Gastbeiträge

Bei der Paartherapie: Du oder die Spülmaschine!

29. November 2016

Paartherapie ist schon lange kein Tabu mehr, und das ist auch sehr gut so. Warum sollte man sich auch nicht für die wichtigste Sache im Leben, die Liebe, mal coachen lassen? Meine Gastautorin Sandra, die hier öfters über Liebe schreibt, hat das ausprobiert und erzählt uns heute davon. Viel Spaß bei ihrem witzig-ehrlichen Bericht!

Wir trauen uns zur Paartherapie

Wir trauen uns. Nein, nicht beim Standesamt, sondern die Hilfe eines Beziehungscoaches in Anspruch zu nehmen. Als ich meinem Mann das erste Mal den Vorschlag mache, einen Eheberater aufzusuchen, ist er fassungslos. Ob ich unsere Ehe denn schon jetzt für so marode halte, dass eine Paartherapie her muss? Seitdem vermeide ich das Wort Eheberater und nenne es Beziehungscoach, was seine Bereitschaft, dorthin zu gehen, um satte 50 Prozent erhöht hat. Dennoch hat es länger als ein Jahr gedauert, bis auch mein Mann der Meinung ist, dass wir uns alleine an manchen Situationen die Zähne ausbeißen, ohne je auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, und uns da etwas Hilfe gut zu Gesicht stünde.

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Es liegt immer am anderen, finden beide

Ich habe mir in Kiel den perfekten Coach herausgesucht, der nicht nur Doktor der Psychologie ist, sondern auch spirituelle, emotionale und körperliche Aspekte einfließen lässt. Die eierlegende Wollmilchsau also. Aber eigentlich erwarte ich von dem Coach nur eins: dass er meinem Mann mal so richtig sagt, woran er zu arbeiten hat. Denn meiner Wahrnehmung nach liegt ein  Mammutanteil unserer Schwierigkeiten natürlich an meinem unreflektiert agierenden Gatten. Ganz so einfach wird es dann aber doch nicht. Der Coach fragt, warum wir bei ihm sind. Ich hole sehr weit aus, erkläre und bringe Beispiele, mein Mann antwortet schlicht: wegen meiner Frau. Na toll.
Der Coach schmunzelt und erklärt uns, dass eine Beziehung die spannendste Reise ist, die wir Menschen unternehmen können, wenn wir uns auf das, was uns der Partner bietet, vorbehaltlos, grundehrlich und vertrauensvoll einlassen. Mein Herz jubelt und ich habe Wasserhochstand unter den Augäpfeln. Ja genau, ich will mich einlassen, so ganz und gar, ohne Maske, ohne Schutzpanzer und ich will, dass mein Mann das auch tut. Und es sieht ganz so aus, als würde er das auch wollen. So gehen wir nach der ersten Sitzung also erleichtert und einträchtig nach Hause …

Streitgrund Geschirrspüler!

Die zweite Sitzung holt uns schnell auf den Teppich der Tatsachen zurück. Wir haben eine konkrete Situation mitgebracht. Die – spannungserzeugender Tusch ertönt – GESCHIRRSPÜLERSITUATION!

Mein Mann räumt jeden Morgen den Geschirrspüler aus – nett von ihm. Weniger nett ist, dass er die Reste, die gelegentlich noch an den Messern kleben, nicht mit einem Glitzischwamm beseitigt, bevor er sie in die Schublade wirft. Mein Mann hält mich jetzt geschlagene sieben Jahre mit Ausflüchten hin, wie: „Ich hab morgens immer kleine Augen, da sehe ich sowas nicht“ oder „das ist eine krasse Verhaltensänderung, die braucht Zeit“ oder mein Lieblingssatz in der konfliktvermeidenden Kommunikation: „Warum kratzt du die Reste nicht weg, wenn du sie siehst?“

Allein vom Erzählen werde ich schon schrecklich wütend, vor allem als der Coach meine schillernden Ausführungen bereits nach drei Sätzen unterbricht mit der Frage, wie sich das anfühlt, wenn mein Mann die Messer nicht sauber macht. Ich bin verwirrt. Wie jetzt? Keine Analyse des Problems und Entwicklung von Vermeidungsstrategien fürs nächste Mal? Mein Ego schreit nach Gerechtigkeit, mein Mann soll sein Päckchen bekommen und einsehen, dass sein Verhalten unter aller Kanone ist!

Und dann geht es ans Eingemachte….

Aber unser Coach erklärt, es gehe ums Innehalten und in sich hineinspüren, was unter der Oberfläche wabert. Und da kommen dann recht unschöne, alte und vor allem schmerzhafte Gefühle zutage wie: Ich fühle mich ungeliebt, nicht beachtet, nicht wertgeschätzt etc., weil mein Mann meinem lächerlichen Wunsch nach sauberen Messern nicht nachkommt.

Es ist immer dasselbe Schema, ganz gleich ob es um den Geschirrspüler, Strassenschuhe im Badezimmer oder die Wahl des Fernsehprogramms geht. Die Auslöser sind banal, die Abläufe darunter viel tiefer und schmerzhafter. Und sie haben mit der reellen Situation zu 90 Prozent gar nichts zu tun, sondern haben ihre Ursache vielmehr in unserer Vergangenheit.

Als ich meinem Mann also erzähle, dass ich mich in meinen Wünschen nicht geachtet, ja unsichtbar fühle, ist er überrascht. Im Gegenzug erklärt er, dass er unerträglichen Druck empfindet, alle meine Bedürfnisse zu erfüllen, und es womöglich nicht schafft. Ich bin baff! Ich will doch keinen Bedürfniserfüller! Aber auch wenn ich das meinem Mann erkläre, ändert es an seinem Gefühl rein gar nichts, weil es wie gesagt, nicht das Geringste mit mir oder der Geschirrspülersituation zu tun hat. Verzwickt.

Die Spülmaschine darf bleiben

Wir lernen, dass es darum geht, was wir brauchen, um wieder in die Nähe zueinander zu kommen und uns in der Beziehung sicher zu fühlen. Jaaa, jubelt es da wieder in mir. Mein Herz will gar keine Gerechtigkeit, keine Bedürfniserfüllung, es will Nähe, Liebe, Sicherheit. Und zwar eine Sicherheit, die auf dem banalen Wissen beruht, dass mein Mann da ist. Egal, ob ich die nickelige Alte bin, der saubere Messer unfassbar wichtig sind, oder die Granate im Bett. Die kraulbedürftige, anhängliche Schmusekatze oder die gestresste Organisatorin des Familienunternehmens, die dann auch mal durchs Haus schreit – eben immer und vor allem dann, wenn ich mich gerade selber doof finde.

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Schonungslose Ehrlichkeit und den Mut dafür finden

Ich will, dass da einer ist, der mich noch sehen kann, wenn ich mich schon im Regen stehen lassen habe. Der einfach DA ist. Diesen wohltuenden Schlüsselsatz lässt der Coach meinen Mann jetzt sagen: Ich bin da! Du bist nicht allein damit! Was mein Ego als müde Floskel abtut, erzeugt jedoch eine entspannende Wirkung. Und siehe da, die dreckigen Messer in der Schublade interessieren mich nicht mehr die Bohne.

Wir nehmen diesen Satz mit nach Hause und üben ihn einzusetzen, nicht nur bei unseren Problemen, sondern auch sehr erfolgreich bei unseren Kindern.

Mit jeder Stunde beim Coach lernen wir uns dem anderen mehr zu zeigen, und zwar mit kategorischer Ehrlichkeit. Doch es ist sauschwer und erfordert verdammt viel Mut. Den habe ich meinem Mann bewiesen und mein Mann mir. Und das hat uns untrennbar miteinander verbunden (es dürfen Taschentücher gezückt werden, liebe Leser!) und eine Nähe erzeugt, die ich mir nicht mal in meinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können.

Und ein wunderbarer Nebeneffekt dieser Nähe ist, dass sie unmittelbar das Bedürfnis nach körperlicher Nähe nach sich zieht…

Sandra S Kolumne Foto

Sandra S., 40, lebt mit Mann und Töchtern in Kiel. Sie dreht “ehe-technisch” bereits die zweite Runde, wirkt oft bei Poetryslams mit und schreibt außerdem Kurzgeschichten. Wenn sie nicht gerade textet, das Meer oder ihre Familie genießt, singt sie mit Leidenschaft und Inbrunst. Bei Frau Mutter ist sie die Expertin für die körperliche Liebe oder was das ist, “wenn Mama und Papa sich ganz doll lieb haben.”

 

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3 Kommentare

  • Reply MeKa 30. November 2016 at 10:51 am

    Spitzen Artikel, genau so ist es, die Autorin bringt das ganz simpel auf den Punkt. Danke!

  • Reply Mamamullle 30. November 2016 at 9:44 pm

    Danke für diesen interessanten Artikel!

  • Reply NeLuMum 30. November 2016 at 10:53 pm

    Ich musste so oft schmunzeln Wirklich toller Artikel mit viel Humor und einem wichtigen Thema ❤️

    Danke!

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