Erfahrungen

„Immer am Burn-Out“: Aus dem Alltag einer Alleinerziehenden

28. Mai 2015

Moorlake

Sandra P. lebt in Berlin-Zehlendorf und ist alleinerziehend. Sie „schrammt öfters am Burn-Out vorbei“ und hat aufgeschrieben, wie sie ihren Alltag mit drei Kindern meistert. Sie sagt: „Ich bin eine ganz schreckliche Mutter.“

Aber sie hat auch neues Selbstbewusstsein gefunden. Ein eindrücklicher Text, ganz aus dem Leben gegriffen.

Zehlendorfer Wurzeln

In Zehlendorf bin ich aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe studiert, gearbeitet, geliebt und Kinder bekommen. In Zehlendorf habe ich meine Kindheit zwischen den Ständen auf dem Wochenmarkt verbracht, auf dem meine Oma Eier verkauft hat. Ich bin sozusagen Eierprofi – bitte nicht falsch verstehen, aber wer weiß heute noch, was Knickeier sind? Hier habe ich meine Jugend mit Freunden in den Parks mit Gitarre und Rotwein vor der Tankstelle verbracht.

Drei Kinder sind in zwei Schwangerschaften entstanden. Aktuell „zweimal fünf und einmal sechs“ sage ich und für jeden ist klar „ach wie niedlich! Zwillinge!“ und „da haben Sie aber alle Hände voll zu tun“. Zu tun habe ich immer viel. So viel, dass ich oft bis spät in die Nacht beschäftigt bin.

Wir haben uns früher in den Bars in der Pariser Straße, in der NN-Bar oder in den Billard-Hallen am Savignyplatz getroffen. Die Öffnung der Mauer war ein Segen. Wir haben getanzt und gefeiert, auf Partys, Konzerten und in Diskotheken.

Ich arbeite in einem Pflegeheim nahe Zehlendorf-Mitte. Ich gehe wirklich gerne arbeiten und treffe täglich Bewohner oder Angehörige auf der Straße. Das Geschwätz über professionelle Distanz geht mir auf die Nerven. Ich kann es nicht ändern, ich wohne und arbeite im selben Bezirk. Zehlendorf- Mitte ist mein erweitertes Wohnzimmer.

Hatte ich schon erwähnt, dass auch noch drei Kaninchen zur Familie gehören?

Der Alltag allein mit den Kindern

Manchmal laufe ich mit meinen Kindern den Teltower Damm und die Clayallee entlang. Der Samstag bietet sich dafür an. An kühlen Tagen wärmen wir uns in den Läden auf. Im Buchladen, im Drogeriemarkt beim Schaukelpferd, bei Woolworth, wo es wirklich vieles zu sehen gibt. Dort ist es bunt, und die Tische sind voll mit billigem Plastik-Kram. Dann gibt es ein Brötchen vom Bäcker und ein Getränk aus dem Supermarkt. Bei TK-Maxx gibt es Spielwaren; in der Zeit kann ich mein in Eile ausgesuchtes Oberteil anprobieren, und die Kinder probieren die Spielzeuge durch.

Oft lasse ich meine Kinder alleine. Wenn ich einkaufen muss…

Der Supermarkt ist zwar nur schräg gegenüber, aber ich muss sie allein lassen. Manchmal gönne ich mir eine Auszeit und gehe ein paar Schritte bis zum Klamottengeschäft. Auch dann sind meine Kinder allein. Und wenn ich joggen gehe, manchmal spät abends, manchmal morgens, dann sowieso. Scheiß Familienpolitik. Wie soll man alleinerziehend mit einem Vollzeitjob auf seine Kinder aufpassen, wenn man einkaufen muss oder etwas für sich machen möchte?

Freigekämpft aus der Co-Abhängigkeit

Meinen Partner habe ich geschützt und verteidigt, für die Familie alles getan, was man als Mutter so tut. Und ich habe mich selbst dabei vergessen. Ich habe jahrelang als Co-Abhängige gelebt. Ich wollte trotz der Massen von Flaschen, Streit und Gewalt die Alkohol- und Tablettenabhängigkeit meines Partners nicht wahrhaben. Aber ich habe es mit Hilfe meiner Freunde und Familie geschafft, mich freizukämpfen. Heute, Monate nach der Trennung, spüre ich, wie stark und belastbar ich bin. Wenn ich ein Problem habe, muss ich sofort darüber reden, auch auf Arbeit. Meistens gehe ich zu Anna. Anna hört mir immer zu. Es hilft zu reflektieren und damit fertig zu werden.

Zweifel, aber auch neues Selbstbewusststein

Ich bin eine schreckliche Mutter, hysterisch und schnell von null auf hundert. Ich fühle mich persönlich angegriffen, wenn die Kinder nicht hören. Sie sind laut und anstrengend und eigentlich nur außerhalb der Wohnung zu ertragen. Oft bin ich nervös und unfair zu ihnen und wahrscheinlich schramme ich des Öfteren knapp am Burn-Out vorbei.

Aber ich bin selbstbewusst geworden und habe gelernt, ohne Partner zurecht zu kommen. Meine Wohnung bekommt neue Farbe, ich renoviere allein, hänge Bilder auf und wieder ab und entscheide selbst, wie ich wohnen möchte. Und ich fahre Fahrrad und gehe wieder joggen, so, wie ich es in meiner Jugend gemacht habe. „Ich laufe mich frei“ in den Zehlendorfer Parks. Vieles in der Umgebung ist vertraut und vieles hat sich in den Jahrzehnten auch sehr verändert.

So sieht es bei uns aus, bei mir und meinen drei Kindern.

Der Text erschien auch auf Tagesspiegel-Zehlendorf, dem Online-Portal aus dem Berliner Südwesten.

Liebe Sandra, Hut ab vor Ihrer täglichen Leistung und viel Spaß und Erfolg weiterhin beim (Frei-) Laufen!!

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3 Kommentare

  • Reply Kati 28. Mai 2015 at 7:36 am

    Liebe Sandra,
    ich habe nur 2 Kinder (aktuell 6 und 7, Jungs, lebhaft. sehr lebhaft!), einen Vollzeitjob UND einen Partner (auch mit Vollzeitjob, logisch). Ich dachte immer, ICH bin oft am Rand des Abgrunds. Aber Du leistest noch viel mehr und deine Worte geben mir Kraft und Mut. Weil auch ich oft von Null auf Hundert und unfair bin. Dabei sind Kinder das Beste, was es gibt. Scheiß drauf, dass wir im Moment nicht ins Fitnessstudio können, egal dass Frisur und Füße eben nicht immer top sind, wir haben trotzdem so viele Dinge, die schön sind und ich möchte nicht tauschen! (Höchstens mal einen Tag. Oder eine Woche. Aber nicht länger) Du bist keine schreckliche Mutter! Du bist die beste Mutter für Deine Kinder! Und ich bin die beste für meine. Wir schaffen das!

  • Reply Limalisoy 28. Mai 2015 at 7:54 am

    Liebe Sandra,

    mir geht es haargenau wie dir. Auch ich habe gelernt, mich zu organisieren und die meisten Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ob es nun das wöchentliche Rasenmäher betrifft oder die Malerarbeiten oder kleine Dinge am Auto. Für all´ das brauche ich mittlerweile keinen Partner mehr. Mein Alltag ist ebenso vollgepackt wie deiner – nur, dass meine Kleinste mit 3,5 Jahren noch so jung ist, dass ich sie überall mit hinnehmen muss und fast keinen Schritt allein gehen kann. Auch die Große braucht mit 8 Jahren für viele Dinge noch ihre Mama und so zerren dann manchmal beide Kinder gleichzeitig an mir. Im nächsten Monat erscheint übrigens genau dazu ein Gastartikel bei einer anderen Bloggerin. Hier schreibe ich über einen „ganz normalen Tag“, der mich dann mehr oder weniger an den Rand des Wahnsinns bringt, aber auch zeigt, wie stark man als Alleinerziehende sein muss. Gerade jetzt, wo unsere Kita streikt und der Streik in die dritte Woche gehen soll, könnte ich an die Decke gehen. Jedes Mal zittern, ob für die Kleine auch ein Platz in der Notgruppe frei ist, denn falls nicht, habe ich ein riesiges Problem. So ohne Familie und Partner, der dann mal einspringen kann. Immerhin arbeite ich ja auch noch, um meinen Kindern ein halbwegs normales Leben mit kleinen realisierbaren Wünschen zu ermöglichen. Ein Burnout liegt schon hinter mir und bleibt hoffentlich lange genug weit weg von mir… Irgendwie wird es schon gehen.
    Auch wenn du dich manchmal als schreckliche Mutter fühlst, weil du halt feste Regeln hast und vielleicht auch mal ein genervter Unterton hervorbricht – das ist absolut verständlich und bei mir auch an der Tagesordnung – kannst du dir gewiss sein, dass du keine schlechte Mutter bist! Du stemmst alles allein und hast für deine Kinder gehandelt – weg von einem Mann, der als schlechtes Vorbild dient und sich mit seinen Süchten erstmal selbst auseinandersetzen muss. Du zeigst deinen Kindern, was alles möglich ist und bildest sie implizit auch zu starken Persönlichkeiten heran. Sei stolz auf dich und trage es dir nicht nach, wenn deine Geduld zu wünschen übrig lässt. Wie sollst du es auch anders schaffen? Und mal ehrlich, bestimmt ist nicht jeder Tag so, oder???
    Viele Grüße,
    Yvonne

  • Reply Sunny 29. Mai 2015 at 4:16 pm

    Liebe Sandra,
    Ich kann deine Lage voll und ganz verstehen. Ich habe zwar nur einen 6-Jährigen Sohn und arbeite Vollzeit in der Krankenpflege, aber ich komme auch regelmässig an meine Grenzen. Weil man immer alles perfekt machen will und es allen recht machen will und da dies unmöglich ist zu schaffen, kann einen das sehr schnell an die Grenzen bringen. Ich bewundere manchmal meinen Körper wenn er immer weiter macht obwohl das Gehirn schon längst sagt das es zuviel ist. Und mein Sohn tut mir Leid weil ich soviel arbeiten muss damit ich uns über die Runden bringen kann ohne vom Staat abhängig zu sein. Zeit für einen selber bleibt einem dann natürlich nicht. Aber kaum einer sieht die Not von uns alleinerziehenden. Trotz allem müssen wir durchhalten.
    Lg Vanessa

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