Kind und Erziehung

Mein Sohn, der Hypochonder

6. Juni 2012

Kann ein Fünfjähriger schon unter einer ausgeprägten Form von Hypochondrie leiden? Mit eingebildeten Krankheiten und völlig sinnloser Inanspruchnahme des deutschen Gesundheitssystems? Ja, das kommt vor. Nämlich bei meinem Sohn. Die Welt hat noch keinen leidenschaftlicheren Hypochonder gesehen. Von wem hat er das nur?

MRT macht Spass!

Es fing früh an bei ihm. Bevor er sprechen konnte, verharrte er nach jedem Stolpern leidend und vor Schmerz brüllend auf dem Boden. Jeder Fussballer konnte sich hier schwalbentechnisch viel abgucken. Wir sind auch schon drei Tage im Krankenhaus gewesen, weil er dem gesamten Ärztepersonal weismachen konnte, er könne nun leider nicht mehr gehen. Weder das Beschweren der Beine mit Gewichten noch das komplette Eingipsen seines Körpers für das MRT haben ihn davon abgehalten, diese eingebildete Krankheit bis zum Letzen auszukosten und durchzuhalten. Peinlich berührt und mit einem kerngesunden Kind sind wir wieder nach Hause entlassen worden. Sebastian spricht immer noch von diesem denkwürdigen Ereignis.

Weinen um des Weinens willen

Als Constanze auf die Welt kam, steigerte sich Sebastians Hypochondrie und das damit verbundene Dauergeleide/-gebrülle ins Unermessliche. Teilweise weinte er einfach so mit, wenn sie schrie. Auf Nachfrage, was er denn habe, kam dann oft ein Grinsen:”Weissichauchnicht”.

Auch Alltagssituationen wurden fortan stark dramatisiert.

“Ahhhhh, Auauauauauaua, ,Mamaaaa!”
“Was ist denn, oh mein Gott, wo bist Du?”
“Auf dem Klo, mein A-a kann nicht rauuuus. Auauauaua. EIN KRANKENWAGEN, SCHNELL!”

Der Mini-Märtyrer

In letzter Zeit hat Sebastians Hypochondrie allerdings noch einen mystisch-religiösen Anstrich bekommen.

“Auauauua, Mammaaaa!”
“Was ist denn, warum heulst Du denn schon wieder?”
“ Dornen, der Dorn hat mich verletzt. Schau meine Blutwunde und hier, siehst Du, meine Blutstropfen. OHHHHHH!”
“Ja, das sind eben Blutflecken. Das geht bei der nächsten Wäsche mit Gallseife raus.”

Pragmatische Reaktionen von mir belieben dem heiligen Sebastian alias Mini-Märtyrer aber gar nicht. Zum Glück hat er in unserer neuen Nachbarin eine geduldige Gesprächspartnerin gefunden, die sich mit ihm über seine zahlreichen Gebrechen unterhält.

Während ich diese Zeilen schreibe, bemerke ich ein immer stärker werdendes Zucken im linken Ringfinger. Im untersten Drittel des Fingernagels, um genau zu sein. Oh Gott, was ist das? Nagelentzündung? Fingerkatarrh, verschleppte Schreibhemmung? Das muss ich jetzt mal googlen……

Foto: Pixelio/Thorsten Freyer

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3 Kommentare

  • Reply carlinda 6. Juni 2012 at 6:59 am

    Grins. .. mein Grosse litt in dem Alter immer unter Migräne, weil er bestimmte Sendungen nicht sehen durfte. und der Insiderwitz bei uns , das er zur Hochzeit von mir oder der Oma einen Pschyrembel bekommt.

    schöne Woche carlinda

  • Reply Senga 6. Juni 2012 at 8:53 am

    …und ich ich dachte, wir haben die einzigste Ausgabe dieser seltenen Gattung erwischt! Unserer wird wahrscheinlich ins erste Freundschaftsbuch bei Hobbies: heulen, rein schreiben und es mit seinen Tränen benetzen.. Manchmal beneide ich sogar meine 14-jährige für ihren ständigen ipod in der Ohren;-)

    LG Senga

  • Reply Schwiegermutter inklusive 6. Juni 2012 at 8:55 am

    Jetzt muss ich aufpassen, meine ältere Tochter kann jetzt perfekt lesen und wenn sie das hier liest, dann habe ich ein Problem….in einem vorherigen Leben waren die beiden bestimmt Zwillinge…allerdings hat sie ihre “Ich kann nicht mehr laufen-!- oder “Ich kann den Arm nicht mehr bewegen-!” oder “Ich sehe nichts mehr-Anfälle!” noch nie weiter als bis zum Arztbesuch ausgereizt, wenn sie mitkriegt, dass man damit drei Tage ins Krankenhaus kommen kann…Gott sei mir gnädig.

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