Gastbeiträge

So kämpfen wir täglich: Kinderarmut mitten in Europa

16. Mai 2017

Kinderarmut ist für viele von uns nur ein Zeitungsartikel. Etwas, was den anderen passiert. Wer in Wohlstand und oder nur einfach finanzieller Sicherheit lebt, kann sich die große Not, die viele Familien mitten in Europa immer noch haben, nicht vorstellen. Ich bin dankbar dafür, dass mein Blog mir auch immer wieder die Augen öffnen kann. So erfuhr ich auch von der Situation meiner Leserin Chris aus Linz, die hier schon mal einen tollen Beitrag zum Thema Helfen im Haushalt geschrieben hat.

Der Moment, in dem ich zusammenbrach

Diesmal erwischt es mich eiskalt. Ich fahre gerade heim, von der Arbeit. Nach einem 12-Stunden Dienst und einer anschließenden Besprechung, meinte die hiesige Verkehrsgesellschaft, es wären Gleisarbeiten angesagt und Schienenersatzverkehr. Nun gut, bleibt eh nichts, ich werde wohl sehr spät heimkommen. Ich sitze in der Straßenbahn und sehe ein Plakat, eine Ankündigung für ein Konzert meiner Lieblingsband. Ich fange an zu heuhlen, hemmungslos, vor allen Leuten. Neben mir steht eine Frau und spricht auf mich ein. Ich verstehe sie nicht. Keine Ahnung woher sie kommt, aber es rührt mich, dass sie meine Tränen sieht, obwohl sie nicht mal weiß warum.

WAS bringt denn MICH, die alles schafft, die alles kann, die niemals nicht aufgibt, zum Weinen?

Ein Konzert, in der Stadt, wo ich lebe. Und ich kann nicht hin. Ich weine nicht allein um das Konzert, ich weine um mich, um mein Leben, um das Leben meiner Kinder. Um die vielen Dinge, die ich ihnen gerne ermöglicht hätte, es aber nicht ging, es war nicht drin. Dabei habe ich mehr Problem als meine Kinder damit!

Badewasser für alle, nicht heizen und der „Müll“ anderer Leute

Eine Badewanne voll Wasser muss für 4 Kinder reichen. Holz zum Heizen können wir nicht kaufen, ich hole in meiner Freizeit alte Paletten von Firmen, die ich schneide. Ich bin im Sommer fast Selbstversorger. Im Winter hole ich von einem Supermarkt altes Obst und Gemüse, natürlich für die Tiere. (Wenn sie wüssten das wir auch davon essen, würde ich es nicht bekommen.)

Auch lebten wir mehr als ein Jahr lang sehr gut von dem „Müll“ eines anderen Supermarktes, bis der beschloss, den Müll einzusperren. Warmes Wasser ist für mich ein Luxus. Und Klassenfahrten bringen mich an den Rand des Wahnsinns.

Wenn Brot zum Luxus wird. Man sich über eine warme Dusche freut. Oder Käse. Natürlich bekommen die Kinder mit, dass es diesen Monat wieder mal mehr als knapp ist. Und sicher auch noch die nächsten drei Monate, denn es zieht sich, wenn Rechnungen nicht bezahlt werden können. Wenn der 5. Des Monats ist, rechne ich mir schon aus, wann das nächste Geld kommt. Weil es einfach nicht reicht. Wenn man vertrösten muss, das die Hose, die Schuhe warten müssen. Nicht Schuhe um 100 Euro. Sondern Schuhe die 20 Euro kosten.

Ja ich habe vier Kinder. Und ich habe gern vier Kinder. Ich zog auch immer die Konsequenzen daraus, und bin immer arbeiten gegangen, sobald ich meine Babys abgestillt hatte. Rabenmutter, geht arbeiten…
Nein, keine Rabenmutter. Ich ging nachts arbeiten. Dann, wenn meine Kleinen schliefen. Lange Jahre bei der Post, in einem Verteilzentrum. In einer Küche und sogar bei einer Sexhotline war ich angestellt. Es folgte der Wachdienst mit den langen und kalten Nächten. Ich habe jahrelang nicht sehr viel geschlafen. Oft wirklich in einer Woche weniger, als andere eben in einer Nacht.

Und das alles, um es meinen Kindern gut gehen zu lassen. Gut gehen? Nun sie hatten Essen auf dem Tisch und Schuhe und Kleidung. Es gab zu Weihnachten ein Geschenk für jeden, auf das ich monatelang hinsparte  und im Nikolaussackerl war ein kleiner Nikolaus und ein Überraschungsei.

Keine Hilfe und schlaflose, verzweifelte Nächte

Es ist einfach echt KACKE; ohne Großeltern, ohne Verwandte. Und doch habe ich mit den Kindern, als sie eben kleiner waren, noch sehr viel Kreatives gemacht und wir waren sehr viel unterwegs, haben viel unternommen und Spaß gehabt.Gut, dass der Wald gratis ist!

Der Mann arbeitet ja auch…..Nun, als er ein Jahr krank war, und das sehr schwer, bekamen wir auch nichts. Ist halt so. Wenn man immer für sich selber gesorgt hat, warum solls jetzt ein anderer machen?

Meine Probleme kamen ja immer erst nachts, wenn ich dann überlegte, wie ich vier Klassenfahrten bezahle, wie das Osteressen, die nächsten Schuhe, oder eine neue Hose für eines der Kinder. Dann kam immer die Verzweiflung, die Panik: Schaffe ich das? Haben meine Schätze nichts besseres verdient?

Wie das alles bezahlen? Mein Mann und ich gingen immer arbeiten. Und trotzdem laufe ich mit Lumpen herum, tausendmal geflickt. Friseur? Schuhe? Ist mir nicht so wichtig… (oder nur eine andere Übersetzung, für ist nicht leistbar!) Oder eben das Konzert, was mich an dem Abend in der Straßenbahn so umhaut.

Wie sollen wir es bis zum Ende des Monats schaffen?

Es ist Mai. Mit noch genau 90 Euro auf Konto. Und mit dem Wissen, meine Schüler brauchen neue Shirts und Hosen.

Und ich sitze hier, schreibe diese Zeilen und frage mich, was ich falsch gemacht habe. Das Geld reicht nicht zum Leben. Nicht zum Überleben. Förderungen. Ja, aber sie gehen ja eh arbeiten? Haben ein Haus ? (das der Bank gehört und billiger ist als eine Wohnung!) Ein Auto! (ohne Auto keine Paletten, also keine warme Stube und kein Warmwasser. Auch im Sommer heize ich ein, um warmes Wasser zu haben. Mit einer Heizungsanlage, aus den frühen 1980er Jahren.) Jedes Jahr hoffe und bete und bange ich, dass sie noch ein Jahr hält.

Dann treibt es mir wieder Tränen vor Freude und Rührung in die Augen, wenn die Kinder mir erzählen was wir alles gemacht haben, wie viel Spaß wir hatten, und was sie alles angestellt haben und das dank Haus und Garten möglich war!

Und dann ist man doch sehr glücklich, wenn die vier Rabauken, die ich mehr liebe als mein Leben, mir dann sagen: „Aber wir haben ja Dich, Mama!“

Vielleicht wollt Ihr ja Chris etwas sagen? Wir freuen uns über Feedback!

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15 Kommentare

  • Reply Gartenbuddelei 16. Mai 2017 at 12:33 pm

    Liebe Chris,
    jetzt grübele ich schon den ganzen Vormittag darüber nach, was ich zu diesem absolut ehrlichen und aufrüttelnden Beitrag schreiben soll. Einfallen will mir eigentlich nichts, was sich nicht völlig unpassend anhört. Außerdem steckt mir mein eigenes schlechtes Gewissen wie ein Kloß im Hals … denn worüber beschwere ich mich eigentlich in meinem zufriedenen und sorglosen Leben? Und weil mir auch jetzt nichts wirklich Passendes einfallen will, bleibt mir nur, Danke zu sagen, dass Du uns so schonungslos darauf aufmerksam machst, wie dankbar wir jeden Tag sein müssen, wenn wir nicht ständig über das nächste Essen, die Miete oder die neuen Schuhe fürs Kind nachdenken müssen… Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles erdenklich Gute – haltet zusammen, Ihr seid eine tolle Familie! Liebe Grüße
    Anja

  • Reply Simona 16. Mai 2017 at 8:07 pm

    Liebe Chris
    Ich bin genauso aufgewachsen, wie du beschreibst. Nur waren wir 8 Kinder, meine Mutter alleinerziehend und die Väter abwesend. Wir hatten keinen guten Ruf – nein, was kann schon anständiges aus diesen Kindern werden? Oft nichts zu Essen, kein WC Papier (das ist Luxus), sondern Zeitungspapier, das man aneinander rieb. Keine Zahnpasta, Salz müsste es auch tun. Hatte ich Zahnschmerzen, getraute ich es nicht zu sagen, da ich meine Mutter nicht finanziell belasten wollte. Manchmal schwarz Zug gefahren, wenn das Geld nicht reichte. Und es war mir so peinlich, als ich erwischt wurde, hatte lange ein schlechtes Gewissen. Nun, was ist aus mir geworden? Ich habe eine Lehre gemacht und auf dem dritten Bildunsweg Wirtschaft studiert. Ich hatte den Ansporn, meinen Kinder ein besseres Leben zu ermöglichen, was mir durch harte Arbeit und viel Segen gelungen ist. Meinen Kindern mangelt es an nichts, ich finde sie sogar teilweise verwöhnt. Sie können sich nie so über ein Stück Käse oder ein Weihnachtsgeschenk freuen wie deine Kinder. Viele Kinder kennen es nicht anders und wissen viele Dinge nicht mehr zu schätzen, was oft zu Unzufriedenheit führt. Es mag makaber klingen, aber viele Arme sind glücklicher als die, die viel haben. Ich kenne beide Seiten, mit sämtlichen Vor- und Nachteilen. Lieber wenig haben und zufrieden als viel zu besitzen und unzufrieden sein. Ich möchte dir die Konzert Tickets für dich und deinen Mann schenken. Wie kann ich das arrangieren bzw. an wen kann ich mich wenden?
    Liebe Grüsse und viel Mut, Simona

  • Reply Sofia 16. Mai 2017 at 8:31 pm

    Ich bin so erschüttert und gerührt zugleich. Du machst einen wahnsinnig guten Job, jeden Tag. Du liebst deine Kinder und das wissen und spüren sie und nur das zählt.
    Ich bin auch alleine mit zwei kleinen Jungs und hadere oft mit mir ob alles so gut ist wie es ist.
    Aber ja, es ist gut. Und besser geht immer auch bei denen die scheinbar alles haben.
    Wie alt sind deine Kinder? Mein kleiner wird 3 und alles was wir nicht mehr brauchen an Klamotten und Schuhen und Spielzeug kannst du gerne haben.
    Melde dich gerne wenn ich irgendwie helfen kann. Alles erdenklich Gute für euch, Sofia

  • Reply Nina Rohmeder 16. Mai 2017 at 9:05 pm

    Liebe Chris, die richtigen Worte finde ich auch nicht, aber was ich dir sagen will: Danke für deinen Mut das hier öffentlich zu schreiben und mal zu zeigen, dass es wirklich Armut gibt in unserem reichen Land. ich bewundere zutiefst deine Kraft und deine große Liebe, du bist eine tolle Frau und Mutter! Und ich würde euch auch gerne etwas zukommen lassen. Vielleicht kann Frau Mutter uns da weiter helfen?
    Sei lieb umarmt
    Nina

  • Reply Anita 17. Mai 2017 at 5:09 am

    Liebe Chris, auch ich würde dich gerne unterstützen. Wie alt sind deine Kinder? Vielleicht kann Frau Mutter den Kontakt herstellen? LG Anita

    • Reply Katrin 18. Mai 2017 at 10:35 am

      Liebe Chris,

      ich hatte auch fragen wollen, ob Du ggf. Interesse an gebrauchten Kindersachen hast – da käme es dann auf das Alter an, ich hätte Sachen bis Gr. 104 abzugeben, das ist natürlich nicht so groß. Falls es passt, würde ich aber gerne ein Päckchen nach Österreich schicken. Viele Grüße, Katrin

    • Reply Frau Mutter 22. Mai 2017 at 2:42 pm

      Liebe Anita, Du kannst mir gerne eine Mail schreiben. Ich leite das Hilfsangebot gerne weiter. lg nina

  • Reply Klaudia 17. Mai 2017 at 5:52 am

    Liebe Chris,

    Das wirklich schlimme an unserer Überflussgesellschaft ist, das in vielen anderen Familien Dinge nicht mehr gebraucht werden, die Ihr und andere Familien nötig habt. Kleidung, Spielzeug, Schulbedarf. Das Leben wäre viel einfacher, wenn diese Sachen „kreiseln“ könnten. Ich bin sicher, wenn es jemanden gibt der die Organisation übernimmt, würde ganz viel zusammenkommen das Euch über Monate hilft und erstmal Luft zum durchatmen schafft. Gibt es so eine Möglichkeit?

  • Reply Katrin 17. Mai 2017 at 8:13 am

    Hallo Chris,
    vielleicht gibt es bei euch ja auch sowas wie Foodsharing?
    Bei uns in der Nähe gibt es einen Fairtailer, wo man 2-3x die Woche Unmengen an Obst, Gemüse und auch Reste von Mensen und Bäckereien abholen kann.
    Der Mann holt im Rahmen von Foodsharing Lebensmittel von Supermärkten usw ab, damit nicht so viele Lebensmittel verschwendet werden und verteilt sie an jeden, der Interesse hat.

    Wenn man die entsprechende Zeit hat, kann man das auch selbst machen und an andere verteilen, aber vielleicht habt ihr ja einen Fairteiler in der Nähe, dann müsstest du einfach hingehen und die was aussuchen. 🙂

    Liebe Grüße und viel Kraft!
    Katrin

  • Reply Ortrud 17. Mai 2017 at 10:31 am

    Selbst wenn ALG II oder Wohngeld / Kinderschlag wenig sind, frage ich mich, ob diese Familie nicht Anspruch auch ergänzendes ALG oder Wohngeld / Kinderzuschlag (und dann auch Unterstützung durch Bildung und Teilhabe) hat, denn die Schilderung ist sehr drastisch und scheint mir drastischer als die Situationen, die ich kenne, in denen diese Mittel erhalten werden.

    • Reply Ortrud 17. Mai 2017 at 4:59 pm

      Ich habe jetzt erst gemerkt, dass die Familie in Linz lebt. Wie die Situation in Österreich ist, weiß ich nicht.

  • Reply Britt 17. Mai 2017 at 11:46 am

    Ich musste kurz schlucken… so viele Dinge sind für uns selbstverständlich. Wir sind nicht reich,dennoch geht es uns gut. Ich würde gern etwas helfen und unterstützen- wie kann ich den Kontakt aufnehmen?! Ganz liebe Grüße

  • Reply Eltern sind keine Bittsteller: Gegen die Erhöhung unserer Kindergartengebühren - Heute ist Musik 17. Mai 2017 at 5:09 pm

    […] Höhe getrieben. Hier eine Quelle des Tagesspiegels, die dies bestätigt. Lesen Sie außerdem den rührenden Bericht einer vierfachen Mutter aus Österreich, ein Land wie das unsere. Sie kämpft täglich gegen die […]

  • Reply Diana Schlößin 18. Mai 2017 at 2:47 pm

    Hallo Chris,
    danke, dass Du das mit uns geteilt hast. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich eine totale Versagerin bin, weil es uns so ähnlich geht wie Euch. Wir haben auch vier Kinder und jeder Monat ist knapp. Wenn ich mal was für mich kaufe habe ich ewig ein schlechtes Gewissen, auch wenn es „nur“ über Ebay ist. Rücklagen haben wir keine und kleinste Sonderausgaben bringen mich an den Rand der Verzweiflung. Dabei sind wir nicht einmal Hartz IV-Empfänger. Wir sind knapp drüber. Wir haben einen Garten gepachtet in dem wir Essen anbauen, ich habe nähen gelernt und wir reparieren Sachen. Mein Mann geht arbeiten und ich bin selbstständig, weil mich ohnehin niemand einstellen wollte. Weil wir auch niemanden hatten, hätten wir (mit Essen) 800€ Kitagebühren zahlen müssen. Da hat es sich nicht gelohnt zu arbeiten. Es wäre alles sofort dafür draufgegangen.
    Natürlich mache ich in meinem „Unternehmen“ fast alles selbst, denn auch da hängt es am Geld.

    Wenn ich Deine Zeilen so lese, denke ich, dass ich vielleicht gar nicht das Problem bin, sondern das System in dem wir leben. Danke, dass Du das mit uns geteilt hast. Ich kann Dir vielleicht nicht mit materiellen Dingen helfen, aber ich werde für Euch beten.
    Alles Liebe,
    Diana

  • Reply chris 20. Mai 2017 at 11:54 am

    Die Kommentare hier berühren mich sehr. Ich denke auch immer, ich habe etwas falsche gemacht…..Weil sich alles irgendwie nicht ausgeht. Und kaum denkt man dann, es läuft irgendwie, würgt einem das Leben wieder eine rein….
    Ich lebe in Österreich und sehr gerne hier.
    Aber wir sind ein Erbland. Wenn man nichts erbt, so hat man nichts. Mit arbeiten wird man nicht reich…(ausser man geht in die Politik 😉
    Und das Manko das ich habe, ich kann nicht jammern. Und ich bin eine Anpackerin. Und will andere mit mir nicht belasten (meine Kindheit….) Ich versuche alles soweit es geht selber zu machen und mich selber zu erhalten, denn der Gedanke : anderen geht es sicher noch schlimmer….. ist in mir drin.

    Ich habe mir den Bericht dann noch einmal, sozusagen aus der *Ferne* gelesen, und war dann auch sehr betroffen über meine eigenen Worte, da alles so ist, manches oft schlimmer, als ich es rüberkommen lasse.
    So außen vor betrachtet eben….versteht ihr was ich meine?

    Vielen Dank für Eure Worte und Gebete, ich kann es echt brauchen.

    Vielen vielen lieben Dank.

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