Gastbeiträge

Hilfe, meine Tochter ist in der Pubertät und ich in den Wechseljahren!

9. September 2016

Pubertät: ein Angstwort für mich! Ich kann mich nämlich noch gut an meine eigene erinnern! #Augenroll #wtf. Bei meinem Sohn kündigt sich so langsam die Vor-Pubertät an, aber eigentlich ist noch alles im grünen Bereich. Meine Kolumnistin Sandra schreibt heute darüber, wie sie als Mutter in den Wechseljahren die Pubertät ihrer Tochter empfindet. Zwischen Emotion, Aggression und ganz viel Liebe. Viel Spaß beim Lesen!

Pubertät und Wechseljahre kommen zusammen: OMG

Zeit mit meiner pubertierenden Tochter zu verbringen, ist ein bisschen so wie zwei Finger ganz tief in die Steckdose zu stecken. Ständig unter Strom, alle Emotionen auf 220 Volt, um das 10fache potenziert. Im positiven wie im negativen. Als sie elf ist, kommt sie aus der Schule und – romms – knallt die Tür. Auf meine freundliche Nachfrage, ob alles in Ordnung sei, werde ich angebrüllt: LASS MICH IN RUHE!!!

Ich versuche es mit Autorität und drohe Konsequenzen an, wenn sie mich a) nochmal so anbrüllt und b) die Tür nochmal knallt. Ich kann mich gerade noch aus dem Zimmer retten, bevor sie handgreiflich wird. Erst später erfahre ich, dass sie Stress mit einer Klassenkameradin hat, die, Zitat: „heftig über ihre Grenze getreten ist“ und damit auch nicht aufhört. Und mein Kind gesteht unter dem einmal angekurbelten Tränenfluss, wie sehr es selbst unter den eigenen „Aggros“ leidet. Ich leide mit ihr! Im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich stehe am anderen Ende der Hormonschleife – ich habe erste Ankündigungen von Wechseljahren mit Stimmungsschwankungen vom Allerfeinsten. Aggros? Kenne ich! Heulkrämpfe? Allererste Sahne. Dazwischen gibt es nicht viel.

Die Kügelchen helfen auch bei Pubertät!

Nächste Situation: Sie geht an den Kühlschrank, nimmt sich Remoulade aus selbigem. Ich frage: „Was willst du damit?“ Eine offensive Frage augenscheinlich, denn meine Tochter stellt das Glas zurück, knallt die Kühlschranktür zu und stapft mit den Worten „Dann eben nicht!“ in ihr Zimmer, wo auch wieder die Tür knallt. Gespräch beendet. Ich tätige einen Emergency-Anruf bei meinem Homöopathen. Was bei mir die Hormone bändigt, hilft meinem Kindelein bestimmt auch. Und tatsächlich: Pulsatilla hält in der heftigsten Umbruchphase wenigstens die Aggressionen meiner Tochter im Zaum und man könnte sie fast zugänglich nennen. Eine Dauerlösung ist das aber nicht.

pubertaet sandra

Ich will es besser machen als meine eigene Mutter

Ich versuche mich an meine Pubertät zu erinnern, aber da sind mir nur drei Gefühle wirklich präsent geblieben: Einsamkeit, Unverstandensein und … Langeweile! Und dass meine Eltern sich ja soooo selbst bemitleidet haben mit ihrer total unnormal reagierenden, pubertären Tochter. Ich ertappe mich dabei, dass ich mir manchmal auch ganz schön leid tue, wenn mein von Hormonen gebeuteltes Kind mich persönlich angreift. STOP! Ich will auf keinen Fall so eine Mutter sein. Ich will mein Kind verstehen und dass es sich auf keinen Fall einsam fühlt. Nur habe ich nicht die leiseste Ahnung, wie!

Ich brauche mehr Informationen. Am besten von Betroffenen! Mein Patenkind, sie ist süße 20, erinnert sich noch lebhaft an die heftige Zeit der Pubertät, wie ich in einem unverfänglichen Telefonat erfahre. Keine Kontrolle über die eigenen Gefühle zu haben und nicht zu wissen, wer man eigentlich ist, war für sie das Schlimmste. Aha!

Kann Jesper Juul helfen?

Nächste Station ist ein Buchladen, wo ich sogleich den Bestseller von Jesper Juul in die Hand gedrückt bekomme. Schon beim Klappentext bin ich begeistert von meinem Kauf. Für Herrn Juul ist die Pubertät nämlich die Chance, die Eltern-Kind-Beziehung auf einen neuen Level zu heben. Soso! Ich lerne, dass ein Pubertierender das ständige Bedürfnis nach Aufgaben hat, um sein Selbstbewusstsein zu entwickeln. Herr Jul spricht von Integration, kleinen Verantwortungen, die den Jugendlichen übertragen werden sollen, gerne auch im Haushalt. Das kommt mir gerade recht, ich könnte da sowieso mehr Hilfe gebrauchen.
Ich fordere meine Große also auf, den Tisch zu decken, was mit einem empörten „Ey Alter, wieso ich?“ quittiert wird. Haushalt scheint also kein gutes Integrationsterrain herzugeben. Schade eigentlich! Nächster Versuch: Mein Mann und ich führen einen Schwesternabend ein, an dem die Große auf unsere Kleine aufpasst. Was am Anfang noch in handfesten Streits und Geschrei zwischen den Schwestern ausartet, erfüllt auf Dauer aber seinen Zweck und hat den angenehmen Nebeneffekt eines regelmäßigen kinderlosen Abends für uns Eltern.

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Teilhaben am Leben des Teenagers

Gleichzeitig versuche ich ein bisschen mehr Teil zu nehmen an der Gedankenwelt und den Interessen meiner Tochter. Ich lese Bücher, die sie mag, auch wenn Fantasyromane jetzt nicht zu meiner Standardlektüre gehören und World of Warcraft eher einen Fluchtreflex bei mir auslöst. Aber das Engagement zahlt sich aus, denn nicht nur meine Große freut sich wie ein König, wenn ich mit ihr über die besten Stellen debattiere, sondern ich auch. Mich immer wieder in ihre Situation einzudenken und Verständnis für ihre Umbruchphase zu entwickeln, hilft mir ungemein, nichts persönlich zu nehmen (DIE Überlebensregel für Eltern von Pubertierenden).

Wir sind jetzt im vierten Jahr der Pubertät und ich habe nicht nur über meine Tochter, sondern auch über mich verdammt viel gelernt. Ich habe mich an Bindenverpackungsfolien an meinen Fliesen in Toilettennähe ebenso gewöhnt, wie an den sekündlichen Wechsel zwischen „unzugänglich, zu Tode betrübt“ und „reflektiert, zu Himmel hoch jauchzend, geradezu liebevoll“.

Ich finde, wir machen unsere Sache hier ganz gut – sie in ihrer ersten und ich in meiner zweiten Pubertät.

Fotos: Nr. 1 zeigt die Bloggerin an einem ganz tollen Tag in ihrer Pubertät, Nr 2. die Gastautorin.

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