Gastbeiträge

Meine spanisch-deutsche Großfamilie: Kulturclash zwischen Preußen und Andalusien

23. Mai 2017

Meine liebe Praktikantin Maria hat einen spanischen Mann und die drei Kinder wachsen mit zwei Kulturen und Sprachen auf. Wann immer sie ihre Großfamilie in Andalusien besuchenm, wird ihr immer wieder klar, wie unterschiedlich die Kulturen sind, gerade auch, die Erziehungsauffassungen beider Länder. Sie berichtet uns heute von diesen kleinen uns größeren Kulturclashes. Viel Spaß dabei!

Mein Partner ist Spanier. Unsere Kinder sind Halbspanier, unsere halbe Familie ist spanisch. Wenn ich sage spanisch, dann meine ich andalusisch, sie kommen aus der wunderschönen Flamencostadt Jerez de la Frontera, ganz im Süden Andalusiens, voll von Traditionen und Bräuchen, die es in Deutschland so nicht gibt, in etwa so liberal wie ein erzkatholisches Dorf im tiefsten Bayern.

Obwohl sowohl Spanien als auch Deutschland dem westlichen Kulturkreis zuzuordnen sind, gibt es natürlich Kulturunterschiede, gerade auch was das sensible Thema Kindererziehung angeht. Omas wissen ja sowieso oft alles besser, spanische Omas unterscheiden sich da kaum von ihren deutschen „Artgenossinen“ – nur, dass sie vielleicht noch mehr Temperament haben.

Ein Mädchen ohne Ohrlöcher: Geht gar nicht!

Es fängt gleich nach der Geburt des Kindes an. Ist es Junge, gibt es erst einmal noch keine wirklichen Unterschiede, ist es aber ein Mädchen, bekommt es gleich sobald Mama und Baby aus dem Krankenhaus entlassen wurden Ohrlöcher verpasst! Als ich mit meiner ersten, damals zwei Monate alten Tochter nach Spanien kam, hörte ich überall (sogar an der Supermarktkasse und im Bus!) ein erstauntes „Aber die Kleine hat ja noch gar keine Ohrringe!!“ Früher nahmen die werdenden Mamas die ersten Ohrringe für das Baby sogar gleich in der Kliniktasche mit ins Krankenhaus, sie waren ein fester Bestandteil der Erstausstattung. Oft stach der Arzt sie dem Baby dann sogar gleich nach der Geburt. Die einzige Erklärung, die ich dafür mal gehört habe, ist die, dass der Teufel sie dann verschont (ab der Taufe kann der ihnen dann eh nix mehr!), denn der mag angeblich nur unversehrte Babys – warum die Jungs dann nicht wenigstens auch gleich wenigstens ein Ohrloch gestochen bekamen, konnte mir allerdings niemand erklären…

spanisch-deutsche Großfamilie

Petersilienstängel im Po oder: Geliebte Ammenmärchen

Die Spanier, gerade die aus einer andalusischen Kleinstadt, schwören oft noch auf Ammenmärchen, glauben zum Beispiel fest daran, dass man kleinen Jungs den Kopf rasieren müsse, um einen dicken Haarwuchs zu generieren. (Bei Mädchen reicht komischerweise Spitzenschneiden aus.) Bei Verstopfung schwören sie ganz auf natürliche Hausmittel: ich habe es selbst erlebt, wie sie meinem kleinen Neffen vorsichtig einen in Olivenöl getränkten Petersilienstängel in den Popo einführten…. Weh tat es ihm nicht, sie waren ja ganz vorsichtig, aber gebracht hat´s (kaum zu glauben!) auch nichts…
Kurz bevor dieser Neffe dann zwei Jahre alt wurde, bekamen die Eltern von seinem Kindergarten die Anweisung, ihn ab seinem 2. Geburtstag natürlich nur noch ohne Windeln gehen zu lassen. Als sie mir das erzählten, war ich schockiert! Geht man doch in Deutschland ganz anders mit diesem Thema um: die Kinder sollen hier FRÜHESTENS ab zwei Jahren damit beginnen, sich an die Toilette, oder erst einmal ans Töpfchen, zu gewöhnen, aber alles ohne Druck und auch nur wenn das Kleine auch von alleine Interesse an dem Thema zeigt. Mein Sohn war damals 2,5 und trug noch Windeln, und die spanischen Omas schüttelten die Köpfe.

Es gibt nur heiß oder kalt

Worüber ich nur den Kopf schütteln kann, ist, wie einem immer entweder extrem kalt oder extrem warm sein kann. Die Andalusier kennen da kein Mittelding: bei einer Temperatur unter 25 Grad im Schatten fassen sie die in Kleidchen steckenden Kinderbeinchen meiner Mädchen an, überlegen kurz und kramen von irgendeiner Nichte/ Cousine/ Enkelin/ Urenkelin Strumpfhosen/ Hosen / Leggins oder Ähnliches hervor und ziehen es den verstört wirkenden Kindern über, mit den erklärenden Worten „Hace mucho friiioooo!“ („Es ist sehr kalt!“). Ab einer Temperatur über 25 Grad im Schatten passiert das Gegenteil: sie ziehen die Kinder aus, manchmal nur den Sonnenhut, manchmal alles bis auf die Windel. Dann lauten die anklagenden Worte in meine Richtung: „Hace calor!!“ („Es ist heiß!“)

Muy importante: Sich schick machen!

Mein Partner lebt schon sehr lange in Deutschland, fühlt sich nach eigener Aussage in vielen Dingen mehr deutsch als spanisch. Wir diskutieren hier in unserem Berliner Alltag also fast gar nicht über das Thema, nur in einem Punkt ist er der spanischen Tradition ganz treu geblieben:  die Kleidung! Selbst zu einem Elternabend geht er in Anzug und Krawatte, was mir schon fast unangenehm ist – gerade weil wir dann oft gefragt werden, zu welcher Veranstaltung wir denn danach noch hin müssen. Unsere Kinder kann ich ihm auch nicht schick genug anziehen. Wenn ich der Meinung bin, sie seien jetzt wirklich top gestylt, ist es für ihn nicht einmal ansatzweise perfekt. Allerdings finde ich, ganz deutsch eben, dass die Spanier da schon ziemlich übertreiben. Warum müssen denn die Kinder selbst zum Supermarkt in Sonntagskleidchen und mit Schleife im Haar gehen? Wo in Deutschland die Devise bei Kinderbekleidung lautet: Hauptsache praktisch und bequem, gilt in Spanien mehr ist mehr, bzw. schicker ist schicker. Auch gebadet werden die Kinder dort JEDEN Tag. Mit speziell parfümierter Kinderseife natürlich, danach werden sie mit speziellem Kinderparfüm eingesprüht. Säureschutzmantel – was ist das?

Bio….qué?

Mehr ist mehr gilt in Spanien auch für Verpackungen! Gerade was Produkte für Kinder angeht: alles ist quietschbunt designt und „kindgerecht“ verpackt. Je mehr Verpackung desto besser. Statt einer wiederbefüllbaren Trinkflasche aus hochwertigem fairtrade Kunststoff für unterwegs kaufen die Spanier lieber Trinkpäckchen – auch wenn sie die gar nicht unterwegs trinken wollen, sondern zu Hause (spart vielleicht Spülmittel) – in Deutschland geht der Trend ja gerade zum Gegenteil hin: alles Bio, am besten direkt beim Kauf in die eigens dafür mitgebrachten Behälter einfüllen lassen.

Die spanisch-deutsche Großfamilie mit ….noch mehr Leuten

Letzten Sommer hatten wir Besuch aus Spanien: kurz nach unserem Umzug in eine 4-Zimmer-Wohnung kündigte sich die Familie aus Spanien an: Onkel, Tante und Neffe unserer Kinder. Gut, die kriegen wir schon irgendwie unter, müssen wir eben etwas zusammenrücken. Dummerweise hatte der Onkel dann auch noch die tolle Spontanidee -ohne uns zu fragen- seinen besten Kumpel, dessen Frau und die kleine Tochter miteinzuladen. Einmal Berlin für alle!! Die gehören ja auch fast mit zur Familie, und zur Familie kann man nun mal nicht nein sagen – schon gar nicht in España. Da waren wir dann halt 2 Wochen lang zu elft in unserer neuen Wohnung…
Es klappte allerdings erstaunlich gut, nur darüber, dass die Kinder auch hier in unserer Berliner Wohnung aufbleiben durften bis ihnen die Augen irgendwann morgens um 2:00 von alleine zu fielen, war gewöhnungsbedürftig. Von Spanien her kenne ich es zwar nicht anders, aber dort ist es meist warm, die Kinder können draußen spielen, es verteilt sich mehr und – hey, andere Länder, andere Sitten, oder?! Nach Berlin passt es aber definitiv nicht, schon gar nicht wenn ich am nächsten Tag arbeiten muss und sie alle bis morgens im Wohnzimmer rumtoben und nur mit „Dibujitos“ ruhigzustellen sind.

Das sind Zeichentrickserien für Kinder (allerdings von miesester Qualität, wie ich finde). Sind die Kinder in Spanien unruhig, oder besser ausgedrückt selbst kurz vor der spanichen Belastungsgrenze unruhig, kommt sofort von jemandem die Aufforderung: „Mach ihnen die Dibujitos an!“ – dann ist ganz egal, wer davor etwas geguckt hat, es wird einfach umgeschaltet. Die Kinder gehen da eben vor! Dass es im deutschen Fernsehen nachts um 1:00 kein Kinderprogramm mehr zu finden gab, kam ihnen da echt spanisch vor!…

Liebe Maria, das klingt nach einem aufregenden Familienleben! Wer mehr von Maria lesen möchte, kann dies auf ihrem Blog Westendmum tun.

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