Kind und Erziehung

Der Sohn soll in die Nationalelf: Die Spezies Fußball-Väter

11. Juni 2015

Kinderfußball

Mein Sohn Sebastian hatte eine eher kurze Karriere beim Fußball. Beim Sommercamp von Hertha 03 wechselte er sich immer selbst ein, zurück auf die Ersatzbank „weil es echt voll anstrengend und heiß war, Mama.“ Na gut.

Da hatte ich wohl Glück, denn die sogenannten „Fußball-Väter“ sind wohl eine ganz besonders ehrgeizige Gattung, ganz so wie die „Eiskunstlauf-Muddis“…

Heute beschreibt mein Gastautor Armin Lehmann, welche Dramen sich so alle vor und hinter der Bande abspielen. Für ihn ist Kinder-Fußball schlicht eine „Väter-Horrorstory“…

Kinder-Fußball: eine Väterhorrorstory

Letztens ist es mir wieder passiert. Hab’ hineingerufen ins Spielfeld, weil der Schiedsrichter… Es war wirklich eine total unfaire Entscheidung. Okay, es gibt keine wirkliche Entschuldigung. Und ich gebe gerne zu, ich kann mich auch nicht immer zurückhalten. Aber ich arbeite wirklich hart daran. Denn ich liebe nun mal Fußball. Aber vor allem liebe ich meine Söhne – und die wollen über ihren Vater nicht die Köpfe schütteln müssen.

Wenn man wie ich, seit Jahren auf dem Fußball-Kleinfeldbereich als Vater oder Trainer unterwegs ist, dann fällt man allerdings sehr oft vom Glauben ab. Kinder- und Jugendfußball – das ist oft eine Väterhorrorstory!

Vor einigen Jahren sah ich bei einem Abschlussmatch eines Sichtungstrainings zu. Das machen Vereine, um zu schauen, wen sie aufnehmen. Da oft zu wenig ehrenamtliche Trainer da sind und deshalb nicht ausreichend Mannschaften für die meist große Nachfrage aufgemacht werden können – muss vorher sortiert werden. Die Kinder sind teilweise erst vier Jahre alt, es geht um die Aufnahme in die jüngsten Teams eines Vereins, in die G-Jugend.

Die Trikots flatterten den jungen Kickern noch um die zarten, schmalen Leiber, auf dem Stoff am Rücken trugen sie die Namen ihrer Idole. Götze, Özil, Müller, Schweinsteiger. Die Väter begannen Anweisungen zu rufen und sich aufzuspielen. Die eigentlichen Trainer standen abseits. Sie kannten das schon. Es wurde sehr laut, es wurde geschrieen wie beim Boxkampf. Ein Vater brüllte seinen Sohn an: „Du weißt wohl nicht, worum es hier geht.“

Hallo, ja worum geht’s denn hier? Offensichtlich nicht um Spaß!

Diese Väter, es gibt sie, und sie sind keine Seltenheit, sind von Sinnen. Sie planen die Fußball-Karriere ihrer Söhne in ihrem Kopf, sehr früh und sehr genau, und niemand kann darauf Einfluss nehmen, denn sie denken wirklich, dass es eine erfolgreiche Karriere vor allem von ihrem Ehrgeiz abhängt. Und nicht vom Talent, geschweige von den wahren Interessen des Kindes. Es gibt eine schöne Zahl: 99,97 Prozent von den fast sieben Millionen Fußballern in Deutschland sind keine Profis.

Pokale

Aber diese Väter haben den Tunnelblick, sie sehen…, ja was eigentlich? Geld, Ruhm, die eigenen völlig unrealistischen Träume erfüllt vom Sohn?

Ich habe einen Vater getroffen, der seinen Sohn schon in der G-Jugend, das sind Kinder zwischen vier und sechs Jahren, ständig gecoacht hat. Von der Seitenlinie. Und sehr zum Ärger des Trainers. Das Kind, durchaus talentiert, musste in den ersten sechs Jahren sechsmal den Verein wechseln. Immer passte dem Vater irgendetwas nicht. Vor allem aber passte es ihm nicht, dass die meisten Trainer seinen Sohn einfach nur Fußballspielen lassen wollten – und nicht schon für den Nationalmannschaftslehrgang pushen.

Es gibt auch Trainer, meistens haben sie selbst Söhne in den Mannschaften, die sind bereits in der G-Jugend so ehrgeizig, dass Kinder, die nicht zu den Besten im Team gehören, traumatisiert aufhören. Ist kein böser Scherz, ist wirklich passiert. Nicht nur einmal. Eine Mutter erzählte mir, dass der Sohn so oft angebrüllt worden sei, dass er völlig verängstigt nicht mehr zum Training wollte.
Der Trainer hat mit den Kleinen trainiert, als wären sie Männer. Sie mussten Taktik lernen und Positionsspiel. Mit fünf! Und wenn Sie es nicht besser konnten, sind sie rausgeflogen.

Erst als das „Seelenheil“ des Jungen wieder einigermaßen in Ordnung war, traute er sich in eine andere Mannschaft. Denn er liebt Fußball. Und jetzt hat er wieder Spaß und darf spielen, wie es passt!

Der Trainer muß weg

Ein Vater in einem großen Berliner Traditionsverein schaffte es regelmäßig, den Trainer wegzumobben, weil der aus seiner Sicht den eigenen Sohn nicht ausreichend förderte. Ein anderer Vater brüllte das eigene Kind regelmäßig zusammen, wenn es nicht die Leistung brachte, die der Vater erwartete. Der Mann wiederum, dessen Sohn wie beschrieben schon viele Vereine hinter sich hat, zahlte auch gerne Geld für Tore des Kindes. Seine Vorstellung von Anreiz! Und er brachte ihm bei, wie man schauspielert und aggressiv spielt. Das Talent des Sohnes blieb dabei leider auf der Strecke, er spielt jetzt so, wie es der Vater gerne hat, aber das normale Handwerk eines Fußballers, sauber passen mit der Innenseite etwa, beherrscht das Kind noch immer nicht.

Fußball-Väter mit dieser „Beseeltheit“ warten sehnsüchtig darauf, dass ein großer Verein kommt, wie Hertha BSC, Union oder andere Bundesligisten, um ihren Sohn abzuwerben. Heutzutage geht das schon früh los. Immer mehr Kinder wechseln bereits mit 13 oder 14 Jahren die Stadt.

Platzverweis für Fußball-Väter?

Fußball-Väter dieser Kategorie stehen, so lange sie nicht weggeschickt werden, immer dicht am Spielfeld und rufen die ganze Zeit hinein, sie feuern ihre Söhne nicht nur an, sie treiben sie an wie beim Pferderennen. Nach den Regeln des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) müssen Eltern eigentlich hinter die Barriere, sie müssen Abstand halten. Aber man kann sich vorstellen, was passiert, wenn das ein gutmütiger Trainer durchsetzen möchte, aber die Väter das nicht wollen…

Letztens, bei einem Turnier der G-Jugend zu Pfingsten, wurde auf vier Plätzen gleichzeitig gespielt. Die Eltern standen dicht am Spielfeld. Man muss dazu sagen: Es war wirklich ein schönes Turnier, der Veranstalter hat sich viel Mühe gegeben, und die Kinder hatten Spaß. Aber wenn man die Augen geschlossen hatte, konnte man sehr gut hören, was man nicht sehen wollte: brüllende Eltern, dazwischen immer wieder heulende Kinder.

Die Sieger der Herzen

Zum Glück ist das im Kinder-Fußball noch immer nicht der „Normalzustand“. Aber fast… Zum Glück, auch wenn man es jetzt nicht mehr glauben mag, überwiegen noch Spaß und Sport. Und es bleibt eine große Freude, diese kleinen Menschen mit so viel Lust über den Platz sausen zu sehen. Jedes Mal freut es mich, wenn ich merke: Den Kleinen ist es völlig egal, ob sie gewinnen oder verlieren. Letztens verlor eine Mannschaft 1:12. Aber als das eine Tor für die vermeintlichen Verlierer fiel, war der Jubel so unbeschreiblich schön und laut, dass man wusste: Der Tag ist für die Jungs doch gerettet! Im Kinderfußball gibt es zum Glück noch immer die Sieger der Herzen!

Ich selbst stehe seit einigen Jahren immer hinter der Barriere, mit Abstand zum Feld, und ich schwöre, dass ich mich jedes Mal ein bisschen schäme, wenn ich doch noch mal was hineinrufe. Aber das ist nun mal auch Fußball: Spaß, Spannung und Leidenschaft.

Nur die Väter stören halt.

Armin Lehmann

Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel, wo er seit 1993 arbeitet. Er hat zudem das lokale Online-Portal „Tagesspiegel-Zehlendorf“ konzipiert. Seine Söhne (10 und 5) spielen für ihr Leben gern… am liebsten Fußball.

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4 Kommentare

  • Reply rollinger 11. Juni 2015 at 8:17 am

    Habe ich ähnlich beobachtet, als ich mal bei so einem Jugendspiel dabei war. Ich selbst spielte 5 Jahre Feldhockey. Das war easy und man kam schnell bis zur „Jugend für Olympia“ Mannschaft. 1978 spielte diesen Sport kaum jemand. Mein Eltern interessierte mein Sport gar nicht. Sport, Spiel, Bewegung. Wird schon gut tun. Tat es auch.
    Fussballbundesliga finde ich völlig daneben. Damit hatte ich nie was zu tun und will ich auch nicht. Zwei von meinen drei Söhnen sind da ebenfalls nicht dran interessiert. Gut so. Diesen Geldquatsch muss man nicht gut finden. Fussball spielen ja, alles andere ist Panne.
    Ich schaue jedes Spiel auf irgend einem Kaff gerne an. Da bin ich dabei.
    Diese Leistungsforderung, kommt von den Vätern aber nicht nur. Das wird doch von ganz oben so geimpft. Geld, Macht, Spielerfrauen, Facelifting.
    Die Kinder auf dem Platz, das sind oft arme kleine Kerle und ich müsste mich auf so einem Fussballplatz stark beherrschen um nicht so einem Vater…. Lassen wir das.
    Danke für den Artikel.

  • Reply Das Bloggen der Anderen (39) | Familienbetrieb 24. Juni 2015 at 10:05 am

    […] Als Eltern wollen wir, dass unsere Kinder Spaß an Bewegung haben. Und dann melden wir sie in einem Sportverein an. Das ist schön. Und dann treffen wir andere Eltern. Das ist häufig weniger schön. Bei ‚Frau Mutter‘ beschreibt Armin Lehmann in einem Gastbeitrag sehr anschaulich die ‚Spezies Fußball-Väter‘. […]

  • Reply Das Bloggen der Anderen (39) | Familie Rockt 25. Juni 2015 at 2:57 pm

    […] Als Eltern wollen wir, dass unsere Kinder Spaß an Bewegung haben. Und dann melden wir sie in einem Sportverein an. Das ist schön. Und dann treffen wir andere Eltern. Das ist häufig weniger schön. Bei ‚Frau Mutter‘ beschreibt Armin Lehmann in einem Gastbeitrag sehr anschaulich die ‚Spezies Fußball-Väter‘. […]

  • Reply Geteiltes Glück: Die besten Links der Woche 24. Juli 2015 at 10:00 am

    […] Nummer 2: Sportplätze. Oder genauer: Fußballplätze. Denn da tummelt sich mit dem Fußball-Vater das Gegenstück zur Eislauf-Mutti, wie Armin Lehmann in seinem Gastbeitrag auf Frau Mutter […]

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