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„Am Ende aber sind die Flüchtlinge Menschen in Not. Ganz einfach.“ Interview mit Tanya, freiwillige Helferin

7. September 2015

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Normalerweise kommt hier montags immer das „eine schöne Mama“-Interview. Aus aktuellem Anlass interviewe ich heute Tanya alias Lucie Marshall. Sie hilft seit Wochen mehr oder weniger rund um die Uhr in der aktuellen Flüchtlingskrise. Vor Ort am LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin, wo die Flüchtlinge sich zunächst registrieren müssen).

Tanya hat aber auch drei Jungen aus Pakistan spontan bei sich zu Hause aufgenommen und organisiert außerdem Ausflüge, Deutschkurse und Hilfspakete für sehr viele Flüchtlinge.

Angesichts des Flüchtlingskrise fragen sich sicher viele von euch, was man tun kann, aber auch wie und in welchem Umfang man sich engagieren sollte und auch will.

Ich habe Tanya gefragt, ob sie Berührungsängste hatte und Vorbehalte, Fremde bei sich aufzunehmen und wie die Erfahrungen mit der Flüchtlingshilfe sie und ihre Familie verändert haben. Außerdem hat sie uns einige Adressen mitgebracht, wo man sich informieren kann, wenn man helfen will.

Sehr spannende und inspirierende Einsichten sind das, aber lest selbst.

Tanya, Du hilfst seit Wochen und engagierst Dich sehr in der Flüchtlingshilfe. Erzähl uns, was Du genau machst!

Das, was anfällt und gebraucht wird. Ich habe Essen oder Getränke verteilt, Kleiderspenden sortiert, Flüchtlinge von A nach B gefahren, Unterkünfte gesucht, Ärzte gesucht und wir haben bei uns Zuhause Flüchtlinge aufgenommen.

Stichwort LaGeSo (Landesamt für Gesundheit uns Soziales), Du warst dort vor Ort. Beschreibe uns bitte die Situation dort. Wie kann man helfen und ist die Hilfe dort koordiniert?

Das war und ist nach wie vor ein Schock für mich, dass in einer Stadt wie Berlin Kinder und Familien im Dreck und auf Pappen schlafen müssen, unbegleitete Minderjährige sich nachts in den Büschen des Parks verstecken und einfach nicht genug Wasser und Nahrung da ist. „Moabit hilft“ hat mit den vielen, ehrenamtlichen Helfen Unfassbares geleistet, Spenden gesammelt und Druck gemacht.

Kamst Du dort persönlich in Kontakt mit Flüchtlingen?

Ja, klar. Die warten tagelang vor dem Amt. Da kommt man gar nicht drum herum. Wollte ich im Übrigen auch nicht. Sich den Menschen zu stellen, ihren Geschichten und ihrem Leid, war für mich ganz wichtig, um ihre Bedürfnisse zu sehen und zu verstehen.

Du hast drei Jungen aus Pakistan bei Dir aufgenommen. Bitte erzähle uns, wie es dazu kam.

Jeden Abend stehen Menschen vor dem Amt, die nicht wissen wohin. Sie sind noch nicht registriert und die Notunterkünfte sind voll. „Moabit hilft“ hat ein System entwickelt, diese Menschen auf private Unterkünfte zu verteilen. Ich bekam Freitagabend einen Anruf und es hieß: „Geht es bei euch?“ und wir sagten: „Ja“.

Hattest Du keine Vorbehalte oder Berührungsängste? Schließlich nimmt man ja doch Fremde in seinen eigenen vier Wänden auf.

Natürlich. Da ist eine natürliche, innere Barriere. Das sind fremde Menschen, die wochenlang nicht geduscht haben, deren Sprache ich nicht spreche und deren Kultur ich kaum oder gar nicht kenne. Am Ende aber sind es Menschen in Not. Ganz einfach. Was aber nicht heißt, dass jeder jemanden aufnehmen muss. Ich verstehe jeden, der sagt, das ist mir ein Schritt zu viel, kann ich dafür etwas anderes tun?

Welche Regelungen gibt es, wenn man minderjährigen Flüchtlingen helfen will, bzw. sie bei sich aufnehmen möchte? Wo ist das koordiniert?

Flüchtlinge, die minderjährig sind und ohne Begleitung hier ankommen, kommen zunächst mal sofort in eine Unterkunft des DRK oder der Caritas. Die darf man auch nicht mit nach Hause nehmen. Aber es werden Vormünder und Paten gesucht, damit jemand diese Kinder begleitet. Das heißt nicht, dass sie zwangsweise bei einem wohnen. Es kann auch heißen, dass sie im Heim wohnen und jemand nur die Vormundschaft übernimmt. Das bedeutet dann, Amtsgänge mitmachen, auf das Kind achten und mit ihm etwas unternehmen, Klamotten besorgen etc. Mehr Infos gibt es hier

Wie ist das Leben mit Flüchtlingen, wie verständigt Ihr Euch? Habt Ihr „Regeln“ aufgestellt für das Zusammenleben? Was machen die den ganzen Tag über? In die Schule gehen? Was ist, wenn sie krank werden? Und wie hast Du Deine Arbeit bzw. Dein persönliches Leben neu organisiert?

Man muss sich das so vorstellen: Du kommst nach einer Flucht, die meistens 6 – 8 Wochen dauert, hier an, bist einerseits k.o., andererseits willst du endlich loslegen. Die meisten kommen nicht, weil sie Deutschland so irre toll finden, sondern weil sie keine Wahl hatten und Deutschland besser ist als Gewalt, Tod und Hoffnungslosigkeit, die in ihren Ländern herrschen. Sie haben Heimweh und viele hoffen auf eine Rückkehr. Und dann muss man sich in dem Dschungel der Bürokratie zurechtfinden. Wenn man das dann mal geschafft hat, dann wird man 3 Monate kalt gestellt, bis das eigentliche Asylverfahren losgeht. Und auch das kann dauern.

Das heißt, die sitzen fest, haben gerade mal genug Geld für Essen, können sich aber ansonsten nichts leisten: Keine BVG-Karte, kein Eis, kein gar nichts. Außerdem dürfen sie auch nichts tun: Kein staatlich anerkannten Deutschkurse, keine Praktika, nichts. Die drehen alle am Rad und dann wundert man sich, dass die Gewalt in den Heimen eskaliert. Wir haben Deutschkurse mit ehrenamtlichen Lehrern organisiert, unsere Nachbarn kümmern sich mit Ausflügen und Fahrradtouren um sie. Ich betreue mit Freunden zusammen mittlerweile ca. 25 Flüchtlinge, die lernen jetzt alle Deutsch zusammen und die Kinder werden von pensionierten Lehrerinnen oder Kindergärtnern betreut und bespaßt, bis wir sie in einer Schule unterbringen können.

Seid Ihr nun der Vormund für die Kinder? Ist das zeitlich begrenzt oder bleiben die Jungs vorerst bei Euch?

Nein, wir sind nicht der Vormund. Unsere Jungs sind 13, 18, und 21 und da der 21-jährige der Onkel von dem Jüngsten ist, ist der Dreizehnjährige auch offiziell nicht unbegleitet eingereist. Wie es aber genau weitergeht, klären wir nächste Woche mit einer Anwältin.

Ich habe den Eindruck, das Flüchtlingsmanagement ist schwer chaotisch gerade. Es gibt viele Menschen, die helfen wollen und unzählige Adressen. Trotzdem blicke ich persönlich nicht durch, wo ich nun z. Bsp. meinen Kinderwagen abgeben kann und die Winterschuhe oder wo ich eine Patenschaft übernehmen könnte. Hast Du ein paar sinnvolle, weiterführende Links für uns?

Ja, das Problem haben viele. Es gibt Gruppen auf Facebook wie Moabit hilft!, Wilmersdorf hilft!, die sich gut organisieren und über die man sich auch sehr gut informieren kann.

Aber um das Problem wenigstens für Berlin zu lösen, sind wir gerade dabei, eine Organisation mit dem Namen „be an angel“ auf die Beine zu stellen, so eine Art Dachverband, unter dem sich alle Berliner Flüchtlingsheime und -einrichtungen mit ihren Bedürfnissen bündeln. Das heißt, man kann dann auf die Seite gehen und sich ganz bewusst erkundigen, was in Zehlendorf oder Spandau gebraucht wird. Wir geben gerade Vollgas und hoffen, dass die Seite Ende September startklar ist. Vorher wird es noch einen großen Infoabend geben. Wenn die Termine stehen, dann kannst Du sie ja gerne posten.

(Mach ich!)

Was hat die Erfahrung des Helfens mit Dir bisher gemacht? Wie hat sich Dein/Euer Familienleben geändert?

Diese ganze Flüchtlingskatastrophe verändert mich gerade ungemein und natürlich auch unser Familienleben. Man lernt, Dinge mehr zu schätzen, Banalitäten fallen unter den Tisch. Mein Blick auf das Leben hat sich nachhaltig verändert. Das ist immens bereichernd und sehr fordernd. Aber ich bin sehr dankbar für diesen Perspektivwechsel.

Weiterführende Links:

Berlin hilft

11 Möglichkeiten, wie Du Flüchtlingen helfen kannst

finding Berlin

Wie man Vormund für einen minderjährigen, unbegleiteten Flüchtling werden kann

Liebe Tanya, was Du tust ist beispielhaft und eine große Inspiration. Nicht jeder kann und will privat Flüchtlinge aufnehmen, aber helfen können wir alle, in welcher Form auch immer.

Falls Euch das Interview gefallen hat, teilt es doch gerne!

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