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„Allein, alleiner, alleinerziehend“: Interview mit Autorin und Bloggerin Christine Finke

21. März 2016

Meine Bloggerkollegin Christine von Mama arbeitet hat ihr erstes Buch vorgelegt. Yeah! Wie zu erwarten war, ist es sehr gut geworden. Christine ist jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt und schonungslos ehrlich ist. Egal, ob es um Themen wir Armut, häusliche Gewalt oder Affären geht. Auf ihrem Blog und in ihrem Twitter Feed polarisiert sie stark und muss sich teilweise üble Beschimpfungen gefallen lassen. Mir gefällt ihre Art zu schreiben und noch besser finde ich, dass sie eigentlich eine politische Aktivistin ist, die für die Sache der Alleinerziehenden kämpft.

Das Buch „Allein, alleiner, alleinerziehend“ habe ich in einem Nachmittag durchgelesen. Es ist sehr gut geschrieben und gibt vor allem einen Einblick in den schwierigen Alltag von Alleinerziehenden, der schnell in prekären Situationen enden kann.

Ich finde ihr Buch nicht weinerlich. Im Gegenteil, Christine macht konkrete Vorschläge, wie man die Situation von Alleinerziehenden verbessern kann. Aber es gehört wohl leider immer noch zu unserer gesellschaftlichen Realität, Frauen zu „dissen“, die öffentlich, klar und fordernd Stellung beziehen und über unangenehme Dinge reden. Christine macht aber weiter und lässt sich nicht beirren. Gut so! Ich rede heute mit ihr über ihr Buch und über ihr Leben als alleinerziehende Mutter.

Du schreibst in Deinem Buch, dass sich die wenigsten Leute mit den Sorgen anderer, insbesondere von Alleinerziehenden beschäftigen wollen. Schlägt Dir wirklich so viel Ignoranz im Alltag entgegen?

Leider ja. Es fängt damit an, dass sich keiner vorstellen kann, dass es ein Problem ist, auf einen Elternabend zu gehen als Alleinerziehende, weil du weder Geld für einen Babysitter hast, noch Familie vor Ort, noch nette Freunde, die einspringen könnten. Dann wird ganz schnell die „Schuld-Karte“ gezogen, und es heißt, „Du musst dir halt ein Netzwerk aufbauen!“, oder „Frag doch einfach mal die Nachbarn!“ Als ob die Zeit und Lust hätten, sich am Feierabend noch um fremde Kinder zu kümmern, die auch noch klammern, um nur mal ein Beispiel zu nennen. Und so zieht sich das durch sämtliche Lebensbereiche. Die Schwierigkeiten, die für Alleinerziehende Alltag sind, sind für viele fern ihrer eigenen Lebenswelt. Und deswegen habe ich das auch so deutlich aufgeschrieben.

Alleinerziehend sein und die fehlende Akzeptanz in der Gesellschaft

Du beschreibst sehr anschaulich, wie das Alleinerziehen fast unweigerlich zu prekären Situationen führen kann. Was ist der Hauptgrund dafür ?

Eigentlich ist es eine Gemengelage. Aber wenn ich „den“ Hauptgrund nennen sollte, dann wäre das eine zutiefst kinderfeindlichen Gesellschaft. Damit haben alle Familien zu kämpfen, aber Alleinerziehende bekommen die Auswirkungen besonders zu spüren. Und die äußern sich in der steuerlichen Benachteiligung Alleinerziehender, in Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, in ganz praktischer Überlastung im Alltag (was wiederum Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit hat) und dem leidigen Problem der Kinderbetreuung jenseits von Mo-Fr und 9 bis 16 Uhr.

Ein Kapitel hast Du anderen Müttern gewidmet, die sich als „unter der Woche alleinerziehend“ beschreiben, weil ihre Männer beruflich stark eingebunden sind oder außer Haus sind. Was ärgert Dich an dieser Bezeichnung?

Sie ist schlicht und einfach falsch. Eine Anmaßung. Man kann das überhaupt nicht vergleichen, es ist ein himmelweiter Unterschied, ob eine Frau/ein Mann die Verantwortung für ein Kind komplett alleine trägt, oder ob es noch einen weiteren Erwachsenen gibt, der sich dafür interessiert, wie es dem Kind geht, wie es dir als betreuendes Elternteil geht und dich auch mal in den Arm nimmt, und sei es nur am Wochenende oder virtuell via WhatsApp oder Skype. Als Alleinerziehende bist du, jedenfalls ist das für die Mehrzahl der Alleinerziehenden so, komplett alleine mit der Verantwortung. Immer. Das ist wie ständiger Bereitschaftsdienst, rund ums Jahr, du kannst nie abschalten. Das stresst unheimlich.

alleinerziehend buch

Hast Du das Gefühl, durch Blogs wie Deinen wird das Schicksal und die Sorgen Alleinerziehender mehr publik? Habt Ihr politisch schon eine Veränderung, Verbesserung der Situation erreicht?

Ja, das habe ich. Und das motiviert mich sehr, mich weiter für die Belange Alleinerziehender einzusetzen. Als ich anfing mit dem Bloggen, war das gar nicht mein primäres Ziel, es hat sich im Laufe der Zeit so ergeben, weil das Echo auf diese Themen so groß war. Und weil ich auch immer mehr bemerkte, wie ungerecht das Ganze ist. Politische Veränderungen brauchen viel Zeit und Geduld. Aber Aufmerksamkeit für Themen hilft dabei, Änderungen zu bewirken. So hat letztes Jahr die SPD eine Alleinerziehenden-Image-Kampagne und mehrere Workshops auf die Beine gestellt, auch unser Familienministerium hat die Alleinerziehenden durchaus im Blick, wie ich auf einem Thinktank feststellen durfte, und da tut sich durchaus etwas. Im Moment allerdings eher hinter den Kulissen

Das Private öffentlich machen

Du erzählst, wie Du kurz vor einem Burn-Out standest. Was ist Dein Rat an andere Alleinerziehende? Wie kann man körperlich und geistig gesund bleiben bei der großen Belastung?

Mein Rezept ist viel schlafen, gut essen, sich vom Perfektionismus komplett verabschieden (mein Haushalt sieht nie so aus, wie ich das gerne hätte), und sich Verbündete suchen. Die können im Internet sein, wie meine Filterblase, im Idealfall auch vor Ort im Real Life, und natürlich hilft auch therapeutische Unterstützung. Letzteres ist das, was zuerst angehen würde, wenn ich mich akut gefährdet fühlen würde, vor lauter Funktionieren zusammenzubrechen. Und ganz wichtig finde ich Offenheit – nicht so tun, als wäre alles in Ordnung, wenn frau eigentlich auf dem Zahnfleisch geht.

Du beschreibst in Blog und Buch sehr persönliche Dinge. Nicht allen in deinem Umfeld kann das gefallen. Wie gehst Du mit Kritik um?

Das ist mir tatsächlich völlig wumpe, solange meine Kinder nicht unter dem leiden, was ich so von mir gebe. Denn ich weiß ja, dass ich nur 10% dessen erzähle, was ich könnte. Es ist wie bei einem Eisberg: man denkt vielleicht, der sei extrem groß. Aber de facto sind 90% nicht sichtbar und unter Wasser.

Liebe Christine, danke für das Gespräch und Kompliment für Dein Buch!

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3 Kommentare

  • Reply Susanne 21. März 2016 at 9:37 pm

    Es ist sicher ein Unterschied zwischen echten Alleinerziehenden und den mit häufig abwesendem Vater Erziehenden. Ich frage mich, ob nicht sowieso ein Großteil der Alleinerziehenden gar nicht wirklich allein, sondern nur getrennt, oder eben überwiegend erzieht. Wenn es nämlich noch einen Vater gibt, der z.B. jedes zweite Wochenende und einen Tag in der Woche die Kinder/das Kind bei sich hat, ist die Mutter doch eigentlich auch nicht allein erziehend. Liebe Grüße, Susanne

  • Reply Pauline 24. März 2016 at 2:36 pm

    So ist es! Da stimme ich Susanne vollkommen zu. Das muss dringend mehr differenziert werden im allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs. Es gibt Getrennterziehend und Alleinerziehend. Und die Unterschiede sind für die Betroffenen enorm!

  • Reply Judith Lübke 28. März 2016 at 12:13 pm

    Meine Erfahrung ist da sehr anders:
    Faktisch habe ich unsere Tochter (7 Jahre) ihre ganze Lebenszeit allein erzogen, da ihr Vater immer 100 km entfernt gewohnt hat und ich allein mit ihr mein Studium durchgezogen habe.
    Als wir uns dann trennten als unsere Tochter 3 Jahre alt war, brach von 1 auf die andere Sekunde die emotionale Unterstützung weg. Plötzlich gab es kein „Gefäß“ keinen Rahmen mehr der noch als Rückhalt dagewesen wäre sondern ich stand völlig allein da. Das ist ein essentieller Unterschied wobei sich in der äußeren Lebenssituation nicht viel änderte außer das unsere Tochter jedes 2. We allein zu ihrem Papa fuhr und ich die so hoch gelobte zeit für mich hatte. Das gemeinsame Gefäß war aber weg.

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