Familiengeschichten

Lernen ohne Schule oder: Ich will zurück in die Ferien

21. September 2016
rechenschwäche bei Kindern

Lernen ohne Schule und vor allem Notenstress, ist das möglich? Ja, im Urlaub! Wenn ich etwas in den gerade vergangenen Sommerferien gelernt habe, ist es das. Es stecken so viele, ungeahnte Talente in unseren Kindern. Dinge, die man gar nicht mit Noten beziffern kann. Stärken meines Sohnes oder meiner Tochter, die ich einfach nur bewundere und für die ich nicht meine Gene verantwortlich machen kann. Leider.

Lernen ohne Schule und Gipfel stürmen

“Mama, Mama, ganz da oben war ich!” Sebastian deutet mit dem Zeigefinger auf einen gefährlich steilen Berggipfel, der im blauen österreichischem Himmel an die weißen Wölkchen kratzt. Ich bekomme Schnappatmung und genehmige mir erstmal eine dieser zuckerknirschenden, beim Wandern aber unausweichlichen “Manner-Schnitten”, um mich zu beruhigen. Der Bergführer, mit dem die Wanderung bestritten wurde, nickt anerkennend. “Der Bua kann dös.” Ja, offenbar. Ich blicke auf mein Kind, das mit Bergführer und Vater auf 2,215 Meter gekraxelt ist. Und das alles in neon-farbenenen Fussballschuhen, mit denen er sonst im Berliner Flachland herumbolzt.

bergweg

Unermüdlich, völlig angstfrei, nicht ein einziges Mal quengelnd. Auch die Langeweile, die ja oft in den Ferien (zu Hause) aufkommt- wie weggeblasen. Und das alles, obwohl die Haselnuss-Waffeln am Ende der Wanderung aus waren. Von mir hat er das nicht. In unserem Berliner Alltag ist es sonst auch recht beschwerlich für ihn, die Treppe im Haus zu erklimmen, um etwas Vergessenes zu holen. Oder habe ich ihn nur unterschätzt?

Hier im Urlaub ist alles anders und so herrlich analog: Gipfel werden im Galopp erklommen, Schluchten furchtlos erkundet, eiskalte Bergseen durchschwommen. Wir geniessen die gemeinsame Zeit. Schule? Alltag? Ganz weit weg! Wie erfreuen uns an und mit unseren Kindern und an all dem, was sie lernen und erreichen.

Was sind schon Noten, wenn man den Mut hat auf Berge zu steigen?

Offenbar kann man doch ganz gut auch ohne Mathe-Textaufgaben, Englisch-Vokabeln und Schönschrift etwas lernen, besonders über sich selbst und über seine Stärken und Talente. Für mich als Mutter „mein schönstes Ferienerlebnis“ überhaupt. Zu sehen, wie mein Kind realisiert, dass er etwas richtig gut kann. Freude, Stolz und Anerkennung für sein Können zu verspüren, das steht in keinem Lehrbuch. Und ist es eigentlich so wichtig, noch eine Zwei im Sachkunde-Test zu haben, wenn man Mut beweist und Ausdauer und „einfach mal so“ an einem Nachmittag zwei Gipfelkreuze im Wanderbuch abhaken kann?

lernen-ohne-noten

Am letzten Ferientag heften wir ihm die “Bad Gasteiner Wandernadel in Bronze” an sein T-Shirt, die er sich mit seinen gesammelten Gipfelpunkten erwandert hat. Das Abzeichen verströmt offenbar auch auf der Heimfahrt magische Kräfte, denn mein Sohn ist das entspannteste Familienmitglied im endlos langen Stau zwischen Salzburg und München. Und zu Hause? Da warten wieder Stundenpläne, tägliches Herumgehetze und die ersten Klassenarbeiten.

Wie rette ich als Mutter dieses wunderbare Feriengefühl herüber? Vielleicht kraxeln wir zwei einfach mal den Kreuzberg rauf, denken uns die restlichen 2,000 Meter hinzu und basteln uns eine „Berliner Wandernadel in silber“ selbst…..

Diesen Text habe ich für DER TAGESSPIEGEL geschrieben

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1 Kommentar

  • Reply Julia Ludwig 11. Oktober 2016 at 7:46 am

    Das hast du wirklich wundervoll geschrieben 🙂
    Unser Sohn ist erst 1,5 Jahre alt und das Thema „Schule“ noch weit weg, doch wir machen uns auch schon Gedanken, auf welche Schule er später gehen soll (Ist das nicht verrückt?!).
    Ich bin als Kind in eine ganz normale Schule mit genervten Lehrern gegangen und war da von den Noten her echt gut. Kaum ging es zum Gymnasium, flogen nur die 4en und 5en so um mich herum. Auch hier hasste die Mehrzahl der Lehrer ihren Job und die Menschen, die sie unterrichten sollten. Es gab ein paar Lichtblicke, die einen durchhalten ließen.
    Und genau deshalb wollen wir, dass unser Sohn eine Schule besucht, in der er sich aussuchen kann, was er am Tag lernen möchte. Denn leider gibt es in Deutschland noch die Schulpflicht und Kinder müssen zur Schule und müssen Dinge lernen, für die sie sich (momentan noch) nicht interessieren. Und etwas zu lernen, was man langweilig findet oder unnütz, bringt rein gar nichts. Man lernt es auswendig und vergisst es nach der Klassenarbeit wieder. Was hat man daraus gelernt?
    Jedenfalls vielen Dank für deinen Text. Er zeigt mir mal wieder, wie wichtig das freie Lernen für uns und für unsere Kinder ist.
    Julia

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