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Interview mit Jesper Juul: „Gemeinsam genießen ist die beste Erziehung“

13. November 2017
Interview mit Jesper Juul Essen kommen

Heute gibt es hier ein Interview mit Jesper Juul, über das ich mich sehr freue. Dieser von uns hoch geschätzte Pädagoge hat ein großartiges neues Buch über Essen und Kinder geschrieben, dass ich sogleich „verschlungen“ habe. In „Essen kommen Familientisch-Familienglück“ geht es um das weite Feld der Ernährung und wie glücklich es machen kann, zusammen zu essen. Aber auch, welche Konfliktherde es rund um den Familientisch gibt. Gleichzeitig ist das Buch auch ein Kochbuch mit vielen tollen und einfachen Rezepten. Ich habe schon einige ausprobiert und das selbstgemachte Granola ist bei mir zu Hause bereits ein großer Hit!

Im Interview mit Jesper Juul habe ich mit ihm über Sinn und Unsinn von Tischmanieren gesprochen, wie man mit „schlechten Essern“ umgeht (und ob es sowas eigentlich gibt) und warum wir wirklich Zeit in die gemeinsame Zubereitung von Essen investieren sollten. Wie auch bei der Lektüre seines neuen Buches hatte ich beim Interview einige Aha-Momente! Viel Spaß beim Lesen!

Interview mit Jesper Juul: Belehrung ist unangenehm

Sie sagen in ihrem Buch: Genießt eure gemeinsamen Mahlzeiten, eine bessere Erziehung gibt es nicht. Warum ist das so?

JJ: Ich sage das, weil so viele Eltern der Auffassung sind, dass sie ihren Kindern Tischmanieren verbal beibringen müssten. In Form von Bewertung des kindlichen Verhaltens in „gut“ oder „schlecht“ und Regeln. So etwas ist den Kindern unangenehm (wie es auch Erwachsenen unangenehm wäre, wenn wir uns gegenseitig belehren). Aus diesem Grund wollen viele Kinder nicht „Schön am Tisch sitzen“ und ziehen es vor, auf dem Boden, vorm Fernseher oder woanders zu essen.

In allen Bereich des Lebens wollen Kinder eigentlich kooperieren, so lange sie sich wertgeschätzt fühlen. Wenn das nicht der Fall ist, drehen sie ihr Verhalten unbewusst ins Gegenteil, also eine entgegengesetzte Kooperation.

Warum ist es eigentlich unmöglich, ständig harmonische Mahlzeiten mit der Familie zu haben, auch wenn wir sie noch so „hyggelig“ (Dänisch für „gemütlich, bewusst“) gestalten?

Deshalb weil Eltern Mahlzeiten nach ihrer Definition von hyggelig/gemütlich vorgehen.

Eine typische Situation: Wir Eltern haben ein Essen gekocht, das Kind findet das „igitt“ und schmeißt evtl. auch Teile davon auf den Boden. Das ist frustrierend und auch stressig. Wie kann man am besten reagieren?

JJ:  Bleiben Sie ruhig, schauen Sie dem Kind freundlich in die Augen, nehmen Sie den Teller weg und sagen: „Oh, Du magst das also nicht. Das tut mir leid, weil Du es vor ein paar Wochen ja noch gemocht hast. Und zu Kindern unter zwei Jahren: „Ich wünschte, Du könntest mir sagen, was Du nicht magst.“ Und älteren Kindern: “ Kannst Du mir sagen, was Du nicht magst? Ich würde es gerne wissen?“

Es ist ein wissenschaftlicher Fakt, dass sich die Geschmacksnerven von Kindern in den ersten vier bis fünf Lebensjahren stark verändern.

Wenn das Kind nach etwas anderem verlangt, sagen Sie die Wahrheit:“ Es tut mir leid, das habe ich nicht da.“ Oder: “ Ich habe nicht die Zeit und Energie, das jetzt zuzubereiten, aber ich bin sicher, Du wirst es überleben.“ Oder: “ Klar, gib mir 15 Minuten, ich koche es für Dich.“

Juul: „Schlechter Esser“ ist eine schlechte Bezeichnung

Gibt es eigentlich „schlechte/wählerische Esser“?

JJ: Wenn zwei Erwachsene zusammenziehen, verbringen sie viel Zeit damit, genau zu überlegen, was und wie gegessen wird, welche Zutaten und Gerichte einer nicht mag oder verträgt. Vielleicht sind sie dabei manchmal wählerisch, aber meistens doch eben nicht. Wenn ein Kind hinzukommt, sollte es dieselben Rechte haben und nicht als mäkelig diagnostiziert werden, was ja schnell mit „schwierig“ gleich gesetzt wird und eine Haltung gegen die Familie unterstellt wird.

Das neue Buch von Jesper Juul: Klick!

Warum ist es wichtig, gemeinsam einkaufen zu gehen und auch gemeinsam zu kochen? Auch wenn wir heutzutage ständig unter Zeitdruck stehen?

Ganz einfach, weil Kinder so lernen, das Essen mehr wertzuschätzen, wenn sie dabei sind. Man kann sich entscheiden: Will man die gemeinsame Zeit mit Konflikten verbringen oder will man miteinander etwas tun und gemeinsam einen Prozess gestalten.

Das ist so wie beim Sexleben der Eltern. Wenn man sich entscheidet, sich keine Zeit für Intimität und emotionale Rückmeldung zu nehmen, ist man verantwortlich für das Ergebnis- in der Qualität und Quantität.

Macht es Sinn, bei Tisch Tischmanieren zu lehren/einzufordern?

JJ: Nein, lehren und predigen schafft eine schlechte Atmosphäre. Zu Tisch ist es besser und konstruktiver zu sagen, was man mag und nicht mag. Zum Beispiel: “ Ich möchte, dass Du mir sagst, was Du nicht magst. Ich mag es nicht, wenn Du mit Essen wirfst. Schieb einfach den Teller weg von Dir und zeige mir mit Deinem Gesicht, dass Du es nicht magst.“

Juul: Weniger Dogma, mehr Beziehung

Manche Kinder essen über längere Zeiträume nur wenige Gerichte/Lebensmittel, wie bsw. „Nudeln mit Butter“ und kein Gemüse. Wie stellen wir sicher, dass das Kind genug Nährstoffe zu sich nimmt?

JJ: Sehr wenige Kinder, wenn überhaupt welche, sterben heutzutage in Europa wegen Mangelernährung oder werden deswegen krank. Nehmen Sie es nicht so schwer, essen Sie weiter Ihr Gemüse und bieten Sie bei Beginn der Mahlzeit Ihrem Kind hin und wieder etwas davon an. „Ich wollte nur mal schauen, ob sich Dein Geschmack inzwischen vielleicht verändert hat.“

Ein Begriff in Ihrem Buch fand ich sehr eindrücklich. „Dogmatischer Ernährungsidealismus“. Bedeutet „clean eating“ eigentlich mehr Stress für Familien heute?

JJ: Physische Gesundheit ist wichtiger geworden als emotionale und ganzheitliche Gesundheit und auch die Gesundheit unserer Beziehungen. Das ist ein großer Fehler und wird sicherlich in den nächsten 5-10 Jahren korrigiert werden.

Kære Jesper Juul, tak for interviewet!

Wenn Euch das Interview gefallen hat, freue ich mich, wenn Ihr den Beitrag teilt und pinnt!

interview mit Jesper Juul

Foto: copyright Anja Kring

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