Familiengeschichten

Muttertag: Erinnerung an Omi Tutti , Trümmerfrau und Überlebenskünstlerin

10. Mai 2015

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An diesem Muttertag, der fast auf den Jahrestag des Kriegsendes fällt, denke ich an meine Großmutter. 1904 geboren, war sie Zeitzeugin zweier Weltkriege. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie mir als Kind immer Kniebeugen gezeigt hat, die sie zu „Kaisers Geburtstag“ vorturnen durfte. Eine Tochter bekam sie vor dem Zweiten Weltkrieg, die zweite, meine Mutter, 1942. Gertrud Salomé, genannt Omi Tutti, begegnete dieser Zeit mit ungebrochenem Humor.

Alles war zum Lachen. Wann immer mir sie mir von Flucht und Bombennächten erzählte, klang das immer wie eine einzige Abenteuergeschichte. Gestohlene Pferdekutschen, Quartier bei Menschen mit sonderbaren Dialekten (die sie wunderbar imitieren konnte), Übernachten im Freien. Nach Kriegsende fand Omi ihre Wohnung zerbombt vor und ärgerte sich am meisten, dass die guten Weingläser kaputt gegangen waren. Nun ja, dann nahm man sich eben die Nachbarwohnung, die noch heil war. Mit ihren Nachbarn kam sie zeitlebens nicht gut zurecht, was kein Wunder war.

Mit all dem Wissen, was wir heute über den Krieg haben, scheint es sonderbar, wie die Zeitzeugen damals mit der Realität umgingen. Aber vielleicht ging es ja auch nicht anders. Für Omi Tutti war Humor Überlebenskunst und Mittel, das Erlebte zu verarbeiten. Aufarbeitung fand nicht statt. Aber es wurde gelacht. Wenn meine Mutter, meine Tante und Großmutter zusammen waren, wurde ein Spruch nach dem nächsten gekloppt. Meine Oma konnte so ausdauernd, laut und intensiv lachen, wie keiner. Dabei war es ihr auch völlig egal, ob man das nun tat als Ehefrau, Mutter oder später als Witwe. Bei einem guten Witz kamen ihr die Tränen, es schüttelte sie und sie haute demjenigen, der gerade neben ihr saß, kräftig auf die Schenkel.

Ich wollte sie dann immer zum Lachen bringen und manchmal gelang mir das auch. Sie hielt sich dann den Bauch und sagte: „Ich kann nimmer, ich kann nimmer!“

Mit der Diplomatie hatte sie es nicht so. Sie ließ sich von anderen Menschen nicht beirren und bei ihr hiess es immer. „Ich bin ich und wo ich bin, ist oben.“ Eine beneidenswerte Einstellung eigentlich. Männer waren meistens etwas eingeschüchtert von ihr, denn man konnte ja auch nie wissen, wann der nächste Spruch kam (auch gerne auf die Kosten des anderen Geschlechts).

Einer ihrer Favoriten war: „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Gebüsch.“ ( Diesen Spruch habe ich als Kind lange nicht verstanden habe..)

Ein anderer Schenkelklopfer von Omi Tutti war aber sicherlich ein Gebet, was man wohl unter „rheinischer Katholizismus“ abhaken kann:

„Mein Gottchen beschütze unser Lottchen vor Hunger, Not und Sturm und vor dem bösen Hosenwurm.“

Folglich empfahl sie mir in später Liebesdingen auch „einfach die Finger davon zu lassen“, weil „Männer alle Verbrecher seien, ihr Herz ein finsteres Loch.“

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Nachdem ihre große Liebe, mein Großvater, früh verstorben war, heiratete sie nochmal. Sie fand ihren zweiten Mann per Annonce. Er hatte eine angenehme Stimme und war Bauunternehmer. Das reichte ihr. Omi Tuttis großes Lebensziel nach zwei Kriegen und zerbombten Wohnungen war ein Haus. Und dann kam dieser Mann gerade recht. Wo ein Wille ist……

Ob sie eine gute Mutter war? Sicherlich war sie ein Kind ihrer Zeit und nach dem Krieg hauptsächlich mit der Erwirtschaftung des Lebensunterhaltes beschäftigt. Meine Mutter beklagt heute noch, dass sie nie einen Kindergeburtstag feiern durfte, weil „ich ja wohl besseres zu tun habe, als auf anderer Leuts‘ Kinder aufzupassen“, so Omi Tutti. Meine Mutter durfte kein Abitur machen, weil es damals noch etwas gekostet hat, aber auch weil „Du ja eh mal heiratest, Kind.“

Es war sicherlich kein einfaches und nicht immer glückliches Leben für sie. Ihr Humor aber war ihr Fixpunkt und Anker, ihre Verbindung zu ihren Töchtern und ihrer Enkeltochter.

Miss you, Omi, und alles Liebe zum Muttertag!

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2 Kommentare

  • Reply Nika 10. Mai 2015 at 5:23 pm

    Hallo Nina,
    Vielen Dank für dieses tolle Kurz-Porträt deiner Omi, das mich sehr berührt hat.

    Alles Liebe.
    Nika

  • Reply Birte 10. Mai 2015 at 6:51 pm

    Wie immer wunderbar und berührend geschrieben 🙂
    Danke!

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