Erfahrungen

Wieder auf Betreuungsplatzsuche: Wenn die eigene Mutter pflegebedürftig wird

5. November 2013

close-up of two hands on the table with daylight.

Gerade habe ich wieder ein Haus angeschaut. Die Hausbewohner bastelten als ich kam und es gab gerade einen Nachmittags-Snack. “Die Mäuse essen ja nicht so viel, deswegen geben wir fünf mal am Tag was. Dann kommen die auch schön aus ihren Räumen raus”, sagte die Dame. Wo war ich gelandet? In einer Art Ruhestätte für altgediente Labor-Tiere? Ach… Mäuse! So reden ja Betreuerinnen manchmal von ihren Schutzbefohlenen. In manchen Kitas wird ja auch gerne von Nagetieren gesprochen, wenn es um Kinder geht. Im Haus “Waldesruh” wohnen aber pflegebedürftige Senioren. Zum Beispiel Harald, dessen Zimmer ich anschauen konnte und der mir fröhlich seine dritten Zähne entgegen streckte. Oder Herr Dr. Schmidt, der in der “Villa Sonnenuntergang” lebt…

Den richtigen Umgang mit Pflegebedürftigen finden

“Kucken Se mal, Herr Dokta, hier hamwer ne junge Frau für Sie, ditt passiert ooch nüscht alle Tage, wa?!” Herr Dr. Schmidt, früher mal ein Regierungsrat, guckte recht interessiert, während ich versuchte, nicht zu sehr in seine Privatsphäre einzudringen und mir trotzdem einen Eindruck der Zimmer in der “Villa Sonnenuntergang” zu machen.

Ich kann verstehen, dass meine Mutter Angst hat und Wut. Sie hat das Gefühl, ihr Leben entgleitet ihr und man entscheidet über sie hinweg. Pflege. Ein grosses, schwerwiegendes und endgültiges Wort, wenn es um die engsten Angehörigen geht. Meine Mutter will nicht, dass ich das Wort in den Mund nehme. Aber wir müssen uns jetzt daran gewöhnen. Beide.

Die Krankheit alleine ist schon schwer. All die Schmerzen und Einschränkungen. Keiner macht es meine Mutter recht im Umgang. Ich stelle mir vor, meine Mutter lebt in der “Villa Sonnenuntergang”. Und eines schönen Tages macht die Schwester die Türe auf und lässt einen 50jährigen Mann herein, der sich mal die Örtlichkeiten ansehen will.

“Nu kieck ma, hier hamse wat blondet junget! Da is doch der Tag jerettet, wa?”

“Ich glaube, Sie sind nicht mehr ganz pur, fremde Männer in mein Zimmer zu lassen! Und wenn der klaut?”, würde sie wahrscheinlich sagen.

Ich fühle mich überfordert

Ich muss jetzt übernehmen. Alles. Ich fühle mich überfordert. Pflegestufe, Widerspruch, Kurzzeitpflege, stationärer Bereich. Was ist das alles? Ich habe doch gerade erst gelernt, was ein Kita-Gutschein ist. Ich weiss jetzt, wie ich mit meinen Kindern umgehen soll (meistens jedenfalls), aber mit meiner so stark veränderten Mutter? Jetzt ist wieder so ein Moment in meinem Leben, wo ich mir Geschwister wünsche. Wen noch einer sagt, Einzelkinder wären verwöhnt, dem zeig ich meine noch nicht vorhandenen dritten Zähne!

Ich muss meine Beziehung zu meiner Mutter neu aufbauen und definieren. Ich weiss gar nicht, wie das gehen soll. Ich bin doch immer noch die Tochter, oder? Wie soll ich die Verantwortung für einen erwachsenen Menschen gestalten? Wie soll ich ihr gerecht werden, aber auch mir? Darf ich überhaupt Grenzen ziehen, wenn es mir zu viel wird? Beruf, Ehe, Familie mit kleinen Kindern….

Und alle reden rein, Freunde von ihr, andere Verwandte. Aber ich trage die Verantwortung, nur ich.

Momentan weiss ich nur, dass ich meine Mutter nicht in einem Heim unterbringen will, wo man sie als “Maus” bezeichnet.

In einem anderen Haus wurde ich gefragt, was sie für ein Mensch sei und was sie gerne macht. Das war schon viel besser. Hier blieben auch die dritten Zähne da, wo sie hingehören. Da gibt es aber eine Warteliste. Aber das kenne ich ja schon von den Kitas…..

Ich habe mir lange überlegt, ob ich darüber hier schreiben soll. Eine der letzen “Hart-aber Fair”-Sendungen hat mich aber bestärkt darin. Wir müssen über Pflege reden und betroffene Angehörige sollten sich irgendwie austauschen können.

Wenn Ihr Erfahrungen mit der Pflege von Angehörigen gemacht habt, würde ich mich über Eure Tipps sehr freuen!

FOTO: Clipdealer.de Media-ID: 206005

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5 Kommentare

  • Reply Katrin 5. November 2013 at 7:08 am

    Jetzt auf die schnelle ein großes Danke und eine feste Umarmung für dieses Thema und wenn ich von Arbeit komme aus genau diesen Einrichtungen schreib ich meine Meinung dazu.
    LG Katrin

  • Reply Amélie 5. November 2013 at 10:42 am

    Wir haben gerade die Heimsuche für meine Schwiegereltern hinter uns. Ich könnte dir auch ein Heim nennen, das in Berlin ist, die Einwohner nicht “Maus” nennt und derzeit durch einen Umbau noch freie Plätze hat. Allerdings ist dort auch nicht alles perfekt, man merkt, dass sie etwas zu wenig Personal haben.

    Ich finde, das Ideal “Man pflegt seine Angehörigen zu Hause” ist kaum mehr zu bewerkstelligen. So etwas ging vielleicht früher…da gab es aber auch größere Familien, da war kein Einzelkind, das allein die Pflege stemmen musste. Und viele Frauen arbeiteten damals gar nicht. Da waren dann zwar meist mehr Kinder zu betreuen, aber da waren dann eben auch Schwägerinnen, Nachbarinnen etc.pp. vorhanden, um gemeinsam vieles zu wuppen. Ganz allein und dann noch Kinder UND Job…? Da ist der Burnout ja vorprogrammiert. Und ich finde, man MUSS da Grenzen ziehen, denn deine Mutter hat nichts davon, wenn es dir schlecht geht, zumal du Verantwortung widerum für deine Kinder hast.

    Eine Alternative zur vollstationären Pflege kann übrigens die Tagespflege sein. Das haben meine Schwiegereltern lange genutzt (bis es nicht mehr ging). Das ist quasi eine Senioren-Kindergarten mit Fahrdienst, aber man lebt eben nicht in einem Heim.

    LG
    Amélie

  • Reply Gisela 5. November 2013 at 1:29 pm

    Auch ich hatte gerade dieses Thema, aber nicht für einen Elternteil, sondern für meinen Mann, was noch viel schwerer ist, da man sich selbst noch nicht in einem Haus “Waldesruh” sieht, aber manches Mal, die Pflege des Partners über die eigenen Grenzen geht. Da kommen Ratschläge, die man in so einem Moment einfach nicht gebrauchen kann, da man sich immer schlecht fühlt, und das Gefühl hat, zu wenig zu machen.
    Letztlich habe ich mich für eine Tagespflege entschieden, zu der es leider durch diverse Stürze noch nicht gekommen ist.
    Für mich habe ich entschieden, die Entscheidungen alleine zu treffen, denn ich muss auch alleine die Situation meistern.
    Also Kopf hoch und durch!!
    LG
    Gisela

  • Reply Iris Floimayr-Dichtl 5. November 2013 at 2:09 pm

    Hallo Frau Mutter!

    Danke für die berührenden Worte.
    Man hört die Verzweiflung und den Zwiespalt in dem du dich befindest in deinem Text.
    Ganz anders als sonst deine Posts – aber das ist ja auch ein sehr ernstes Thema.

    Meine Mutter arbeitet selber in der Altenpflege und sie ist sehr bemüht um einen würde-und liebevollen Umgang mit den Hausbewohnern. Sie kämpft täglich gegen die “Wurschtigkeit” und den achtlosen und erniedrigenden Umgang mit den Hausbewohnern, den sie bei ihren Kollegen miterleben muss. Da sie von ihrem Ausbildungsstand her in der niedrigsten Hierarchiestufe ist, kann sie auch nicht viel dagegen tun, als die Missstände, die sie erlebt und sieht an ihre Chefin weiterzuleiten. Oft genug ist sie dabei auch bei der auf taube Ohren gestoßen. LEIDER! Daher höre ich von meiner Mutter immer nur, dass sie um alles in der Welt ja in keine Heim kommen möchte, nie und nimmer und auf keinen Fall.

    Das ist leider die Realität. Zumindest in dem Heim (sie arbeitet in Oberösterreich), in dem meine Mutter arbeitet.

    Ich wünsche dir auf der Suche nach einem Betreuungsplatz für deine Mama noch viel Glück, auf dass du eine Einrichtung findest, die für deine Mutter und auch für dich gut passt!
    lg von deiner treuen Blog-Leserin aus Österreich, IRIS

  • Reply Frau Mutter 5. November 2013 at 4:30 pm

    Hallo zusammen,
    vielen lieben Dank für Eure Erfahrungen. @Amélie: Für den Namen der Einrichtung wäre ich dankbar!
    @ Gisela: Das glaube ich, dass die Pflege des Partners noch viel herausfordernder ist!
    @Iris: Danke für die Einblicke der “anderen Seite”. Wie schön, dass sich Deine Mutter so engagiert!
    Danke Euch allen LG Nina

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