Erfahrungen

Die gute deutsche Mutter backt selbst

8. Februar 2012


Die gute deutsche Mutter backt ihren Kuchen selbst. Dieses Dogma ist so fest verankert wie der Teigschaber im Hefeteig. Veranstaltungen im Kindergarten, wo Mütter ihre Erzeugnisse präsentieren können, entpuppen sich dann oft als ein Hauen und (Aus-) Stechen um den Titel “Beste (backende) Mutter”. So geschehen in unserem Kindergarten letzte Woche. In meiner unglaublichen Naivität dachte ich, ich könnte für dieses eher zwanglose Zusammentreffen einfach einen gekauften Kuchen aus meiner bevorzugten Grossbäckerei-Kette mitbringen. Ich habe also meine schön anzusehende Käsetorte neben die schon vorhandenen Käsespiesse und Partywürstchen platziert. In diesem Arrangement sah die Torte ziemlich gut aus. Bis das Alpha-Tier kam.


Die backende Alpha-Mama

Eine Mutter erschien mit einem exorbitanten Blech goldenen, luftigen Kokoskuchens, noch warm aus dem Ofen. Die anderen Mütter umschwärmten die Kuchen-Mutter sofort wie Wespen den Pflaumenkuchen.
“Ahhh”, “Ohh”, “Ach wie toll Du das wieder gemacht hast”. Die Back-Leitwölfin sonnte sich in ihrem Ruhm. Das Kuchenessen nahm seinen Lauf, alle probierten vom reichhaltigen Buffett.
Aus dem Augenwinkel beobachtete ich nervös, wie die Alpha-Bäckerin meine Käsetorte probiert: “Von wem ist die denn?”
Kalter Schweiss breitet sich auf meiner Stirn aus, jetzt bloss ganz souverän bleiben.
“Von mir”, sage ich mutig, warum?”
“Der schmeckt total gut, kann ich das Rezept haben?”
Ich gab freimütig zu: “Ach, der ist gekauft, kann man aber auch essen, oder?”
Das war leider ein Kapitalfehler. Die Anführerin der Backenden liess sich gar nicht erst zu einem Kommentar herab. Eine andere Selbstbackerin übertönte plötzlich Mütter und Kinder:” Waaaaaas, Du backst nicht selber?”

Soziale Ausgrenzung durch gekauften Kuchen

Den Rest des Nachmittages habe ich mich mit den Partywürstchen und Käsespiessen unterhalten. Aber ich habe daraus gelernt, denn wer will schon sozial geächtet sein? Meine Resozialisierungsstrategie für den nächsten Kaffeeklatsch geht folgendermassen: Im Biomarkt habe ich eine Dinkel-Muffin-Mischung gefunden, die täuschend echt nach Selbstgebackenem schmeckt. In den Teig gebe ich einzelne ganze Dinkelkörner. Warum? Wenn die Heimback-Guerilleros beim nächsten Kindergartentreffen dann verwundert auf den Körnern herum beissen, wird meine gewiefte Erklärung sein: “Ach entschuldigt bitte, meine Getreidemühle ist etwas altersschwach. Ich schrote natürlich zu Hause, Ihr etwa nicht?!”

Foto: Josef Türk/pixelio

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15 Kommentare

  • Reply Marlene´s Mom 8. Februar 2012 at 10:10 am

    Ach wunderbar, sie sind einfach überall, diese Terrormuttis.
    Ich hatte kurz Hoffnung, dass das mit dem Eintritt in die Kita aufhört, dass ich mich mit denen beschäftigen muss, aber anscheinend nicht….
    Dann berichte mal von der nächsten Kuchen-Präsentation!

  • Reply Nadine 8. Februar 2012 at 10:53 am

    Super! Danke für diesen Lacher am Morgen. Nächstes Mal bitte Limonade aus Zitronen aus dem eigenen Gewächshaus dazureichen. Sauer macht schließlich lustig!

  • Reply fraumutter 8. Februar 2012 at 11:41 am

    Aber gerne, wozu wohnt man denn am Stadtrand, da ziehe ich dann bald auch Obst und Gemüse….

  • Reply @drikkes 8. Februar 2012 at 2:50 pm

    “Waaaaaas”, Sie geben auch nur einen Pfifferling auf die Meinung von Leuten, die wirklich “selber” statt “selbst” sagen?

  • Reply fraumutter 8. Februar 2012 at 4:41 pm

    mhhh….offensichtlich…leider…schon. Aber ich arbeite daran, es nicht mehr zu tun…

  • Reply desperateworkingmum 9. Februar 2012 at 3:09 pm

    Ich habe versucht, die Kindergartenzeit nach dem Motto “ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert” zu verbringen. Die Kuchen wurden von meinen Au-Pair-Mädchen gebacken, die mich manchmal sogar bei Bastelevents vertreten haben. Ein Selbstbackversuch endete wegen psychischer Überlastung der Backenden beihnahe in einer Ehekrise und wurde daher nicht wiederholt.
    Bin gespannt auf weitere Berichte von der Mütterfront, die sich wohl in den letzten zehn Jahren wenig verändert hat!

  • Reply fraumutter 9. Februar 2012 at 5:14 pm

    Ich glaube, ich muss auch raus aus dieser Back-Kiste. “Sorry, hatte keine Zeit zu backen, habe so lange Lidschattenfarben ausgesucht” wäre doch auch mal eine knackige Antwort. Ich übe und werde weiter berichten

  • Reply Mette 9. Februar 2012 at 9:24 pm

    Ich habe ein anderes Vorgehen: ich genieße die Sachen, die gut schmecken (zB den Kokoskuchen) und lobe bei Bedarf die Bäckerin. Wenn’s mir passt backe ich auch etwas. Zum Beispiel wenn ich frei habe. Wenn es mir nicht passt, zum Beispiel, wenn ich arbeite und nur etwas abgeben soll, dann steuere ich einen Business-Beitrag hinzu. Zum Beispiel: Mini-Frikadellen. Rezept: Mini-Frikadellen und Petersilie kaufen. Mini-Frikadellenpackung öffnen. Frikadellen in einen Pappteller, den ich mit Alufolie ummantelt habe, geben. Mit Petersilie dekorieren. Der Alu-Pappteller hat den großen Vorteil, dass er nach der Party (also wenn ich schon im Büro bin) einfach entsorgt werden kann. So muss ich nicht am nächsten Tag nach meiner Meißen-Zwiebelmuster-Schüssel hinterherforschen.

  • Reply fraumutter 10. Februar 2012 at 5:10 am

    Guter Tipp, Alu verschönert wahrscheinlich auch gekauften Kuchen. Und Meissen-ich bin beeindruckt…

  • Reply Ute Korb 10. Februar 2012 at 10:37 am

    http://www.amazon.de/Working-Mum-Allison-Pearson/dp/3499238284/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1328869996&sr=8-1
    Hier den Buchanfang lesen. Wirksamer Tipp, wie man aus gekauftem Gebäck selbstgemachtes vortäuscht. Und sich dabei wunderbar abreagiert.

  • Reply fraumutter 10. Februar 2012 at 12:42 pm

    Danke für den Tipp, kommt auf die Bücherliste!

  • Reply Frau_M 10. Februar 2012 at 7:08 pm

    Als es in unserem Kindergarten mal ein Buffet gab hab jemand sich getraut Cheeseburger und Pommes vom McD hinzulegen :-). Die Kids waren begeistert und darum geht es doch bei diesen Festen, oder? Ich hasse es wenn manche Mütter ihr Selbstbewusstsein aus solchen Events ziehen und sich in der Küche selbstverwirklichen müssen. Entweder mache ich es gerne, dann reibe ich es niemanden unter die Nase oder ich lasse es und das ist auch in Ordnung.

  • Reply Dizze 11. Februar 2012 at 10:09 am

    Herrlich <3
    Ich backe selbst, aber weil ich Spaß daran habe
    und nicht um jemanden runterzuputzen.
    Und wenn die Zeit nicht reicht dann backt halt die Bäckerei, was solls ?
    Aber die Kindergartenzeit kommt noch auf uns zu *lach* ich bin ja gespannt.

    Liebe Grüße

  • Reply Jokleo 14. Februar 2012 at 9:08 pm

    Frau Mutter! Mein Mann und ich lachen gerade Tränen, herrlich! Ich werde auch mal im bioladen vorbeischauen, der erste Geburtstag unseres Luke Skywalker steht an;-)

  • Reply Mina 23. Juli 2019 at 12:51 am

    Einfach dazu stehen 😉
    Am meisten knicken die Köpfe ab, wenn du sagst, dass du dich lieber mit deinen Kindern hinsetzt und bastelst als am Ofen zu stehen und Kuchen zu backen. Mein Gott 😀
    Ich persönlich backe super gerne aber ich würde niemals auf jemanden hinab blicken, der es damit nicht so hat. Jede Mutter weiß doch was der Alltag mit Kindern bringt. Und es auch mit einem gekauften Kuchen leichter zu machen, ist nun echt keine Straftat es ist nur Kuchen…

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