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Glückliche Pubertät? Interview mit Alexa Hennig von Lange

19. Dezember 2017
interview alexa hennig von lnage

Auf das Interview mit Alexa Hennig von Lange habe ich mich sehr gefreut. Natürlich kenne und mag ich ihre Bücher schon lange, aber ich habe sie tatsächlich auch “studiert”.

Ende der 90er in Marburg als Germanistik-Studentin saß ich in einem Proseminar “Zum Phänomen der deutschen Popliteratur” und hätte mir wirklich nicht träumen lassen, Alexa Hennig von Lange letzte Woche in einem Café am Berliner Roseneck zum Interview zu treffen. Heute könnt Ihr das Buch 2 x gewinnen.

Fast zwei Stunden lang haben wir uns über unsere Pubertät, Kinder und Familie und das Schreiben unterhalten. Anlaß für das Gespräch war das Buch ” Breaking Good- mach Dich glücklich”, das Alexa gemeinsam mit ihrem Mann Marcus Jauer geschrieben hat. Von allen Pubertätsbüchern, die ich kenne, ist dies das Beste!

Alexa und Marcus schreiben wechselweise aus ihrer Jugend und Perspektive über all das, was Heranwachsende betrifft. Freundschaft, Liebe, Gefühle, Stress mit den Eltern, Mist bauen. Und das auf eine so emphatische Art, dass es auch für Eltern von pubertierenden Menschen eine echte Freude ist, dieses Buch zu lesen.

Interview Alexa Hennig von Lange: Wie läuft das zu Hause bei Euch mit den Kindern?

In eurem Buch “Breaking Good” richtet ihr euch an Jugendliche, behandelt die typischen Pubertätsprobleme. Wie kam die Idee für das Buch auf?

Marcus und ich reden einfach viel und viele Dinge klären sich bei uns, wenn man sie ausspricht. Man gibt sich dem Anderen dann ja zu erkennen. So bin ich auch aufgewachsen, zu Hause haben wir einfach immer viel und offen geredet. So habe ich das dann auch mit meiner ältesten Tochter gemacht, die heute ja schon 18 ist. Sie hatte halt Fragen, mit denen sie zu uns kam und wir haben ihr dann immer von unserer eigenen Kindheit und Jugend erzählt.

Was mir auch aufgefallen ist: wann immer Marcus und ich aneinander geraten und ich mal genauer hinschaue, woher meine Reaktion jetzt wieder kommt, stelle ich oft fest, dass plötzlich Bilder aus der Kindheit und Jugend auftauchen. Und wenn ich Marcus dann von den vergangenen Ereignissen erzähle, erledigt sich das „Problem“ relativ schnell. Also würde „Breaking Good“ auch für Erwachsene so funktionieren.

Interview Alexa Hennig von Lange

Warst Du bei deiner Tochter in der Pubertät immer ganz gelassen?

Meine Tochter hat es mir immer ziemlich leicht gemacht. Sie ist einfach super! Ich habe sie ja sehr junge bekommen und wir waren einfach viel zu zweit alleine, da ist eine besondere Bindung entstanden, von der wir in der Zeit der Pubertät profitiert haben.

Das „Ablösen“ war dann trotzdem nicht so einfach. Da war ihr Aufenthalt in Peru, wo sie nach dem Abi für drei Monate war, sehr hilfreich. Wir beide haben gemerkt, dass sie total gut alleine zurecht kam, gleichzeitig waren wir über whatsapp sehr eng verbunden und sie hat mich viel teilhaben lassen an ihren Erlebnissen.

Ich habe ganz große Angst, dass ich meine Kinder in der Zeit der Pubertät “verlieren” könnte. Was ist deiner Meinung  nach wichtig, um eine Beziehung zu den Kindern stabil zu halten?

Bei meinem Sohn war es so, dass wir immer total viel gemeinsam unternommen haben und dann von heute auf morgen wollte er plötzlich nicht mehr. Wir haben die „Schuld“ erstmal bei Gameboy und Co. gesucht, aber inzwischen vermute ich, das ist eine ganz normale Bewegung des Kindes. Jungs brauchen wahrscheinlich tendenziell mehr Zeit für sich, weg von den Eltern, auch „verbotene Dinge zu tun“. Da habe ich oft gedacht „Ob das mal gut geht“, aber mein Sohn wusste am Ende eigentlich immer was er tat.

Im Nachhinein hätte ich gerne weniger bei ihm „nachgebohrt“, also nicht ständig nachfragen und alles wissen wollen. Je mehr ich mich als Mutter zurückgenommen habe, desto mehr haben wir eigentlich erzählt. Zuhören hilft und das geht natürlich auch nicht immer, wenn ich das will.

Wie seid ihr mit der Ablehnung der Kinder umgegangen, dem Abnabeln?

Bei meiner Tochter gab es das gar nicht. Bei meinem Sohn gab es mehr Selbstbehauptungstrieb. Das Mütterliche loszuwerden, um seine Identität als Mann zu finden. Das ist natürlich schwer als Mutter, dem Kind Raum lassen für die Selbstfindung und gleichzeitig die nötigen Grenzen zu setzen.

Hilfreich ist allerdings, nicht alles persönlich zu nehmen, mich nicht angegriffen zu fühlen. Ich bin aber eigentlich gegen das Über-Psychologisieren des Kindes und der Familiensituation. Man ist dann schnell als Kind oder Jugendlicher problematisiert, diagnostiziert und in eine Schublade gesteckt.

Meinst Du, dass man in der Pubertät eigentlich noch “erziehen” kann oder muß man das vorher erledigt haben?

Das hoffe ich, im Sinne von „beibringen“. Meine Tochter kommt heute noch und fragt mich Sachen und dann überprüft sie meine Sichtweise und schaut, was sie davon übernehmen kann. Meinem Sohn überlasse ich dann auch mal die Verantwortung, wenn er meint, dass er das jetzt besser mal alleine klären kann.

Ich denke aber schon, dass die Haltung der Eltern noch immer gut „durchsickert“ und auch von Bedeutung ist. Ich finde es zum Beispiel wichtig, mitfühlend miteinander umzugehen, eine gewisse Ordnung ist für mich ebenfalls nicht zu verachten, auch, um sich selbst zu sortieren. Meine Kinder können also durchaus ihr Geschirr in die Spülmaschine räumen, den Tisch decken oder helfen, wenn ich Pfannkuchen mache. Nur Zucker und Zimt mische ich lieber selber an.

Alexa: Hand aufs Herz! Und wie war die eigene Pubertät so?

Wer war denn dein Anker in Deiner Pubertät?

Also meine Mutter war mein Anker und dann kam erst mal ganz lange nichts. Meine Schwester war und ist auch immer noch meine Beschützerin, eine Art Naturgewalt. Die würde alles tun, damit mir nichts passiert. Manchmal musste ich allerdings auch Angst vor ihr haben, wenn ich mir unerlaubt etwas aus ihrem Kleiderschrank genommen habe. Mein Vater war zwar nicht so viel zu Hause, aber gab mir auch eine große Sicherheit, weil er immer ausgestrahlt hat: „Mir kann nichts passieren“.

Und das Schreiben war auch immer mein Anker. Das war immer ein Raum der Geborgenheit, der unzerstörbar war.
Das ist auch heute noch so.

Ist Schreiben also  Dein “safe place”?

Ja, ich kann das allerdings gar nicht so sehr von mir als Person trennen. Beim Schreiben erweitere ich mich einfach, ich expandiere.

Wir werden als Blogger das auch oft gefragt: Wie viel kann man vom persönlichen Leben preisgeben, macht man sich eigentlich nackt und angreifbar, wenn das Sujet das eigene Leben ist?

Ich hab das Schreiben immer als etwas erlebt, wodurch man sich mit anderen Menschen verbinden kann und zwar auf einer zutiefst wahrhaftigen, menschlichen Ebene. Wir sind doch eigentlich alle gleich, mit den gleichen Problemen. Wenn es doch etwas ist, was uns alle beschäftigt, warum soll ich so tun, als wäre mir das egal?

Wenn ich über andere Menschen in meinem Umfeld schreibe, muss ich natürlich etwas vorsichtiger sein. Trete ich denen zu nah? Darum gebe ich vorher sicherheitshalber alles meiner Mutter zum Gegenlesen. Ich erinnere mich an frühere Bücher, als plötzlich die Nachbarn vor der Tür standen und meine Mutter musste dann erklären, warum ich über sie geschrieben habe.

Heute bin ich da etwas umsichtiger. Wobei ich manche Dinge schon erzählen möchte und das kann man nicht ohne Eltern oder Erfahrungen aus der Kindheit.

Können eigentlich alle Menschen mit so viel Offenheit umgehen?

Früher wurde ich hin und wieder für naiv, fast für dumm gehalten, so offen zu erzählen. Irgendwie scheint das für manche Leute nicht normal zu sein. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Bekannte anfangen, mir frisch von der Leber weg etwas Persönliches zu erzählen und anschließend wird ganz schnell zurück gerudert so nach dem Motto: „Ach, war gar nicht so schlimm.“ Dabei finde ich solche Geschichten immer am Tollsten, weil sie verbinden. Wir erleben doch sowieso alle das Gleiche, da kann man es auch erzählen!

Du beschreibst ja auch den Mist, den man so als Jugendlicher macht. Wie kann man sich da als Eltern beruhigen, wie geht man mit der Angst um?

Das soll jetzt gar nicht so mystisch klingen, aber ich schätze: In unserer Jugend haben wir alle mindestens 30 Schutzengel gehabt. Was alles hätte schief gehen können! Diese Beobachtung, dass das Meiste damals gut ausgegangen ist, wirkt auf mich heute sehr beruhigend. Jedes Kind braucht auch einfach diese schrägen Erfahrungen, um lebenstüchtig zu werden. Die können wir Eltern ihnen auch nicht abnehmen, oder sie vor jeder schmerzhaften Erfahrung schützen. Wie sollen sie sonst für´s Leben lernen? Besser die Kinder machen die Erfahrungen jetzt im Kleinen, als mit 40 im ganz großen Stil.

Ich finde es auch hilfreich, den eigenen Kindern ab und an ein paar Dummheiten aus der eigenen Jugend zu erzählen. Das schafft Vertrauen und Verbundenheit. Ich habe als Jugendliche viel zu wenig von der Jugend meiner Eltern erfahren.

 

 

In Eurem Buch “Stresst Ihr noch oder liebt Ihr schon?” geht es ja auch um das Hauptproblem moderner Familien: “Wir sind ja alle so gestresst” Was kann die Lösung sein? Die eigene Sichtweise ändern?

Meine Mutter ist da mein Vorbild, sie war nie dramatisch von uns Kindern gestresst. Sie war und ist immer voller Liebe. Sie fand einfach irgendwie alles schön, was passierte. Sie war wahnsinnig gerne Mutter – bis heute. Das was in der Familie  und im Beruf passierte, gehörte eben nun mal dazu. Sie hatte sich für dieses Leben von ganzem Herzen entschieden. Und das spart, glaube ich, viel Kraft. Ich glaube, man kann sich auch entscheiden, ob man von allem genervt ist oder nicht. Kinder haben ist kräftezehrend und man muss es nicht noch anstrengender machen, indem man sich ständig fragt, warum es nicht leichter ist.

Ich meine, warum nicht einfach mal auf die Süße und die Unschuld von unseren Kindern konzentrieren? Was sie sagen? Wie sie die Welt sehen? Wie sie trösten und teilen? Sich von ihrer täglichen Verwunderung anstecken lassen. Das soll gar nicht kitschig klingen, aber ich will nicht um 17:30 Uhr denken: „In zwei Stunden sind sie endlich im Bett.“ Dafür habe ich keine Kinder gekriegt.

Liebe Alexa, danke für das Gespräch!

* Der Text enthält affiliate links. Wenn Du auf das Foto klickst und über diesen Link bestellst, wird das Buch nicht teurer, ich erhalte aber eine kleine Provision.

Juhu! Ihr könnt das tolle Buch “Breaking Good” heute 2x gewinnen! Einfach bis zum 20.12. hier und unter dem facebook-Post kommentieren.

Fotos: © Gene Glover

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16 Kommentare

  • Reply Philipp 19. Dezember 2017 at 10:40 am

    Hallo, ich würde mich total über das Buch freuen. Danke in jedem Fall für das tolle Interview und schöne Weihnachtstage! 🙂

  • Reply Janine Plitsch 19. Dezember 2017 at 11:07 am

    Ich würde mich auch sehr über das Buch freuen! Eine sehr entspannte Sicht auf Erziehung und ein Miteinander-Leben mit Kindern – das möchte ich auch so umsetzen mit meinen Töchtern!

  • Reply Veronika W. 19. Dezember 2017 at 11:10 am

    Das Buch klingt super interessant! Ich würde mich sehr darüber freuen :-). Besonders gut gefällt mir in dem Interview übrigens der letzte Absatz. “Ich glaube, man kann sich auch entscheiden, ob man von allem genervt ist oder nicht.” Ich glaube, genau so ist es! Eine tolle Haltung – ich übe mich auch jeden Tag daran.

  • Reply Sandra 19. Dezember 2017 at 1:19 pm

    Hallo Nina, was für ein schönes Interview! Da wäre ich gern dabei gewesen….
    Auch ich würde mich sehr über das Buch freuen, passt es doch sehr gut, da wir gerade am Anfang der Pubertät stehen… Glg und ein frohes Weihnachtsfest für dich und Deine Lieben!

  • Reply Isabelle 19. Dezember 2017 at 1:34 pm

    Hi, klingt eigentlich ganz einfach. ich würde sehr gerne das Buch lesen. Viele Grüße, Isabelle

  • Reply Katja 19. Dezember 2017 at 8:52 pm

    Ich würde mich sehr über das Buch freuen.

  • Reply Anni 19. Dezember 2017 at 8:55 pm

    Ein sehr spannendes Thema! Aus akutem Anlass würde ich mich sehr über das Buch freuen! Ich könnte ein bisschen Lektüre hierzu gut gebrauchen!

    • Reply Frau Mutter 21. Dezember 2017 at 7:39 am

      Herzlichen Glückwunsch, DU hast gewonnen!

  • Reply Hasenauer Brigitte 19. Dezember 2017 at 10:04 pm

    Hallo, da meine Tochter und ich gerade mitten in ihrer Pubertät sind, und ich manchmal mit meinem Latein am Ende bin, würde ich mich über diese Form der Lebenshilfe sehr, sehr freuen. Lg Brigitte

  • Reply Gabi S. 20. Dezember 2017 at 6:09 am

    Die Pubertät meiner Fünf ist (zum Glück) vorüber, jetzt brauchen wir das Buch für die funf Enkelchen ❤

  • Reply Rass 20. Dezember 2017 at 11:08 am

    Hallo, das hört sich interessant an. Das Buch könnte meine Sichtweise als Vater vielleicht positiv beeinflussen. Ich würde mich darüber freuen.

    • Reply Frau Mutter 21. Dezember 2017 at 7:38 am

      herzlichen Glückwunsch, Du hast gewonnen!

  • Reply Sabine 20. Dezember 2017 at 8:54 pm

    Oh, das hört sich gut an! Würde ich sehr gerne auch lesen – und die Angst, meine Kinder in der Pubertät zu „verlieren“, erfolgreich klein halten.

  • Reply Ines 23. Dezember 2017 at 11:14 am

    Spannend. Ich werde es auf jeden Fall lesen. Wenn ich es gewinne, wäre das natürlich extrem toll!

  • Reply Gestatten: I bims, die peinliche Mama! 25. Januar 2018 at 8:32 am

    […] Mein elfjähriger Sohn fängt jetzt an, uns Erwachsene manchmal so seltsam von der Seite anzuschauen. So à la: „Wer ist das und was wollen diese Lebewesen von mir?“ oder auch: „Soll ich wirklich von DENEN abstammen?“ Das ist nicht einfach, das sage ich Euch. Ist das schon die Pubertät? […]

  • Reply Eine frühere Musterschülerin fragt: Verlangen wir zuviel von unseren Kindern? 1. Februar 2018 at 7:39 am

    […] Tatsächlich glaube ich, dass wir unseren heranwachsenden Kindern auch durchaus von unseren Dummheiten erzählen dürfen. Unsere Kinder wissen, dass wir nicht die größten Helden im Rechnen waren und […]

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