Kind und Erziehung

Starke Mütter, starke Töchter: Ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln

25. Juni 2015

starke Töchter

Eine der wichtigsten Aufgaben, die wir als Eltern haben ist ja, den Kindern ein gutes, gesundes und vor allem stabiles Selbstwertgefühl zu vermitteln. Natürlich ist die bedingungslose Liebe zu unseren Kindern ein guter Anfang. Aber man kann auch viel falsch machen.

Wenn Selbstwert an Äußerlichkeiten oder gute Leistungen geknüpft wird, wenn das Kind nicht „einfach so gut“ ist, so wie es eben ist, kann es auch später im Erwachsenenleben zu Problemen kommen.

Gerade als Mutter einer Tochter ist es mir wichtig, zu reflektieren, die richtigen Botschaften auszusenden, damit sie einen gutes und vor allem stabiles Selbstwertgefühl entwickeln kann.

Heute spreche ich mit Prof. Dr. Astrid Schütz, Leiterin des Lehrstuhls für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik der Universität Bamberg über das Thema Selbstwert.

Woher kommt unser Selbstwert?

Selbstwert ist die subjektive Bewertung der eigenen Person. Er stellt eine individuelle Haltung uns selbst gegenüber dar und ist abhängig von den Erwartungen und Ansprüchen, die wir an uns selbst stellen, aber auch von unserer sozialen Eingebundenheit und der erlebten Akzeptanz durch andere. Hoher Selbstwert bedeutet, dass man sich selbst als liebenswert begreift und die eigenen Handlungen und Charaktereigenschaften gut heißen kann. Niedriger Selbstwert zeigt sich in einer ablehnenden Haltung der eigenen Person gegenüber und manifestiert sich in selbstbezogenen Aussagen wie „Ich bin wertlos“ „Alles was ich tue ist sinnlos“.

Zudem kann Selbstwert sowohl als Globalbeurteilung der eigenen Person verstanden werden („Alles in allem bin ich mit mir selbst zufrieden“), als auch als Bewertung verschiedener Facetten der eigenen Person. So kann jemand beispielsweise stolz auf sein Äußeres sein und gleichzeitig unzufrieden mit seinem sozialen Auftreten.

Die Informationen, die wir als Grundlage unserer Selbstbewertungen nutzen, beziehen wir aus unterschiedlichen Quellen. So kann uns das Erleben von Nervosität und körperlicher Anspannung während wir einen Vortrag halten, nahelegen, dass wir wohl ein sozial unsicherer Mensch sind. Die Informationsgrundlage ist hierbei die Selbstbeobachtung. Aber auch soziale Vergleiche („Ich renne die 100 Meter deutlich schneller als meine Klassenkameraden“) sowie Rückmeldungen („Das hast du gut gemacht!“) liefern uns Informationen, auf deren Grundlage wir die Bewertung unserer selbst vollziehen.

Kann man sich ein gutes Selbstwertgefühl antrainieren?

In der modernen Psychologie galt hoher Selbstwert lange als zentrale Komponente des Wohlbefindens und als erstrebenswertes Ziel der persönlichen Entwicklung. Seit Beginn der 90er Jahre wird in der Forschung allerdings die Debatte geführt, ob Unterschiede im Selbstwert wirklich notwendig für die Erreichung von Lebenszielen sind oder ob hoher bzw. niedriger Selbstwert nur eine Folge unserer Erfolge bzw. Misserfolge im Leben ist.

Grundsätzlich kann Selbstwert als Persönlichkeitseigenschaft verstanden werden und weist damit eine gewisse Stabilität über die Lebensspanne auf. Dies bedeutet allerdings nicht, dass der individuelle Selbstwert unveränderbar ist und keinen Schwankungen unterliegt. Unser Selbstwert ist auch als aktueller Zustand zu verstehen und wird vielfach von alltäglichen Ereignissen (Absage bei einer Bewerbung, Erfolg in der Fußballmannschaft) beeinflusst. Chronisch niedriger Selbstwert wird zudem in einer Reihe psychischer Störungen als diagnostisches Kriterium verstanden (bspw. bei der Depression) und kann mithilfe therapeutischer Maßnahmen behandelt werden.

Anzumerken ist hier, dass der eigene Wert nicht in Abhängigkeit von individuellen Erfolgen oder Niederlagen aufgebaut werden sollte. Ziel sollte es vielmehr sein, einen stabilen Selbstwert auf sicherer Basis aufzubauen. Verlässliche und sichere Bindungen sind hierfür ein relevanter Baustein. Außerdem ist anzumerken, dass hoher Selbstwert nicht per se als positiv zu bewerten ist. Menschen mit hohem Selbstwert können zu Selbstüberschätzung und Narzissmus neigen, was sich wiederum negativ auf die eigene Entwicklung auswirkt. So können Menschen mit Selbstüberschätzung Fehler häufig nicht als Lernmöglichkeit sehen.

Prof Astrid Schütz

Ist das anerzogen oder genetisch bedingt?

Die Entwicklung von Selbstwert wird, wie bei allen Persönlichkeitseigenschaften, sowohl durch genetische Faktoren als auch durch Umweltfaktoren (u.a. familiäre Beziehungen, Erziehungsstil) bedingt. Die Forschung zu den biologischen Grundlagen von Selbstwert zeigt, dass sowohl die Höhe als auch die Stabilität von Selbstwert durch die Gene beeinflusst werden. Befunde aus der Forschung zur Rolle von Erziehung haben ergeben, dass eine grundsätzlich wertschätzende Haltung dem Kind gegenüber, klare Regeln, die Berücksichtigung der Perspektive des Kindes und der Verzicht von körperlicher Bestrafung die Entwicklung von Selbstwert fördern.

Grundsätzlich ist die Entwicklung von Selbstwert immer ein Zusammenspiel aus genetischen Faktoren und Aspekten der Umwelt, in der das Kind aufwächst und ist nie einseitig auf einen Faktor zurückzuführen.

Worauf gründet ein stabiles, sicheres Selbstwertgefühl?

Menschen beziehen ihren Selbstwert aus unterschiedlichen Quellen. Bei manchen dienen persönliche Attribute wie Fähigkeiten, Wissen und Aussehen als Grundlage der Bewertung ihrer selbst („Ich bin intelligent“, „Ich kann gut tanzen“, „Ich bin musikalisch“), andere gründen ihren Wert auf ihre sozialen Beziehungen bzw. die Eingebundenheit in soziale Beziehungen („Freunde können sich auf mich verlassen und umgekehrt“). Wiederum anderen ist es sehr wichtig, Überlegenheit über andere Menschen zu erleben („Ich kann mit Idioten umgehen“, „Ich bin intelligenter als die meisten Menschen“). Die Forschung zeigt, dass es dabei problematischere Quellen des Selbstwerts gibt, bspw. die Suche nach Anerkennung oder das Bedürfnis nach Überlegenheit.

Seinen Selbstwert auf vergängliche Quellen zu stützen, stellt ein weiteres Problem dar: Attraktivität und Sportlichkeit sind Attribute, die eine gewisse Zeit im Leben als Selbstwertquelle fungieren können. Im Alter sinkt der Selbstwert von Personen allerdings, deren Wert auf Sportlichkeit und Attraktivität fußt, da beide mit der Zeit und dem Alter abnehmen.

Einige Personen in der Gesellschaft geben an, keine expliziten Quellen des Selbstwerts nötig zu haben, da sie über eine grundsätzlich selbstbejahende Haltung verfügen. Sie stehen zu dem, was sie tun und akzeptieren sich selbst so, wie sie sind. Diese Selbstakzeptanz wird als besonders stabile Quelle von Selbstwert angesehen. Sich selbst zu akzeptieren wie man ist, ohne dies von positiven Rückmeldungen oder persönlichen Erfolgen abhängig zu machen, wird als stabilste Quelle von Selbstwert verstanden. Deshalb wird diese Quelle von Selbstwert auch als erstrebenswertes Ziel bei vielen psychotherapeutischen Interventionen benannt. Die Patienten lernen hierbei, sich selbst zu schätzen, ohne dies von Faktoren wie Erfolg, Aussehen, oder bestimmten Fähigkeiten abhängig zu machen.

Wie oben beschrieben ist dabei nicht das Ziel, den Selbstwert von niedrig auf hoch zu erhöhen, sondern eine ehrliche, grundsätzlich wertschätzende Haltung, verbunden mit der Akzeptanz aller individueller Stärken und Schwächen, zu entwickeln.

Schütz - 2005

Wenn uns in der Kindheit ein Selbstwertgefühl antrainiert wurde, das auf Äußerlichkeiten oder Leistung beruht, wie kann man zu einem besseren, weil davon unabhängigen, Selbstbewusstsein kommen?

Es sollte bei der kritischen Beschäftigung mit dem eigenen Selbstwert nicht das Ziel sein, ihn künstlich zu erhöhen oder aufzubauschen. Stattdessen zeigt die Forschung, dass es für das individuelle Wohlbefinden förderlicher ist, eine stabile und relativ realistische Selbsteinschätzung, verbunden mit der Akzeptanz verschiedener Aspekte der eigenen Persönlichkeit, zu entwickeln. In modernen Theorien wird Selbstwert auch als eine Art Messanzeiger dafür gesehen, wie nah wir uns unserer sozialen Umwelt (Familie, Freunde, Partner) sehen. Unser Selbstwert ist dementsprechend hoch, wenn wir uns den Menschen, die uns wichtig sind, nah fühlen.

Ein niedriger Selbstwert deutet daraufhin, dass wir uns als einsam, isoliert und nicht integriert erleben. Um von einem auf externen Faktoren, wie Äußerlichkeit und Leistung, basierenden Selbstwert zu einer stabilen und grundsätzlich wertschätzenden Haltung sich selbst gegenüber zu gelangen, sind demnach verlässliche, sichere und intensive Bindungen wichtig, sowie die akzeptierende und ehrliche Auseinandersetzung mit uns selbst, verbunden mit einer umfassenden Betrachtung der eigenen Persönlichkeit.

Einen stabilen, auf Selbstakzeptanz fußenden Selbstwert zu entwickeln ist zudem keine Aufgabe, der man sich einmalig im Leben widmet. Die Beschäftigung mit sich selbst und die konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Verhaltensweisen und Handlungen sind stattdessen als lebenslange Prozesse zu sehen, die uns kontinuierlich begleiten.

Wie kann ich das Selbstwertgefühl von meinen Kindern stärken, welche Aussagen sind wirksam? Bsw. bei einer Tochter die sich nicht schön findet zu sagen: „Aber Du bist doch schön!“ ist ja eher wirkungslos.

Die Rolle der elterlichen Erziehung für die Entwicklung des Selbstwertes der Kinder ist von großer Bedeutung. Durch Zuwendung und Aufmerksamkeit auf erwünschte Verhaltensweisen und die Funktion als Rollenmodell beeinflussen Eltern direkt die Entwicklung des Selbstwerts ihrer Kinder. Die Forschung zeigt, dass es für die nachhaltige Entwicklung des Selbstwerts gut ist, wenn Eltern den Kindern eine bedingungslos-wertschätzende Haltung entgegenbringen. Dies manifestiert sich u.a. darin, dass die Zuneigung, die dem Kind entgegengebracht wird, unabhängig von den Leistungen und Erfolgen der Kinder ist.

Das bedeutet nicht, dass grenzüberschreitendes Verhalten hingenommen wird – es zeigt sich, dass ein klares Regelsystem zu Hause den Kindern eine wichtige Orientierung für die persönliche Entwicklung gibt. Im Falle von Selbstzweifeln und Unsicherheiten zeigt gerade die bedingungslose Wertschätzung, wie wichtig es ist, seinen Selbstwert nicht auf Faktoren wie Leistung oder Attraktivität gegründet sind. Durch die Vermittlung der Botschaft „Für meine Liebe zu dir ist es unwichtig, ob du gute Noten hast oder dich als schön empfindest!“ können die Eltern den Kindern zeigen, dass die Aspekte, denen andere Menschen Bedeutung für ihren eigenen Wert beimessen, keine Relevanz für ihre persönliche Beziehung haben.

Loben sollte man stets Bemühungen. Wenn ein Kind in einer Klausur ein gutes Ergebnis erzielt hat, sollte man die Anstrengungen des Kindes loben („Du hast hart dafür gearbeitet – das hast du gut gemacht!“) statt auf Persönlichkeitseigenschaften zu verweisen („Du bist aber clever“). In ersterem Falle lernt das Kind, dass die Ergebnisse der eigenen Handlungen primär von den Anstrengungen und der Arbeit abhängig sind, die man zur Erreichung eines Ziels investiert und nicht von unveränderlichen Eigenschaften wie der Intelligenz. Das Kind kann somit die Überzeugung entwickeln, dass es durch Fleiß und Bemühungen in den ihm wichtigen Bereichen besser werden kann, statt daran zu glauben, dass die Ergebnisse der Arbeit nur von gegebenen Eigenschaften abhängen, die nicht direkt beeinflussbar ist.

Ein stabiles Selbstwertgefühl ist besonders in der Pubertät ein sicherer Anker. Hier sind noch Aussehen, Popularität beim anderen Geschlecht sowie Coolness sehr wichtig. Was kann ich in der Pubertät tun, um meinem Kind hier zu helfen?

Die Pubertät als Phase der Suche nach der eigenen Identität ist häufig durch Selbstzweifel und Unsicherheiten geprägt. Bei vielen Jugendlichen gehen die körperlichen Veränderungen (bspw. der Stimmbruch bei den Jungen) mit einer erhöhten psychischen Belastung und einer Verunsicherung einher. Auch Depressionen und andere psychische Störungen sind in der Adoleszenz keine Seltenheit. Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass die Entwicklung des Selbstwerts während dieser Phase durch Instabilität und Einbrüche gekennzeichnet sein kann. Viele Mädchen erleben um das 12. Lebensjahr einen Einbruch der eigenen Wertschätzung, der mit ca. 17 Jahren seinen Tiefpunkt erreicht, sich dann aber wieder stabilisiert. Jungen haben in der Regel mit geringeren Einbrüchen zu kämpfen, aber auch bei ihnen ist in dieser Phase häufig eine Verschlechterung des Selbstwerts zu beobachten.

Für Eltern besteht in dieser Zeit häufig die schwierige Aufgabe, die Jugendlichen in ihrem Bedürfnis nach Abgrenzung, zur Entwicklung eines freien, selbstbestimmten Lebens, Raum zu gewähren und andererseits ihren Kindern den Rückhalt zu bieten, den sie in dieser intensiven Phase ihres Lebens oft brauchen. Wenn die Eltern hierbei Stabilität, Offenheit und emotionale Unterstützung vermitteln, können die Jugendlichen jene sichere und bedingungslose Bindung erleben, die einen zentralen Baustein für stabilen Selbstwert darstellt. Wichtig ist allerdings auch, den Jugendlichen Freiheit zu lassen, sich mit ihren Altersgenossen zu erproben.

Das Interview kam zustande auf der Veranstaltung „Mehr Mut zum Ich- Starke Mütter, starke Töchter“ der Firmen Dove und Rossmann, zu der ich kürzlich eingeladen war.

Weitere Informationen zur Arbeit von Prof. Schütz gibt es hier.

Fotos: © Frau Mutter Blog, Astrid Schütz privat

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2 Kommentare

  • Reply Das Bloggen der Anderen (40) | Familienbetrieb 9. Juli 2015 at 10:19 am

    […] Bei ‚Frau Mutter‘ gibt es ein interessantes Interview mit Prof. Dr. Astrid Schütz, Leiterin des Lehrstuhls für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik der Universität Bamberg, wie wichtig es ist, dass Eltern ihren Kindern ein gutes Selbstwertgefühl vermitteln. […]

  • Reply Pia 12. August 2016 at 12:03 pm

    Sehr guter Beitrag. Ich finde in der heutigen Zeit ist es wichtiger denn je, dass Kinder ein gesundes Selbstwertgefühl haben. Kinder ab einem gewissen Alter müssen lernen, dass Mobber nicht recht haben, sei es in der Schule oder im Internet. Darüber zu stehen und sich das nicht zu Herzen zu nehmen, setzt ein gutes Selbstwertgefühl voraus.

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