Reisen mit Kindern

Reisebricht Campingurlaub Südschweden: Achtung, Elche!

15. November 2016

Campingurlaub Südschweden mit der Familie! Klingt nach einem Traum für viele von uns. Gastautor Helge hat einen spannenden und informativen Reisebericht für uns geschrieben und  denke ich nun auch darüber nach, mal meine Aversion gegen Camping zu überdenken. Schweden ist ja sowieso immer toll. Viel Spaß bei seinen Reiseimpressionen. Nun wird es ja wieder Zeit, den nächsten Sommerurlaub zu planen….

In diesem Beitrag könnt Ihr erfahren:

  • Campingurlaub Südschweden mit der Familie: welche Routen sind gut
  • gute Tipps für Campingplätze und Wildcampen (pssst….)
  • tolle Ausflugstipps wie Wikinderdorf, Astrid Lindgrens Värld, Elchpark
  • Tipps für Besichtigungen in Malmö und Göteborg

Von Ingolstadt nach Schonen: Ihr seid ja bekloppt!

„Nach Schweden? Mit dem Wohnwagen? Von Ingolstadt aus? Ihr seid doch bekloppt.“ Zugegeben, nicht jeder hat so reagiert, als wir unsere Urlaubspläne präsentiert haben, aber das Verständnis hielt sich anfangs doch eher in Grenzen. Man muss dazu wissen, dass sich die Begeisterung der süddeutschen Landsleute für nordische Länder in Grenzen hält, der Gardasee ist schließlich viel näher, man spricht deutsch und serviert Schnitzel. Als Kind der Lüneburger Heide allerdings trage ich die Verbundenheit zum Norden in meinem Innersten, und so frohlockte ich, als tatsächlich meine Liebste im vergangenen Winter vorschlug, Südschweden im Sommer mit dem Wohnwagen zu bereisen. Praktischerweise sind unsere Kinder ohnehin im Pippi- und Michel-Fieber, da fiel es nicht schwer, ihnen die Reise schmackhaft zu machen.

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Den Hinweg absolvieren die Liebste und ich in zehn Stunden mit Wohnwagen Non-Stop von Oberbayern bis nach Binz auf Rügen – dorthin hatte ich Marie und Anton bereits eine Woche zuvor mit dem Flieger zum Ostsee-Sommer-Strandurlaub mit den Großeltern gebracht. Am nächsten Vormittag sammeln wir die Kinder ein und nehmen wir die Fähre von Sassnitz nach Trelleborg, viereinhalb Stunden dauert die Überfahrt. Komfortabel ist anders, wir sind froh, ein paar versiffte Sessel ergattert zu haben, und dösen vor uns hin. Von Trelleborg aus ist es noch eine gute halbe Stunde bis zu unserem ersten Ziel, dem First Camp Malmö direkt am Fuß der Öresundbrücke. Drei Nächte bleiben wir hier, um uns zu akklimatisieren – gar nicht so einfach, tagsüber in kurzer Hose, abends mit dicker Jacke und Wolldecke.

Campingurlaub Südschweden: im August leider geschlossen!

Gleich zu Beginn lernen wir unser erstes schwedisches Wort: „stängt“. Es ist Mitte August, und in Schweden ist die Sommersaison trotz prächtigstem Wetter per Definition vorbei, „we are off-season“, klärt man uns auf. Das Restaurant am Campingplatz: stängt. Die Strandbars: stängt. Auch im weiteren Verlauf begegnet uns das Schild „stängt“ immer wieder. „Stängt“ heißt „geschlossen“. Das Gute daraun: wenig Angebot heißt auch immer wenig Gäste, wir haben auf allen Campingplätzen freie Stellplatzwahl, kein Schlangestehen, off-season eben. Mittlerweile sind auch unsere Freunde angekommen, mit denen wir die nächsten Wochen durch die Gegend tingeln wollen.

Zunächst erkunden wir die nähere Umgebung des Campingplatzes, der tatsächlich nur einen Steinwurf von der mit 7,8 km längsten Schrägseilbrücke der Welt entfernt liegt. Am Strand herrscht allerdings tote Hose, also fahren wir nach Downtown – da steppt der Bär. In Malmö findet gerade das Malmö-Festival statt, Konzerte, Streetfood und Fahrgeschäfte überall, Marie und Anton erleben ihr erstes Metal-Konzert mitten auf dem Rathausplatz. Die drittgrößte Stadt Schwedens pulsiert, bietet viel moderne Architektur und für Kinder an jeder Ecke Spielplätze und Museen.

Mycket praktikst: der bargeldlose Zahlungsverkehr ist überall

Mit den Geldautomaten haben es die Schweden allerdings nicht so, zuerst finden wir keinen, und dann müssen wir uns in eine ewig lange Schlange einreihen. Die 2000 Kronen, gut 200 Euro, die ich aus dem Automaten gezogen habe, reichten dann aber auch für die restlichen zweieinhalb Wochen – der Schwede an sich zahlt alles per Karte, selbst wenn es nur die legendäre Zimtschnecke (kanelbulle) beim Bäcker ist.

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Wo die Wikinger leben

In einem Anfall von Übermut beschließen wir folgetags, die Stadt per Tretboot zu erkunden. Ergonomisch sitzen geht aber irgendwie anders und wir jammern den Rest des Tages über Rückenschmerzen und Ziehen in den Beinen. Aber immerhin haben wir die meisten Sehenswürdigkeiten zumindest von außen besichtigt. Am nächsten Tag brechen wir bei schönstem Sonnenschein auf in Richtung Westen. Bereits nach wenigen Kilometern stoppen wir am Wikingerdorf in Foteviken auf der für ihre Strände berühmten Halbinsel Falsterbo, wo tatsächlich noch nach den damaligen Bräuchen gelebt und gearbeitet wird. Die Kinder sehen einem Wikinger beim Buttermachen zu und tragen mächtig schwere Kettenhemden. Weiter geht es an der Südküste entlang, teils am Wasser, teils querfeldein, in Richtung Ystadt – bekannt durch die Wallander-Romane von Henning Mankell.

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Da sich unser Interesse für die Geschichten des depressiven Kommissars jedoch in Grenzen hält, fahren wir weiter zum „schwedischen Stonehenge“ Ales Stenar, wo vermutlich auch ein paar Wikinger diverse Steine mystisch direkt an der Steilküste positioniert haben. Unser Plan, dort vom „Jedermannsrecht“ Gebrauch zu machen und endlich die erste Nacht wild zu campen, wird leider von diversen Verbotsschildern zunichtegemacht. Also fahren wir weiter, schlängeln uns mangels Kartenmaterial auf gut Glück durch kleine idyllische Dörfer und finden letztendlich in Brantevik einen Parkplatz direkt am Meer. Das Wetter hat jetzt allerdings auch off-season, es wird frisch und am Horizont ziehen Regenwolken auf. Also schnell gegrillt, Sonnenuntergang beguckt und ab ins mobile Heim.

Schwedenurlaub, Elche inbegriffen

Den folgenden Regentag nutzen wir, um Kilometer zu machen, und landen rund 200 Kilometer weiter nördlich in Nybro. Der Ort ist unspektakulär, aber in der Nähe wartet unser nächster Programmpunkt: Elche gucken. In Südschweden gibt es die leider nur in Elchparks. Die gehörnten Genossen sind selbst in dem relativ kleinen Reservat kaum auszumachen, doch der Wildhüter kennt seine Pappenheimer und weiß sie mit Birkenzweigen anzulocken – kurze Zeit später fressen sie uns aus der Hand. So einen wirklich agilen Eindruck machen die Wildtiere nicht, aber wir erfahren, dass sie bis zu 70 km/h schnell rennen und über zwei Meter hoch springen können.

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Campingurlaub Südschweden

Schwedische Natur pur: Wildcampen

Unsere Freunde haben einen Moor-Wanderweg ein paar Kilometer weiter als folgendes Ziel auserkoren. Er beginnt an einem idyllischen kleinen See und soll rund sieben Kilometer lang sein –glücklicherweise biegen wir falsch ab, umrunden lediglich den See und sind nach zwei Kilometern schon wieder am Anfang. Der Tag ist zwar noch jung, aber wir beschließen, einfach dort zu bleiben – endlich wildcampen. Im See schwimmt ein Thermometer – 18 Grad kalt ist das Wasser, 19 Grad warm ist die Luft. Baden halten wir für keine gute Idee, deshalb vertreiben sich die Kinder die Zeit auf dem Steg, während die Männer Feuer machen. Wir grillen Würstchen über den Flammen und bestaunen die untergehende Sonne. Spätestens hier stellt sich der geneigte Leser die Frage nach den legendären blutrünstigen schwedischen Mücken. Doch Fehlanzeige: Kein einziger Blutsauger ist uns in Schweden begegnet. Campingurlaub Südschweden geht auch ohne Mücken!

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Highlight für Kinder in Südschweden: Astrid Lindgrens Värld in Vimmerby

Wir kommen dem Kinder-Highlight der Reise näher: Vimmerby, die Geburtsstadt Astrid Lindgrens, steht ganz im Zeichen der Autorin. Allerdings sind wir der Meinung, dass das Stadtmarketing durchaus noch seine Schwächen hat: Zwar gibt es einen Rundgang mit allerlei Sehenswürdigkeiten, die wohl auch mal in den Pippi- und Michel-Filmen aufgetaucht sein sollen, aber der Wiedererkennungswert ist gleich Null und die Kinder sind enttäuscht. Das kompensiert „Astrid Lingrens Värld“ allerdings mit Leichtigkeit: ein Park, der das Leben in Bullerbü und Lönneberga (alles echte Orte im Umkreis mit entsprechenden Pilgerstätten) mit Liebe zum Detail Wirklichkeit werden lässt.

In einem Haus mit meterhohen Stühlen und Tischen fühlt man sich wie der Däumling, gleich nebenan kann man wie Pippi „Nicht den Boden berühren“ spielen, und ein paar Meter weiter türmt sich die Mattisburg auf, in der man erleben kann, wie es sich als Räubertochter lebt. Dass die Shows alle auf Schwedisch sind, stört nicht im Geringsten.

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Irgendwann ist aber auch unser Lindgren-Limit erreicht und wir sehnen uns wieder nach ein bisschen Einsamkeit. Rund 50 Kilometer weiter östlich befindest sich nahe Eksjö die 800 Meter lange Felsschlucht Skurugata mit bis zu 60 Meter hohen Wänden – höchst beeindruckend. Eigentlich wollen wir auf dem Weg an die Westküste gern noch einmal wildcampen, mit See, Lagerfeuer und Romantik, aber wir finden einfach kein geeignetes Plätzchen. Also Plan verworfen, wir fahren direkt in die nächste Großstadt, nach Göteborg. Ein Campingplatz direkt am Meer wird die nächsten drei Tage unser zuhause – länger geht nicht, dann ist der Platz nämlich „stängt“.

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Im Kajak durch Göteborg

Das Wetter wird schon fast wieder hochsommerlich, die Wassertemperarturen ziehen allerdings nicht wirklich nach, also überlassen wir das Baden den Kindern. Trotz unserer Tretboot-Strapaze wagen wir uns erneut aufs Wasser – diesmal wird Göteborg per Kajak erkundet. Die Damen schwächeln, ich erinnere mich an meine Paddler-Karriere zu Schulzeiten und laufe mit Anton zur Höchstform auf. Weiter geht’s die Westküste entlang; hier entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts die Seebäder. Wir bleiben drei Nächte in Tylosand auf einem fast leeren Campingplatz und genießen die Zeit am Strand. Praktischerweise gibt es fast nebenan einen Flugplatz, so dass ich auch meine fliegerischen Gelüste befriedigen kann.

 

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Fazit: Campingurlaub Südschweden ist super!

Dann ist endgültig Abschied nehmen von Pippi & Co angesagt, die Fähre bringt uns von Trelleborg diesmal sehr komfortabel nach Rostock. Dann aber lockt das traute Heim und wir jagen mit dem Caravan über die A9 gen Süden. Die Bilanz: 3200 Kilometer gefahren, drei erstaunlich konfliktfreie Wochen auf 10,8 m² verbracht, wenig Menschen gesehen und viel erlebt. Zwar alles andere als ein Erholungsurlaub am Strand, dafür aber mit so vielen beeindruckenden und großartigen Erlebnissen, dass wir von ihnen wohl noch lange zehren werden.

Ach ja: Nach der Rückkehr und der Schilderung unserer Erlebnisse hieß es übrigens immer öfter: „Nach Schweden? Mit dem Wohnwagen? Will ich auch mal!“. Ihr auch?

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1 Kommentar

  • Reply Nadine 15. August 2017 at 8:05 am

    Hallo zusammen,
    vielen Dank für deinen Beitrag und die tollen Fotos.
    Wow- es sieht aus als hättet ihr ein super Zeit gehabt. Meine Familie und ich wollen diesen sommer auch campen. Habt ihr Tipps für uns? Was darf man auf keinem Fall vergessen?

    Grüße
    Nadine

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