Gastbeiträge

Ein Weihnachten in meiner Kindheit

23. Dezember 2016

Früher war alles besser? Nö, früher war auch Chaos unterm Weihnachtsbaum! Vielleicht ist dieser Text ja eine Anregung, sich mal vom Perfektionismus zu verabschieden. In diesen Tagen besinnen wir uns, was wirklich wichtig ist. Mit unseren Familien und Freunden schöne, unbeschwerte Festtage zu verbringen. Gerade jetzt, weil Bange machen gilt nicht. Viel Spaß beim Beitrag meiner Kolumnistin Sandra.

Dieses Jahr wünsche ich mir einen Barbie-Camper. Ich habe das Ding bei meiner Freundin gesehen. Pink! Gelb! Und Glitzer! Und mir war klar: Den muss ich haben. Für Vorfreude bleibt aber wenig Zeit, denn schon seit Wochen stellen meine Eltern die ganze Wohnung auf den Kopf. Wir bekommen nämlich Gäste aus der Schweiz (die haben sogar ein eigenes Chalet, jaha!). Und meine Mutter meint, wir müssten jetzt renovieren- und wir Kinder dabei helfen. Tapeten abreißen, Tapeten kleistern und anreichen. Lästig. Aber was soll´s – solange der Camper dabei herausspringt …

Der grösste Wunsch ist ein Barbie-Camper

Nach Renovierung und Umgestaltung der Küche inklusive neuer Essgruppe startet Mama den alljährlichen Engel- und Weihnachtsmannaufmarsch. Ich kann gerade noch verhindern, dass die auch in mein Zimmer einfallen. Denn da ist dieses Jahr kein Platz mehr, weil Papa sein Weihnachtsgeschenk für Mama da verstecken will: … ein Fahrrad!
Ich versteh nicht, wie er allen Ernstes glauben kann, dass Mama das da nicht findet. Und ich teile mein Reich auch nicht gerne mit einem hoch geheimen Drahtesel. Aber was tut man nicht alles für einen Barbie-Camper!

Mama hat natürlich ab sofort Zimmerverbot und ich fühle mich persönlich verantwortlich für das Geschenk. Mit meiner Freundin gucke ich mir das Ding erstmal ganz genau an. Klar, dass wir das Teil auch probefahren müssen, ich will ja nicht, dass Papa irgendwelchen Schrott verschenkt. Fahren geht aber in meinem Zimmer nicht, also wird es eher ein Probesitzen.

Wenn Geschenke schon vorher kaputt gehen….

Ich wippe ein bisschen auf dem Sattel und gerade als meine Freundin sich auf den Gepäckträger schwingt, kracht es unter uns und der Drahtesel wirft uns ab. Der Ständer ist abgebrochen. Ich heule: „Papa flippt aus, wenn er das sieht!“ Doch da kommt mir die rettende Idee! Wir werden das kaputte Teil mit Pattex kleben, denn Papa sagt: Pattex klebt alles! Wir entdecken, dass der Kleber super riecht und man daraus lustige Knödel rollen kann, wenn es trocknet. Wir sind auch ziemlich albern jetzt und da macht es fast gar nichts, dass Pattex das wahrscheinlich nicht zusammenhalten kann.

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Staat machen mit einem teuren Baum

Den Baum holen wir schon zwei Wochen vor Weihnachten, sonst lohnt sich so ein teurer Baum ja gar nicht, sagt Mama. Schließlich kostet unser Baum ein halbes Vermögen, denn für den lieben Herrn Jesus und unsere Chalet besitzenden Freunde ist uns nichts zu teuer!

Endlich ist das Fest der Liebe da und gleich nach dem Frühstück geht der Rummel in der Küche los. Papa und ich müssen Mama bei den Vorbereitungen für das 5-Gänge-Menü helfen. Mama ist so hektisch, dass sie nur an Papa rumnörgelt, und der mosert zurück. Als er dann noch meint, sie solle froh sein, dass er überhaupt hilft, poltert Mama los, wenn Papa nicht hilft, kann er sich sein Weihnachtsgeschenk auch gleich in den Allerwertesten schieben.

Sie würde das bestimmt nicht von ihm verlangen, wenn sie wüsste, dass er ihr ein Fahrrad schenkt. Bei dem Theater hab ich jetzt schon keinen Bock mehr auf Weihnachten. Obwohl, wenn ich den Camper bekomme …

Der Barbie-Camper ist braun!

Als Erstes bescheren wir. Ich bekomme ein großes Paket von meinen Eltern. Das muss er sein! Während ich mit dem Geschenkpapier kämpfe, freut Mama sich unmenschlich über das Fahrrad, das Papa sich jetzt wieder aus dem Hintern gezogen hat. Alle sind wieder total glücklich inklusive mir, denn meine Wünsche sind offensichtlich erhört worden.
Endlich habe ich den Karton freigelegt, doch was ich sehe, lässt meinen Blick gefrieren. Ja, es ist ein Camper, aber er ist … kackbraun! Was zum Teufel soll das sein, ein Transporter für Wald-Affen? Wieso ist mein schicker Barbie-Camper nicht pink und gelb mit einem Glitzerbarbiegesicht auf der Seite wie der von meiner Freundin? Auf meine verständnislose Frage, murmelt Mama was von „… ausverkauft, gab nur Big Jim“ und rennt gleich wieder in die Küche.

Big Jim? Ich koche vor Wut. Ich versuche meine Lieblingsbarbie Pink & Pretty in das Fahrerhaus zu quetschen. Nicht nur dass der Camper scheußlich aussieht, meine Barbies passen auch nicht rein, weil Big Jim nämlich im echten Leben ein Wurzelsepp von 1,50 m wäre und meine schlanken Barbies ihn locker um einen Kopf überragen würden.

Ich ziehe eine unübersehbare Flunsch, bis wir endlich am neuen, mit Essen und Adventskranz überladenen Küchentisch sitzen. Mama rutscht beim Auftragen des Hauptgangs die Soßenschüssel aus der Hand. Ein riesiger Blubb wie aus der Iglo-Rahmspinatwerbung löst sich aus selbiger und gluckst in Zeitlupe und mit lautem Platsch in die dunkelbraune Bratensoße zurück. Die Soße spritzt durch die frisch renovierte Küche. Der Papa wird ganz grau im Gesicht, als er die neue, jetzt braun gepunktete Tapete sieht, Mama wird ganz rot, weil auch die Oberbekleidung unserer Schweizer Gäste jetzt braune Soßenflecken zieren. Und ich lache zum ersten Mal seit der enttäuschenden Bescherung.

Was für eine Bescherung!

Alle springen auf, Mama steckt die Oberhemden der anwesenden Herren flux in die Waschmaschine und leiht ihrer Freundin eine Bluse. Als wir zurück in die Küche kommen, hören wir ein gemütliches Knistern und Mamas Freundin sagt: „Ich wußte gar nicht, dass es in Mietswohnungen auch Kamine gibt.“ Worauf Mama antwortet: „Wir haben gar keinen Kamin!“. Erst jetzt sehen wir, dass der Adventskranz in hellen Flammen steht, die bereits die Tischdecke versengen. Mama kreischt, Papa rennt in die Küche und kippt seine volle Biertulpe über dem Kranz aus, weil nichts anderes greifbar ist. Der Kranz brennt immer noch und schließlich reißt Papa das Fenster auf und schmeißt den Kranz raus auf die Straße, wo er nach wenigen Minuten endlich ausglüht.

Nicht nur dank des handtellergroßen Brandflecks auf dem Esstisch werden wir dieses Weihnachten wohl so schnell nicht vergessen.

Sandra S Kolumne Foto

Sandra S., 40, lebt mit Mann und Töchtern in Kiel. Sie dreht “ehe-technisch” bereits die zweite Runde, wirkt oft bei Poetryslams mit und schreibt außerdem Kurzgeschichten. Wenn sie nicht gerade textet, das Meer oder ihre Familie genießt, singt sie mit Leidenschaft und Inbrunst. Bei Frau Mutter ist sie die Expertin für die Liebe oder was das ist, “wenn Mama und Papa sich ganz doll lieb haben.”

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1 Kommentar

  • Reply Chrisw 25. Januar 2017 at 4:31 pm

    Oh ja, ich war letztens zu Besuch bei meiner Tante und sie hatte erst neulich eine Küchenrenovierung hinter sich gebracht. Mein Cousin hat beim Abendessen, was in der Küche stattfand, versehentlich eine Schweinerei angerichtet und man kann sich vorstellen wie meine Tante reagiert haben könnte. Falsch! Sie war ganz entspannt und war nur am Lachen. Wäre es meine Küche, da weis ich nicht wie ich reagiert hätte, aber wo ich mir sicher bin: ganz bestimmt nicht so!

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