Gastbeiträge

Eine berufstätige Mutter erzählt: Zwischen Bore-out und Burn-out

15. März 2017
berufstaetige Mutter

Eine berufstätige Mutter erzählt heute von ihrem Gemütszustand. Zwischen Bore-Out und Burn-Out. Silvia hadert mit der Vereinbarkeit. Früher zogen sich die Tage wie Kaugummi, nun hetzt sie allem hinterher. Viele von uns kennen diesen Zustand, denke ich. Es ist wichtig, sich immer wieder klarzumachen, dass keine von uns das mit der Vereinbarkeit so einfach wuppt. Danke, Silvia für Deinen ehrlichen Text!

Mama-Sein kann einem keiner erklären. Du weißt vorher nie, worauf du dich einlässt, wie es wirklich ist, plötzlich die Verantwortung für ein kleines, hilfloses Leben zu tragen. Keiner kann dir erklären, was dieser kleine Mensch mit deinem Leben anstellt, wie es sich durch ihn verändert und wie dramatisch diese Veränderung ist. Ich bin noch nicht lange Mama. Und doch fällt es mir schwer, mich daran zu erinnern, wie es vorher war. Anders. Mama-Sein für mich ist bis heute ein Leben zwischen den Extremen.

Das tiefe Loch oder: Babyalltag einer Neu-Mama

Ich hatte einen guten Job, habe viel gearbeitet, bin aufgestiegen. Daneben hatte ich ein zeitaufwendiges Hobby, eines, dass ich auch wettkampfmäßig betrieben habe. Ich denke, ich weiß, was es heißt, viel zu tun zu haben. Und ich habe auch gerne viel zu tun. Doch nichts hätte mich auf die Achterbahnfahrt des Kinderhabens vorbereiten können.

Am Anfang war natürlich alles neu, alles aufregend und vieles schwierig. Ich musste mich erst einmal in der neuen Situation mit Baby zurechtfinden. Die ersten Wochen und Monate flogen nur so an mir vorbei und manchmal wusste ich gar nicht, wann der eine Tag aufhörte und ein anderer anfing. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis ich – oder besser wir – einen Rhythmus gefunden hatten und ich mich einigermaßen sicher fühlte in meiner neuen Rolle. Und das war auch ok.

Dann jedoch bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Denn während ich vorher zwölf Stunden am Tag von Kollegen und Freunden umgeben war, unzählige Gespräche geführt, Simulationen erarbeitet oder meinem Hobby gefrönt hatte, war da plötzlich nichts mehr. Nur ich und mein Baby. Den ganzen Tag, jeden Tag. Tag und Nacht war ich mit der Versorgung unseres kleinen Babys beschäftigt. Körperlich war ich noch nie so ausgelaugt wie in dieser Zeit. Gleichzeitig sehnte mich jedoch nach mehr Kontakt und tieferen Gesprächen, nach geistiger Herausforderung, nach Ausgleich und Freiheit am Abend.

Tage, die sich wie Kaugummi ziehen und ein verpasstes Leben?

Ganz ehrlich, ich habe mich noch nie so gelangweilt wie in diesen langen Monaten. Wobei Langeweile hier vielleicht nicht das richtige Wort ist. Die Langeweile, von der ich spreche, ist nicht die eines verregneten Sonntags, wenn man sich auf der Couch zusammenrollt, weil man viel Zeit, aber keine Lust auf gar nichts hat. Nein, ich spreche von der Langeweile, die entsteht, weil die Tage plötzlich vollkommen leer sind, wo sie doch einmal so voll waren. Tage, dessen Inhalt in weniger als drei Sätzen erzählt ist.

In dieser Zeit habe ich mich oft gefragt, ob mit mir als Mutter etwas nicht stimmt? Ich bewunderte die Frauen, die von den aufregenden und spaßigen Spiele- und Bastelnachmittagen mit ihren Kindern schwärmten. Ich selbst konnte mich nur wenig dafür begeistern: das Spielen, das Kochen, das Backen, das Basteln. Mich belasteten diese vielen Stunden des Beschäftigens, des Aufpassens und Beobachtens. Die Tage reihten sich aneinander und ich hatte das Gefühl, mein Leben zu verpassen. Es ist nicht so, dass ich es bereue, eine Familie gegründet zu haben. Ich musste jedoch erkennen, dass Kinder haben alleine mich nicht ausfüllte. Ich wollte mehr. Ich wollte alles.

Von null auf hundert wieder in den Job

Nun, alles haben zu wollen hat seinen Preis. Von Langeweile war keine Rede mehr, als Primo mit 18 Monaten in die Krippe kam und ich wieder arbeiten ging, schwanger mit Sohn Nummer zwei. Hier bekam ich schon einen ersten Vorgeschmack darauf, was es heißt, eine Working Mom zu sein. Dieser Eindruck bestätigte sich, als ich nach der zweiten Runde Elternzeit Anfang dieses Jahres wieder zurück in den Job gestartet bin. 

Die Tage sind jetzt vollkommen durchorganisiert. Kinder bringen, arbeiten, Kinder holen, einkaufen, Spielplatz, Kinderturnen und das bisschen Haushalt natürlich. Alle muss funktionieren. Immer. Wehe die Kinder werden krank, oder du selbst. Der Chef erwartet Homeoffice, die Kinder brauchen Ganztagesbetüddelung. Der Anspruch an mich selbst, sowohl als Mutter als auch als Mitarbeiterin voll da zu sein, macht die Sache nicht einfacher. Top vorbereitet den Neun-Uhr-Termin zu bestreiten war um viel einfacher, als mich noch keine kleinen Kinder die halbe Nacht wegen Erkältung oder Nachtschreck auf Trab hielten.

Immer weitermachen? Die Illusion von Vereinbarkeit

Zur Entlastung versuche ich mir Freiräume zu schaffen und mein Leben zu entmüllen. Um Elternbeiräte und sonstige Ämter mache ich einen großen Bogen. Auf der Mitbringliste für den Kinderfasching trage ich mich bei den Brötchen statt den Dips ein. Ich bügle nicht, ich koche nicht. Der Kuchen für die Geburtstagsfeier ist von Dr. Oetker. Von dem Supermutti-Bild habe ich mich schon lange verabschiedet. Die Steuererklärung macht mein Mann. Genauso wie den ganzen Versicherungs- und Energiekostenmist, den ich so hasse. Auch wenn ich diejenige von uns beiden mit dem BWL-Studium bin.

Manchmal kommt es mir vor, als würde ich in zwei Parallelwelten leben. Ich lebe gerne in beiden Welten, nur leider hat die eine Welt Kanten, während die andere rund ist. Die reibungslose Verbindung dieser Welten scheint unmöglich. An manchen Tagen möchte ich alles hinschmeißen. Doch das geht nicht. Ich kann es auch nicht.

Ich wüte, ich heule, ich sperre mich im Bad ein. Und dann reiße ich mich wieder zusammen und mache weiter. Ich frage mich dann immer, wie andere Mütter das alles schaffen? Kinder, Hausbau und am besten gleichzeitig noch das eigene Start-up auf den Weg gebracht. Es schaut so einfach aus. Aber das ist eine Illusion. Diese Mütter machen es genauso wie wir anderen: mit Tränen und Ausrastern, mit Umarmungen und Küssen, jeden Tag aufs Neue, einen Tag nach dem anderen. 

Kurzvorstellung Vivabini
Ich bin Silvia, zweifache Jungsmama (2014/ 2016) und wohne im schönen Frankenlande. Vivabini ist mein persönliches Logbuch des Mama-Seins mit all seinen Herausforderungen, Problemen und Möglichkeiten. Tausche mit mir Erfahrungen aus, stöbere durch die besten und schönsten Mama-Gadgets und schmökere dich durch die Geschichten meiner schönen, neuen Mama-Welt: meistens witzig, manchmal nachdenklich und ab und zu melancholisch – so wie heute.

Silvia, ich kann Dich gut verstehen. Mir geht es oft auch so, siehe Foto!

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10 Kommentare

  • Reply Gartenbuddelei 15. März 2017 at 1:36 pm

    Liebe Silvia,
    toll geschrieben! Und da ist soooo viel Wahres dran – das ist leider die Kehrseite, die einem vorher keiner gesagt hat. Aber, und das ist das wirklich aufbauende, die Kinder werden älter (auch wenn man es sich am Anfang nicht vorstellen kann) und dann wird es so langsam einfacher. Die Gespräche werden besser, die Kinder selbständiger und immer mehr freie Zeit für Dich kommt langsam aber sicher zustande. Und irgendwann sind sie dann weg – davor graust es mir manchmal schon, obwohl meine ersten Jahre mit Kind auch oft die Hölle waren. Vater ging morgens gut gelaunt im Anzug ins Büro und ich saß schon seit 5 Uhr morgens heulend mit dem Baby auf der Krabbeldecke und der Tag lag wie eine riesige Einöde vor einem. Aber: Es wird besser. Also, einfach durchhalten und jeden Tag aufs Neue ran an die Bulletten *lach*. Liebe Grüße Anja

    • Reply Silvia 16. März 2017 at 9:28 pm

      Liebe Anja,
      ja, das mit Mann auf Arbeit und man selbst bleibt zurück kenne ich gut. Ich habe ihm auch schon gesagt, dass ich mich auf ein drittes Kind nur dann einlasse wenn er daheim bleibt. Nach seinen zwei Monaten Elternzeit allein, hat er allerdings die Illusion des „entspannten Daheim-seins mit Baby“ verloren… Es bleibt wohl bei zwei 🙂
      Ansonsten hege ich natürlich die Hoffnung dass es auch mal wieder besser bzw. einfacher wird. Danke, für deine Worte!
      LG Silvia

  • Reply Ines 15. März 2017 at 4:12 pm

    Toll geschrieben. Dieses Aufgerieben- Sein zwischen Arbeit und Familie (und Freunden und Hobbies und und und) ist ein Gesundheits- und Glückskiller. Ich versuche Müttern genau da zu helfen. Mit Entspannungsangeboten, Wochenenden im Kloster etc. Allerdings ist es richtig schwierig Mütter dazu zu bewegen etwas für SICH zu tun. Meist passiert das erst, wenn der Körper komplett aussteigt. Ich wünsche Dir jedenfalls alles Gute. LG Ines

    • Reply Silvia 16. März 2017 at 9:33 pm

      Liebe Ines,
      toll, dass du dich um uns Mamas kümmerst. Es ist wirklich so, dass man sich ganz selten Zeit für sich nimmt. Und ich habe dann auch oft ein schlechtes Gewissen… Ist natürlich Blödsinn und auch nicht wirklich gesund! Ich nehme mir auf jeden Fall vor, regelmäßig Auszeiten zu nehmen!
      LG Silvia

  • Reply Zu Gast bei Frau Mutter: Zwischen Bore-out und Burn-out - Vivabini 16. März 2017 at 9:12 am

    […] die Achterbahnfahrt des Mama-Seins und die Illusion von Vereinbarkeit. Den Artikel kannst du hier […]

  • Reply Marion 16. März 2017 at 12:48 pm

    Liebe Silvia,

    Dein Artikel hat mich voll getroffen. Ich bin auch gerade wieder mittendrin nach dem 2. Kind. Danke für Deine Ehrlichkeit. Das tut gut. Ich habe auch Hoffnung, dass es besser wird. Also durchhalten und auch mal an sich denken. Wir schaffen das….LG Marion

    • Reply Silvia 16. März 2017 at 9:37 pm

      Hallo Marion,
      ja, wir sind nicht alleine! Ich denke vielen Müttern geht es so, wir sprechen nur nicht gerne darüber… Und eine Auszeit dann und wann dürfen wir uns schon gönnen und das sollten wir auch!
      LG Silvia

  • Reply Chris 28. März 2017 at 5:45 am

    Hallo,
    am Anfang hört es sich für mich so an, als wärst du alleinerziehend. Wie kriegt dein Mann denn den Spagat zwischen Familie und Beruf hin ? Er hat ja die gleichen Probleme. Meines Erachtens müsste hier ein Umdenken passieren. Wir Mütter können uns nicht für alles verantwortlich fühlen. Ich glaube das liegt in unserer Erziehung. Wenn in unserem Haus Chaos herrscht, habe immer ich das Gefühl mich entschuldigen zu müssen, nicht mein Mann. Dabei lebt er genauso hier. Auf meiner Arbeit beobachte ich, dass die Männer mit gleicher oder sogar geringerer Qualifikation an mir vorbeiziehen. Und das, obwohl sie kleine Kinder haben. Sie gehen abends in Sitzungen, betreiben Networking…..d.h. es muss ja jemand zu hause sein, der sich um ihre Kinder kümmert. Mir sagte man, ich kann die demnächst freie Führungsposition nur erhalten, wenn ich bereit bin Vollzeit zu arbeiten einschl. Überstunden, Sitzungen am Abend.
    Leider habe ich auch keinen Mann zu hause, der mir den Rücken freihält, da er selbständig ist und abends Kundentermine hat. Opa und Oma gibt es auch nicht, die einspringen könnten. Es wird wohl darauf hinaus laufen, dass ich auf die Position verzichten muss. Ich denke ich würde mich sonst zerreißen. Für mich wird es eine der letzten Chancen beruflich sein.

  • Reply Westendmum 31. März 2017 at 9:55 pm

    Ich verzweifle fast täglich an der „Vereinbarkeit“ von Beruf/ Kindern/ Leben. Ja, Leben, denn ich habe seitdem ich Kinder habe so gut wie kein Sozialleben mehr. Ich arbeite tagsüber, mein Mann abends/ nachts. Vorteil: es ist immer jemand für die Kinder da, auch im Krankheitsfall, Nachteil: wir sehen uns so gut wie gar nicht mehr und sind fast immer mit den Kindern alleine. Habe übrigens erst vorgestern auch einen Beitrag zu diesem Thema veröffentlicht, wen es interessiert kann ja gerne mal vorbeischauen: https://westendmum.com/2017/03/29/vereinbarkeit-von-wegen/

  • Reply Verena 1. Juli 2017 at 8:04 pm

    Hi,
    wirklich toll und auch mal realistisch geschildert! Wir haben eine Tochter (auch von 2014). In Kombination mit unseren Berufen (er in Vollzeit und seit kurzem zusätzlich nebenher noch selbstständig ; und ich bisher ’nur‘ in Teilzeit) und einem alten Zechenhaus, das vor 3,5 Jahren gekauft und seitdem jährlich Stück für Stück renoviert werden will ist es bereits ein einziger Drahtseilakt jeden Tag halbwegs zu meistern. Auch ich bin – vor allem an den Wochenenden – meist allein mit der Zwerg in unterwegs. Besonders herausfordernd ist gerade für mich ihre sehr extreme Trotzphase. Ich wünsche euch weiterhin viel Kraft, auf das wir alle das Familienchaos mit den kleinen süßen Giftzwergen halbwegs Schadenfrei und mit einigen tollen Erinnerungen überstehen!

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