Eltern Interviews

„Mütter dürfen auch mal alles zum Kotzen finden“ Interview mit Autorin und Mutter Claudia Haessy

18. September 2017

Dürfen Mütter eigentlich offen und ehrlich über Zweifel, Überforderung und das tägliche Gefühlschaos reden? In den sozialen Netzwerken, auf Instagram, aber natürlich auch auf Blogs herrscht viel heile Welt. Hier auf meinem Blog ist es mir wichtig, dass die ganze Bandbreite gezeigt wird. Mutterschaft und Familienleben bedeuten sicherlich viel Glück und Liebe, aber es ist eben nicht immer ein schöner, heller, aufgeräumter Instagramfilter. Und unverhofft kommt oft, wenn man Kinder hat.

Kürzlich las ich „Wenn ich die Wahl habe zwischen Kind und Karriere, nehme ich das Sofa“. Ein sehr witziges, klischeefreies und gut geschriebenes Buch über eine Frau, die unerwartet schwanger wird. Die Protagonistin schlittert in ihre neue Rolle herein. Zweifelnd, unsicher. Nichts ist, „wie es im Buche steht“ und die werdende Mutter im Buch ist sicher nicht aus einer Werbebroschüre entsprungen. Trotzdem spürt man ganz viel Liebe und beim Lesen hab ich öfters aufgeatmet. „Mensch, muss doch gar nicht alles heile Welt sein.“ Ich kann Euch das Buch sehr empfehlen!

Ich habe mit Claudia Haessy über ihre Sicht auf Mutterschaft gesprochen. Ich finde sie hat ein paar gute Tipps, wie man eine selbstbestimmte Mutter wird, die ihren Weg gefunden hat.

Warum ist Schwangerschaft und Mutterschaft 2017 eigentlich immer oft noch so verklärt?

Schwierige Frage. Ich glaube, dass es letztlich genauso viele Frauen gibt, die ihre Schwangerschaft und Muttersein als großartig empfinden, wie diejenigen, die das Ganze als weniger töfte erfahren. Nur die ersten reden eben mehr darüber. Sie erzählen es jedem, schreiben und bloggen darüber, instagrammen ihre perfekt aussehende Welt ohne Pause. Die anderen machen das nicht – zumindest nicht in dem Ausmaß. So kommt es zu einem vermeintlichen Ungleichgewicht. Umso wichtiger, dass auch in Zukunft mehr Mütter über ihre Unsicherheiten, Ängste und Überforderungen und ja, auch das Gefühl, alles mal zum Kotzen zu finden, offen reden. Und dass wir, ohne es zu bewerten, zuhören.

Hattest Du das Gefühl, plötzlich erwachsen sein zu müssen (und es immer zu bleiben), als Du Mutter wurdest?

Da ich nicht sicher bin, was Erwachsensein eigentlich ist, täusche ich es zumindest häufiger vor. Man hat ja nun eine Vorbildfunktion und die isst eben häufiger mal Brokkoli statt Nutella direkt aus dem Glas. Am Ende bin ich aber die Gleiche geblieben – ich mache die ganzen, unvernünftigen Sachen nur nicht mehr vor dem Lütten, sondern warte, bis er im Bett ist. Oder kurz im Nebenzimmer.

Ohne Kind ist man ein recht privater Mensch und dann wird man Mutter. Wie bist Du damit umgegangen, dass man plötzlich von allen bewertet, befragt, beurteilt wird. Dein Tipp, wie man damit umgehen kann?

Drauf scheißen. Das fällt wahnsinnig schwer und braucht Übung. Aber ich distanziere mich von Menschen, die meinen, ständig mein Leben, meine Erziehungsmethoden und mein Kind bewerten zu müssen. Die meisten Menschen sind es nicht gewohnt, dass man ihnen auf ihre Einmischerei einfach „Ist mir egal.“ entgegenhält – umso mehr Spaß macht es, wenn man es dennoch macht und sich dann ihr bedröppeltes Gesicht anguckt.

Wann hast Du deine eigene Mütter-Identität gefunden? So dass Du wusstest: „So bin ich, so nicht….. und das ist auch gut so!“

Es war für mich sehr schwer zu akzeptieren, dass ich nie eine Mutter sein werde, die tierisch darauf steht, stundenlang auf dem Spielplatz abzuhängen, oder Makramees aus alten Handtücher zu basteln. Ich bin ziemlich streng (und oft auch ungeduldig) und eben weil ich das weiß, bemühe ich mich, dem Kleinen ausreichend Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Schmuse-Einheiten zu geben. Das funktioniert bisher meistens ganz okay. Und ganz okay ist vermutlich mehr, als ich ursprünglich erwartet habe.

Was war die schönste Überraschung für Dich am Muttersein? Und auf was würdest Du lieber verzichten?

Wie krass man einen anderen Menschen lieben kann! Und wie sehr einem das Herz schmilzt, wenn ein Vierjähriger zu einem sagt, dass er einen vermisst oder lieb hat. Die Phasen zwischen diesen Momenten, in denen er sagt, ich sei doof, weil er sich die Zähne putzen oder eine Unterhose anziehen soll, auf die könnte ich gut verzichten. Aber auf ihn nie mehr.

Danke Claudia Haessy, für Dein tolles Buch und Deine ehrlichen Antworten!

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2 Kommentare

  • Reply Katja Nonnenkamp 18. September 2017 at 7:57 am

    Für das „ganz okay“ liebe ich die Interviewpartnerin!

  • Reply Dinah 21. September 2017 at 12:52 pm

    Liebe Claudia,
    manchmal müssen Mütter mutig sein und sagen dürfen: „es lief ok“ aber eben nicht „perfekt“. Als Mama von zwei Kleinkindern, die gerade den Wiedereinstieg ins Berufsleben wagt, kenne ich den Perfektionismus, mit dem man oft konfrontiert wird. Ich nehme mich davon nicht aus, im Job sowie im Privatleben hatte ich immer den Anspruch der Perfektion. Allerdings lehren mich meine Kinder immer wieder ein bisschen Gelassenheit.
    Viele Grüße
    Dinah

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