Baby und Kleinkind

Spiel, wie es Dir gefällt: Interview mit Prof. Dr. Malte Mienert zum Thema “freies Spielen”

21. Februar 2014

Prof. Dr. Malte Mienert Frau Mutter Blog

Es macht mir immer sehr grosse Freude meiner Tochter Constanze beim Spielen zuzusehen. Sie sucht sich irgendwelche Alltagsgegenstände wie Tupperdosen oder Altpapier und baut dann damit eine Phantasiewelt auf. Mein Sohn mochte es als Kleinkind eher, dass man mit ihm spielt. Am besten draussen und mit viel Action. Heute spreche ich mit dem Entwicklungspsychologen Prof. Dr. Malte Mienert von der European University in Kerkrade über das Thema “Freies Spielen”.

Herr Prof. Mienert, wenn ich als Mutter auf dem Wochenplan der Krippe oder des Kindergartens relativ oft “freies Spiel” lese, gehe ich davon aus, dass das Kind nicht gefördert wird. Basteln, singen, turnen ist alles gut für die Förderung, aber was bewirkt “freies Spiel”?

Kitas fördern heutzutage schon sehr stark die Selbstbildungsprozesse von Kindern und so auch ‚freies Spielen’. Damit stehen sie im Einklang mit den aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Für Eltern ist ‚freies Spielen’ jedoch oft schwer zu greifen. In Erinnerung an die eigene Kindheit beinhalten die Begriffe ‚Förderung’ oder ‚Lernen’ für sie in erster Linie unter Anleitung Input zu einem bestimmten
Thema zu bekommen. Das ist jedoch keine typische Lernform für die ersten Lebensjahre. In dieser Phase bekommen Kinder alles, was sie für ihre Entwicklung brauchen in dem Moment, in dem sie tatsächlich frei spielen. Einfach dadurch, dass sie sich mit den Themen
auseinandersetzen, die sie gerade haben. Das heißt auch, dass man wenig Anregung von außen geben kann. Unsere Art zu lernen kommt Kindern fremd vor, weil ihnen der Hintergrund fehlt, an den sie mit den gegebenen Informationen andocken können. Diese Anregungen haben schlichtweg nichts mit der Welt zu tun, in der sie sich gerade bewegen. Deshalb schauen sie auch manchmal irritiert. Diese „Störungen von außen“ halten Kinder davon ab, sich mit den Dingen zu beschäftigen, für die sie sich wirklich interessieren ohne jedoch einen entscheidenden Vorteil zu liefern.

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Bedeutet “freies Spiel” das Kind komplett sich selbst zu überlassen? Sollte man als Elternteil ins Spiel des Kindes eingreifen?

Kinder in den ersten Lebensjahren brauchen eine sichere Basis, d.h. die Gewissheit, dass jemand in der Nähe ist. Das können die Eltern, die Tagesmutter oder eine Erzieherin sein.Wichtig ist, dass eine Person da ist, die nach dem Kind schaut und dafür sorgt, dass alles
in Ordnung ist. Kleine Kinder sollten generell nicht einfach sich selbst überlassen werden,d.h. sich in einem anderen Raum oder weit weg von den Erwachsenen befinden. Abgesehen von der Unfallgefahr, sollten sie die Nähe einer Bezugsperson spüren und diese zumindest aus dem Augenwinkel wahrnehmen können. Dennoch sollten Eltern es vermeiden direkt einzugreifen, um das Kind nicht zu unterbrechen.

Sie können nicht wissen, womit es sich gerade beschäftigt. Auch wenn ihnen das, was sie sehen ‚zu gering’ oder ‚zu wenig’erscheint. Dieser Eindruck entsteht häufig, wenn ein Kind bspw. gerade seinen eigenen Gedanken nachhängt oder Sachen häufig wiederholt. Vielen Eltern ist nicht bewusst, dass häufige Wiederholungen von Bewegungen, Lautabfolgen o.ä. typisch sind für Kinder im ersten Lebensjahr. Das Kind weiß schon, wie oft es Dinge wiederholen muss, bis es sie verstanden hat. Wenn es dabei unterbrochen wird, wird auch der Erkenntnisprozess gestört. Natürlich dürfen Eltern reagieren, wenn das Kind von allein auf sie zukommt – sie sollten jedoch nicht selbst aktiv eingreifen.

Lernt ein Kind beim freien Spielen eigentlich genauso viel wie bei einer angeleiteten Beschäftigung?

Eher noch mehr. Kinder haben einen inneren Tatendrang, denn sie wissen selbst am besten, was sie im Moment gerade brauchen. Sie machen sich auch schon selbst kleine Pläne. Man sieht richtig, wie sie sich vornehmen etwas zu üben, wie einen Berg hochzulaufen bis es klappt und sie oben angekommen sind. Das wiederholen sie bis sie es endlich geschafft haben. Dann sieht man wie sich der kleine Körper so strafft, als wenn das Kind sagen möchte: „Ich hab es geschafft, ich bin jetzt groß“. Was wichtig ist wissen die Kinder selbst am besten. Die Möglichkeit dies auch zu tun ist der große Vorteil ‚freien Spielens’ gegenüber angeleiteten Beschäftigungen.

Meine Tochter Constanze (3 Jahre) spielt am liebsten mit alltäglichen Gegenständen, zu denen sie sich dann etwas ausdenkt. Wie wichtig sind eigentlich (handelsübliche) Spielsachen bei der Entwicklung des Kindes?

Es spricht an sich nichts gegen Spielzeug, aber letztendlich bereitet das Spielen Kinder auf das Leben vor. Deswegen ist es gut, wenn sie die Chance haben sich mit den ganz normalen und alltäglichen Dingen zu beschäftigen und nicht so sehr in künstliche Welten gedrängt werden. Zudem ist das Kind durch Spielzeugvorgaben recht eingeschränkt, da dieses meistens für einen bestimmten Zweck hergestellt wurde und damit nur
wenig Wahl oder Flexibilität zulässt. Meistens ist es sogar so, dass die Erwachsenen das Spielzeug interessanter finden. Ein gutes Beispiel sind Hightech-Spielzeuge. Für Erwachsene ist das schließlich etwas neues und deshalb interessant. Für kleine Kinder gibt es dagegen keinen Unterschied zwischen dem Hightech-Spielzeug und Alltagsgegenständen. Sie nehmen den Hightech-Aspekt gar nicht wahr.

Wie sieht die ideale Spiel-Umgebung für ein Kind aus?

Die Spielumgebung sollte in erster Linie wenig reglementiert sein. Ein Reglement stellen bsw. Laufgitter oder Laufställchen dar, weil die wirklich interessante Welt außerhalb der Gitterstäbe stattfindet. Das Kind kann sie sehen, es kommt jedoch nicht dort hin. Wenn
ein Kind sich mit einer Sache nicht beschäftigen soll, sollte diese nicht sichtbar sein. Das ist sonst auch ziemlich gemein. Das Kind sollte folglich weitestgehend ohne Einschränkungen normal in den Alltag miteinbezogen werden. Zudem können Eltern darauf achten, dass die Umgebung selbst kindgerecht gestaltet ist, indem sie sich auf die Augenhöhe des Kindes begeben, sich im Raum umschauen und fragen, wo sich etwa harte Kanten oder scharfe Stellen befinden vor denen sie das Kind schützen können; oder inwiefern sie Sachen, an die ihr Kind nicht heran soll tatsächlich auch aus dem Blickfeld schaffen können. Übertriebene Sicherheitsvorkehrungen seitens der Eltern sind jedoch auch kontraproduktiv.

Ein Kind muss auch mal hinfallen können oder sich wehtun, weil das Lernerfahrungen sind, die es machen muss. Wer nie geübt hat zu fallen verletzt sich oft viel schwerer, wenn er dann fällt. Ein aktuell vieldiskutiertes Thema in diesem Zusammenhang ist die These, dass das übertriebene Sicherheitsstreben von Erwachsenen Kinder eher noch unsicherer macht. Sie finden schließlich nur heraus, dass etwas gefährlich ist, wenn sie es erleben. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das Spiel-Umfeld so alltagsnah wie möglich gestalten sollte. Eltern den Raum noch einmal aus Kinderperspektive und in Kinderhöhe erkunden sollten und Sachen, an die das Kind nicht heran soll, aus dessen Sichtfeld genommen werden sollten. Man kann hier sagen, dass es in einer Situation, in der die Erwachsenen merken, dass sie das Kind ständig ermahnen müssen, eher angebracht ist, die Situation zu ändern als das Verhalten des Kindes beeinflussen zu wollen.

Vielen Dank, Prof. Dr. Mienert für das Gespräch!

Die Marke Pampers, die mir dieses Interview ermöglicht hat, unterstützt mit ihrer Kampagne “Spiel, wie es Dir gefällt” das Konzept des freien Spielens. Auf der Facebookseite von Pampers Deutschland werden die schönsten Momente des freien Spielens gesucht und es gibt auch viele tolle Preise zu gewinnen.

Foto: © Pampers

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1 Kommentar

  • Reply Martine 21. Februar 2014 at 9:51 am

    In Kerkrade haben wir ein European University?

  • Kommentieren

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