Gastbeiträge

Vater werden und „modern“ sein: Wir Superdaddies!?

7. April 2016

Vater werden. Die natürlichste Sache der Welt, oder? Heute nicht mehr, denn es gibt ja die „neuen Väter“. Das sind diese Wunderwesen, die auch mal zu Hause beim kranken Kind bleiben oder den Staubsauger schwingen und dafür in den Himmel gelobt werden. Meinen Kolumnist Johnny nervt das und er ist selbst einer dieser Väter. Ein Papa-Rant über Männer, die Selbstverständliches tun und Frauen, die dann ja wohl mal wieder alle Rabenmütter sind.

Väter, die sich heute aktiv in Kindererziehung und Familienarbeit einbringen und dafür beruflich zurückstecken, werden gern als ‚modern‘ bezeichnet. Warum es moderne Väter aber eigentlich gar nicht gibt und warum sie trotzdem ganz schön anstrengend sein können?

Vater werden ohne eigenes Vatervorbild: Läuft!

Ich persönlich habe kein väterliches Vorbild erleben dürfen. Als meine Mutter inmitten ihrer eigenen Pubertät auf meinen leiblichen Vater traf, war dieser kaum älter als sie. Während sie schwanger ist, trennen sich ihre Wege schon wieder. Selbst kennengelernt habe ich ihn nie. Das Bedürfnis, dies zu ändern, habe ich in meinem Leben nie verspürt. Auch dann nicht, als ich selbst Vater wurde.

https://www.flickr.com/photos/missniff

Dass mir der abwesende Vater nicht fehlt, er mich in meinen Ansichten aber dennoch prägt und auch geprägt hat, das wusste ich schon lange bevor ich Vater wurde. Mir war immer klar: Würde ich jemals Kinder haben, würde ich es anders machen. Ich würde mich aktiv in ihr Leben einbringen (wollen).

Medien kennen nur Superheldenväter

Heute bin ich Vater einer zweijährigen Tochter und stelle zufrieden fest, dass Väter wie ich immer stärker in den Medien wahrgenommen werden. Ich habe mein Erwerbsleben auf den Kopf gestellt, mich gegen die feste Stelle entschieden und das alles, um mehr Zeit für die Familie zu haben.

Was mich allerdings mitunter sehr ärgert ist, wie Väter in der heutigen Medienlandschaft dargestellt und wahrgenommen werden. Vater werden ist etwas Selbstverständliches und man wird dafür in den Himmel gelobt und bekommt im schlimmsten Fall „Spitzenvater des Jahres“-Awards verliehen. Bringt man sich als Vater auch nur minimal ein, ist sofort alles super, alles ist gut. Man wird gefeiert und schon muss man frauenfeindliche Headlines wie zum Beispiel „Sind Väter die besseren Mütter?“ weglesen. Oder man wird als Vater mit vergifteten Mitleid überhäuft, schließlich müsse man ja bloß auffangen, was die vermeintliche Rabenmutter nicht leisten kann bzw. nicht leisten will. Oder schlimmer noch: man ist ein Mann, in dessen Beziehung die Frau die Hosen an hat.

Vater werden

Selbstbild als moderner Vater oder: Mit Sigmar siegen lernen

Aktuelle Studien des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2015 belegen, dass durchschnittlich zirka 90 Prozent aller Väter in Elternzeit gehen. Dies ist eine deutliche Steigerung gegenüber den Zahlen von vor zehn Jahren. Was dagegen aber sinkt, das ist die Dauer dieser „Vätermonate“ genannten Zeit. So bleiben drei von vier Vätern gerade einmal für knappe zwei Monate zu Hause – und das häufig nicht einmal am Stück. Und dass zehn Prozent der Väter erst gar keine Elternzeit nehmen tut dem Lob auf die Väter ebenfalls keinen spürbaren Abbruch.

Erst kürzlich lobhudelte ein auflagenstarkes Montagsmagazin einen bekannten Berufspolitiker dafür, dass dieser sich für seine kranke Tochter zwei Tage frei genommen hatte. Dass Sigmar Gabriel wie jeder andere Arbeitnehmer auch, ein gesetzliches Anrecht auf zehn freie „Kindertage“ im Jahr hat, nämlich für den Fall, dass das Kind krank wird, dies wird nicht erwähnt. Auch nicht, wer das Kind täglich in die Kita bringt? Oder wieder von dort abholt? Wer den Nachmittag gestaltet? Wer das Kind versorgt? Wer das Kind ins Bett bringt? Wer es morgens fertig macht? Doch für zwei frei genommene Tage mutiert Überstundenkönig Sigmar Gabriel zu „Siggi Superdaddy“.

Moderne Väter sind anstrengend: Wir haben eine Meinung!

Wie es wohl wäre, würde „Siggi Superdaddy“ mehr Zeit zu Hause verbringen? Ich muss Sie nämlich warnen: Väter, die sich einbringen sind anstrengend! Sie wollen Verantwortung tragen, Ernst genommen werden und vor allem wollen sie mitgestalten. Meine Freundin kann sicherlich ein Lied davon singen.

Der Wille, sich aktiv in die Familienarbeit und Kindeserziehung einzubringen ist keine lange Reise, die man alleine tut. Man tanzt diesen Tango familiale mindestens zu zweit. Man verhandelt und diskutiert, um nicht aus dem Takt zu geraten. Ratgeber raten in diesem Fall gern, dass man als Eltern stets „an einem Strang“ ziehen soll. Grundlegende Übereinkunft vorausgesetzt muss ich gestehen: so ganz überzeugt bin ich von diesem Dogma nicht mehr.

Ein abschließender Gedanke

Es ist schon erstaunlich, dass Väter eigentlich nichts falsch, Mütter hingegen auch nichts richtig machen können. Sobald sich Väter einbringen, ist alles, was sie machen super und toll! Sobald Mütter versuchen, der Herd- und Teilzeitfalle zu entrinnen, werden sie moralisch dafür abgestraft.

Väter sind nicht modern, sie haben sich auch nicht neu erfunden. Väter haben eine Verantwortung gegenüber ihren Kindern. Und diese Erkenntnis ist ebenso wenig neu, sie ist im Grunde ein recht alter Knochen. Es stimmt mich nachdenklich, dass zwei Drittel der Väter mit sich und ihrer Vaterrolle vollauf zufrieden sind, statistisch aber nach der Geburt mehr Zeit mit ihren Hobbies als mit ihren Familien verbringen.

Ich bin Vater einer sehr energievollen Tochter und lebe mit ihrer Mutter zusammen. Das macht mich nicht zu einem Helden und auch zu keinem Supervater. Der Vater, der sich beruflich zurück nimmt, um mehr Zeit für die Familie zu haben ist kein Held. Genauso wenig, wie eine Mutter, die schnell wieder in ihren alten Beruf zurückkehrt eine selbstsüchtige Karrierefrau oder bereuende Rabenmutter ist. Eigentlich ist es doch ganz einfach. An manchen Knochen kaut man wohl doch etwas länger.

Mehr von Johnny könnt Ihr auf seinem Blog Weddinger Berg lesen.

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7 Kommentare

  • Reply Daniel S. 8. April 2016 at 7:43 am

    Netter Artikel!
    Aber schon einmal daran gedacht, dass gerade solch ein Rollenverständnis gerade einen Umbruch bedeuten und eine Motivation für zukünftige Väter sein kann. Zugegeben die Degradierung der Mütter ist kein schönes Bild, aber jede gute Geschichte braucht einen Helden und einen Schurken. Daher ist das Denken eines allüberstrahlenden Vaters auf Kosten der Mutter ganz natürlich und ein Prozess, der zwangsläufig dahin führt, dass es eine Gleichberechtigung in der Erziehung und eine Koexistenz im Leben des Kindes gibt. Denn unzählige Studien befassen sich mit der Tatsache, wie wichtig beide Elternteile für die Entwicklung sind. Und nur weil einige Hobbyanalysten und Journalisten schreiben, ob Männer die besseren Mütter sind, Frauen die härteren Männer oder Stillen in der Öffentlichkeit nun zum Volkssport werden sollte, hat es im Endeffekt kaum Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes. Denn es profitieren die Kinder zwangsläufig. Der Vater fühlt sich bestärkt durch solche Diskussionen, da er sich nun mehr einbringt (aufgrund welcher Motivation er es tut, ist ja egal), die Mutter kann sich im Zuge dessen auch mal Verantwortung und Arbeit abgeben und ist trotzdem noch zu 100% für Ihr Kind da. Und das Kind freut sich über die Anwesenheit beider Elternteile.
    Aber hier verhält es sich wie bei jeder Entwicklung. Es wird ein Thema aufgegriffen, es werden Artikel geschrieben. Dann werden Artikel geschrieben die den vorherigen Artikel aufgreifen und so weiter. Solange das Endergebnis stimmt ist alles gut!

    • Reply johnny 8. April 2016 at 9:27 am

      Hallo Daniel,
      vielen Dank für Deinen Input.
      Du greifst viele unterschiedliche Punkte auf. Ich werde mich mal auf einen beschränken.

      Ein Kind profitiert immer davon, mehr als eine Bezugsperson zu haben, aber: „Daher das Denken eines allüberstrahlenden Vaters auf Kosten der Mutter ganz natürlich und ein Prozess, der zwangsläufig dahin führt, dass es eine Gleichberechtigung in der Erziehung und eine Koexistenz im Leben des Kindes gibt.“ ist eine Vorhersage, der ich nicht folgen kann und auch nicht folgen will.

      Wenn man sich als Vater gegenüber der Mutter in Stellung bringen muss, ist das eine Schieflage samt Mütter bashing, die nirgendwo hinführen kann. Vor allem dann nicht, wenn ein Vater für zwei freie Tage bzw. zwei Monate Elternzeit über den Klee gelobt wird. Das ist das völlig falsche Signal für andere Väter. Teilhabe bedeutet nicht, ausnahmsweise mal zu Hause zu bleiben und den Rest der Mutter zu überlassen.

      Als Vater wird man derzeit entweder für wenig hochgelobt oder man wird bemitleidet. Mir fehlt das realistische Dazwischen. So ganz persönlich.

      Beste Grüße,
      Johnny

      • Reply Daniel S. 8. April 2016 at 11:18 am

        Ich sagte ja auch nicht, dass ich es gutheiße. Ich sagt nur es sei eine normale Entwicklung in der Geschichte. Jede Revolution und Evolution braucht eine Hürde. In diesem Fall ist es eben die antiquierte gesellschaftliche Vorstellung der matriarchalischen Mutter als Zentrum der Pflege und Erziehung.
        Auch wenn es an Sich keine Hürde ist, wird es momentan noch in manchen Fällen so wahrgenommen. Denn es ist neu und es ist momentan noch ein ungewohntes Bild. Das sind die normale Auswirkungen einer Entwicklung.

        Ein Beispiel: Frauen weg von der klassischen Hausfrau und rein ins Berufsleben. Die Frau war die heroische Gestalt, die sich von den Ketten der bösen Männer gelöst haben und nun gleichgestellt sind. (Held und Schurke)
        Der erste Präsident der Vereinigten Staaten ist nicht weiß und er wird es besser machen als alle anderen zuvor.

        Auch wenn die Beispiele etwas weit her geholt sind, soll es nur zeigen, dass es für eine Auszeichnung einer guten Entwicklung auch meist einen Gegenpart gibt, auf dessen Rücken es ausgetragen wird.
        Und man muss dazu sagen, dass dies auch nur so in den Medien passiert. In den eigenen vier Wänden, machen weder Männer und Frauen jedes Mal einen Kniefall wenn einer der Elternteile eine Windel wechselt. Es ist normal und gehört mittlerweile zum Alltag. So wird es in weiterer Folge irgendwann auch normal in unserer Gesellschaft wahrgenommen.

        Und sind wir ehrlich. Dieses Bild, dass Vorgesetzte und Kollegen mit Beifall applaudieren, wenn man die Arbeitsstelle für ein paar Monate verlässt oder sein Kind einfach nur zum Arzt bringt, gibt es auch nur in der eigenen Vorstellung in Talkshows und in diversen Artikeln. Und solange es nicht als normal angesehen wird, dass ein Vater genauso für sein Kind da ist wie die Mutter, hilft es mehr als es schadet. Die noch nicht Väter haben ein Vorbild. Manche Vorgesetzten und Kollegen die noch ein anderes Bild der Erziehung im Kopf haben merken, dass es doch anscheinend normal ist (wird) sein Kind der Arbeit vorzuziehen und Männer die gerade Vater geworden sind, werden positiv beeinflusst.

        Abgesehen davon – bis auf diese etwas reißerische Headline im Artikel “ Sind Väter die bessern Mütter“ finde ich nicht, dass ein Mütter Bashing statt findet. Da sind einige Reaktionen auf den Artikel derber gegen die Väter ausgefallen als der Artikel wirklich gegen die Mütter gerichtet war.

        Zusammengefasst muss es solche Revolutionen geben um zu zeigen, dass das alte Denken überholt ist um eine Evolution zustande zu bringen.
        In diesem Fall:
        Vater erkennt Pflichten (alle jubeln) –
        Vater will zu Hause bleiben bei seinem Kind (alle jubeln) –
        Vorgesetzte, Kollegen und Gesellschaft sehen, dass es so auch geht –
        Vater bleibt auch mal länger zu Hause (alle jubeln wieder) –
        Gesellschaft sieht, dass auch das geht –
        Vater und Mutter sind gleichberechtigt in Erziehung (keiner jubelt mehr und es ist normal)

        Liebe Grüße
        Daniel
        (Sohn mit 17 Monaten)

  • Reply Daniel 8. April 2016 at 8:35 am

    Hi. Ich muss der Aussage hier unbedingt beipflichten. Ich denke

    a) Väter die sich aufopferungsvoll kümmern und einbringen, gab es schon immer – nur hat das Thema vor 20 Jahren noch keiner medial aufbereitet und dadurch quasi getrendsettet

    b) ist es m.E. keine außerordentliche Leistung, wenn Väter sich mit den Kindern beschäftigen, sonderen eher bedauernswert, wenn sie es nicht tun – sie verpassen nämlich eine Menge!

    Ich kümmere mich auch gern um meine Familie und lasse dafür die Arbeit hinten an stehen, ein Superheld bin ich deshalb noch lange nicht, denn ohne Mama würde hier garnix laufen…

    Beste Grüße
    Daniel

  • Reply Frau Mutter 8. April 2016 at 8:36 am

    Hallo Daniel,
    das hast Du Recht. Keiner wünscht sich die 70er und 80er Jahre zurück, in denen Väter oft abwesend waren. Es ist eine gute und längst überfällige Entwicklung, stimmt. Aber Debatte ist doch immer gut, oder? Gruß Nina

    • Reply Daniel S. 8. April 2016 at 11:23 am

      Hallo!
      Sehe ich auch so, dass eine Debatte gut ist, deswegen habe ich ja auch einen Kommentar dagelassen. 😉
      LG Daniel

  • Reply [Links der Woche #7] #RMEB, #regrettingbloggerhood, Doctor Who & Star Wars Babynamen | Klaudia bloggt ... 10. April 2016 at 11:22 am

    […] Über die neuen Papas, die von heute, diese modernen Familienväter, Wesen mit Engagement, die auch mal im Job zurückstecken hat auf Frau Mutter Johnny vom Weddinger Berg diese Woche getextet: “Vater werden und “modern” sein: Wir Superdaddies!?” […]

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