Gastbeiträge

Soll ich kinderlosen Menschen Familie empfehlen?

1. November 2017

Zwischen kinderlosen Menschen und Eltern scheint es oft unüberwindbare Grenzen zu geben. Das Leben als Familie und das (selbstgewählte) Leben ohne Kinder-warum ist es eigentlich so schwer, den jeweils anderen Lebensentwurf zu akzeptieren? Bei Gastautorin Sandy verläuft der „Graben“ mitten durch die eigene Familie und sie fragt sich, ob sie ihrer Schwester überhaupt Familie empfehlen soll und gibt ganz ehrlich zu, dass sie sich manchmal nach der „Leichtigkeit des Seins“ bevor die Kinder da waren, sehnt….

Kreiseln zwischen Klo, Küche und Kindern… warum tun wir uns das eigentlich an?

Meine jüngere Schwester ist neuerdings der Meinung, dass ihr die Lust aufs Kinderkriegen vergangen sei, seit ich welche habe. Letztens sagte sie mir: „Ich will keine Kinder.“ Dabei sind meine Sprösslinge gar nicht schwieriger als andere und sie besteht freiwillig auf regelmäßige Besuche. Aber die Tante ist nach ein paar Stunden Babysitting ebenso froh den quengelnden Säugling, das fordernde Kleinkind und die hysterische Schwester (also mich) wieder verlassen zu können. Letzteres kann ich nachvollziehen, ich würde auch nicht mit einem nervlichen Wrack (also mir) zusammen sein wollen.

Stattdessen möchte meine Schwester die Energie, Zeit und Nerven, die man als Eltern in seine Kinder steckt, lieber in ihr eigenes Leben investieren. Kann ich nachvollziehen, habe ich bis ich Anfang Dreißig selbst noch reglos gefragt „Und nun?“ wenn mir eine Freundin ihr Baby auf den Schoß setzte. Ich konnte mit Kindern einfach nichts anfangen. Damals habe ich behauptet, es laufe etwas grundlegend falsch, wenn man beim Beine rasieren in der Badewanne denkt: „Was für ein Luxus!“ Heute bin ich zufrieden, wenn ich mir zehn Fußnägel ohne Unterbrechung schneiden kann. Es kommt mir manchmal immer noch absurd vor, dass ich (gerade ich!) zwei Kinder habe.

Bis 30 konnte ich mit Kindern nichts anfangen

Viele Eltern die ich kenne, reagieren auf kinderlose Lebensentwürfe mittlerweile mit Kopfschütteln: „Wie egoistisch!“ Aber ich bin sicher, die Hälfte von ihnen sagt das nur, um die Political Correctness zu wahren. Ich jedenfalls müsste lügen, würde ich behaupten, mich nicht manchmal nach dieser unverbindlichen Leichtigkeit des Seins zurückzusehnen. Gelegentlich spiele ich sogar mit dem Gedanken mal eben Zigaretten holen zu gehen… Nein, nicht ernsthaft, Schatz. Aber ich frage mich schon, welchen Lebensweg ich ohne Nachwuchs eingeschlagen hätte, wenn ich mich mal wieder zwischen Klo, Küche und Kindern im Kreis drehe.

Ich will keine Kinder

„Warum soll ich mir das antun?!“ Auf die Frage, die sich heute meiner Schwester stellt, antworten Eltern überwiegend, es seien die kleinen, unscheinbaren Momente, die den Wahnsinn mit Kind wieder aufwiegen. Was soll ich sagen? Sie haben zweifelsfrei Recht. Als mein Sohn mir zum ersten Mal „Ich Dich lieb Mama!“ sagte. Als ich ihn fragte: „Möchtest Du ein Schokoladeneis haben?“ und er antwortete: „Nein, ein großes Eis!“ Oder als er seine erste Tanzaufführung in der Kita hatte, kamen mir vor Rührung und Stolz die Tränen.

Nur überzeugen diese besonderen Momente nur die jenigen, die sie nachvollziehen können, also bereits Eltern sind. Folglich kann man eigentlich nicht erklären, wie es sich anfühlt Kinder zu haben (zumindest nicht, ohne dabei abgedroschene Beschreibungen zu verwenden, wie „ein Ankommen, pures Glück, in sich selber ruhen, bedingungslose Liebe…“) und es erst begreifen, wenn man selber welche hat. Ein Dilemma.

Kinder kriegen ist toll, aber…

Selbstverständlich wird meine Schwester so oder so, mit oder ohne Kinder, ein gleichermaßen ausgefülltes Leben führen. Klar wäre es toll, wenn sie in die Zukunft schauen könnte und wüsste, welche Weggabelung sie zu nehmen hat. Aber auch ich kann ihr nicht sagen, welche Entscheidungen die richtigen sind oder was sie später mal bereuen wird. Mit einer Ausnahme. Daher lautet meine Antwort auf ihre Frage „Warum soll ich mir das antun?“ ganz einfach: „Weil Du die Entscheidung FÜR Kinder nie und nimmer bereuen wirst, dafür lege ich meine Hand ins Feuer!“ Und so hege ich weiterhin die Hoffnung, dass auch ich eines Tages noch Tante werde. Gar nicht für mich, sondern für meine Schwester.

Foto: Unsplash/Joseph Pearson

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