist, wenn die Kinder älter sind?

Meine Kinder, für die dieser erste Umzug spannend und aufregend war, werden die sich in zehn Jahren immer noch über Neuanfänge und Abschiede freuen? Oder werden sie viel mehr sauer sein, weil wir sie aus lieb gewonnenen Beziehungen reißen müssen? Eine 16- Jährige, wird die noch freudig mit ins Ausland gehen und eventuell ihre erste große Liebe hinter sich lassen?  Wie werden wir uns fühlen, wenn der Mann und ich im Ausland sind, weit weg von unseren studierenden Kindern? Ich weiß es nicht und es beschäftigt mich sehr.

Wir stehen noch ganz am Anfang, das ist unser erster Auslandsposten. Sicherlich wird sich eine gewisse Routine einspielen, im Laufe der Zeit. Die Neuanfänge werden uns nicht mehr so ins kalte Wasser schmeißen wie dieser erste. Wir werden vielleicht auch in unseren Abschieden entspannter. Ich freue mich auch darauf, dieses Leben auszukosten, neue interessante Menschen zu treffen, mich auszutauschen und alle Annehmlichkeiten des Lebens als Expatfamilie im Ausland genießen zu können.

Was habt Ihr für Erfahrungen im Ausland gemacht?

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7 Kommentare

  • Reply Katja 1. November 2016 at 5:58 pm

    Liebe Berdien,

    Diese Gedanken kommen mir doch sehr bekannt vor! Zwar ist mein Mann kein Diplomat, aber den Ort für den Job wechseln, das kommt auch regelmäßig auf uns zu. Auch ich mache mir meine Gafanken, wie die Kinder das alles wegstecken werden! Sie sind noch klein, aber die große hat das erste mal eine Freundin und ich höre die Uhr immer ganz laut ticken, wenn sie zusammen sind.
    Mir helfen immer zwei Gedanken: 1) wir ziehen nicht für immer um. Also falls dir der Ort nicht passt, ist es nicht so schlimm! Und wenn doch, dann kannst du es einen Stück deiner Heimat werden lassen. Ich kann Orte meist besser genießen, als die Einheimischen, gerade weil ich weiß, dass ich diese Schönheit irgendwann nicht mehr täglich sehen werde.
    2) Die Gegenwart ist das, was zählt! Den Moment genießen, Freundschaften leben und nur mit denen sich umgeben, die man mag, das gibt unheimlich viel Freiheit! Und Freundschaften sind heute lange nicht mehr an den gleichen Wohnort gebunden…

    Liebste Grüße Katja

  • Reply Sina 1. November 2016 at 10:06 pm

    Ich selbst habe keine Erfahrungen im Ausland, aber mit einer kanadischen Familie, die aus beruflichen Gründen des Vaters ein solches Leben führte. 1991 kamen sie aus Calgary nach Ostdeutschland, in meine Nachbarschaft. Die große Tochter ging in meine Klasse, wurde eine Freundin. Nach 3 Jahren ging es weiter zum Starberger See. Danach hatte ich sie aus den Augen verloren. Über Facebook haben wir uns wieder gefunden. Sie ist mittlerweile seit Jahren verheiratet. Mit einem Diplomaten! Mittlerweile sind sie US Amerikaner und leben das eben beschriebene Diplomatenleben. 3 Jahre Thailand. Die jüngste Tochter wurde dort geboren. Danach folgten 3 Jahre Wien und nun sind sie erst einmal wieder in Amerika. Richtige Freundschaften werden die 4 Kids der Familie nicht kennen. Und meine Freundin von damals sicher auch nicht… hard life!
    Schau‘ doch auch mal bei mir vorbei! Ich freue mich auf deinen Besuch.
    xoxo & liebste Grüße
    Sina von https://CasaSelvanegra.com

  • Reply Berdien 2. November 2016 at 2:38 am

    Liebe Katja, das sind zwei sehr schöne Ansätze. Recht hast du damit. Alles Liebe für euren abenteuerlichen Weg!

  • Reply Mamagie 2. November 2016 at 9:14 am

    Liebe Berdien,

    gib dir ein bisschen Zeit, richtige Freundschaften zu knüpfen dauert. Und was das „sich wieder trennen müssen“ angeht: Zu den oberflächlichen Bekanntschaften wirst du den Kontakt verlieren, aber der zu den engen Freunden bleibt bestehen. Und das tolle ist, auch wenn man sich längere Zeit nicht gesehen hat, ist es, als ob man nie weggewesen wäre, wenn man sich wieder sieht. Ich denke, die Freundschaften im Ausland sind auf ihre Weise intensiver, da sie gleichzeitig auch eine Art Familienersatz sind. Wir waren 5 Jahre in Dubai, ich gebe zu, da ist es etwas einfacher, Freunde zu finden, denn dort sind fast alle Expats, aber auch bei kürzeren Auslandsstationen davor habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht.

    Liebe Grüße und eine tolle Zeit in Mexiko

    Karin

  • Reply Uta 12. November 2017 at 11:16 pm

    Ein schöner Beitrag!

    Wir sind selbst schon viel mit Kind/ern rumgezogen. Nun sind wir seit vier Jahren in London und ich kann deine Gedanken total nachvollziehen: Freubdschaften aufbauen und pflegen ist wirklich anstrengend und wenn man weiß, dass das für eine gewisse Zeit ist, fragt man sich sicher, ob sich das lohnt…

    Wir waren zwei Jahre in Hong Kong und davor in Frankfurt. Diesen Sommer haben wir einfach mal zwei E-Mails geschrieben an alte Freunde aus den Zeiten, zu denen wir sehr den Kontakt verloren hatten.
    Als wir sie dann auf der Durchreise trafen war es aber so, als lägen nur ein paar Monate seit dem letzten Treffen zurück und dass, obwohl mittlerweile Geschwister geboren wurden…

    Ich drücke euch die Daumen, dass ihr México und alle folgenden Auslandsjahre genießt! Und natürlich Berlin wenn ihr zwischendurch dort seid!

    Liebe Grüße aus London,
    Uta

  • Reply Yolanda 12. November 2017 at 11:38 pm

    Ich bin, bevor ich meinen Sohn (5) bekommen habe, auch viel umgezogen. Hab 2,5 Jahre in England gelebt und bin dort auch mehrmals umgezogen. Was Diplomatenkindern fehlt ist Heimat. Tiefe Freundschaften sich auch schwierig. Aber man kann ja auch Freunde haben, die weit weg wohnen, wenn die Wellenlänge stimmt. Leben im Ausland hat immer Vor- und Nachteile. Ich mochte dies Nomadenleben irgendwann nicht mehr. Es war Stress. Aber solange man seine Liebsten dabei hat….

  • Reply Heimweh und Glück: Mit der Familie in die USA auswandern 30. November 2017 at 7:38 am

    […] für viele ist das ein Traum. Wir selbst haben drei Jahre in Schweden gelebt und das Leben im Ausland war toll. Uns war aber auch sehr schnell klar, dass wir zurück wollen. Auswandern ist tatsächlich […]

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