Familiengeschichten

Duzen? Siezen? Suzen! Schwierigkeiten mit der Etiquette

7. Juli 2015

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Als wir in unser Haus einzogen und uns den Nachbarn vorstellten, habe ich das Paar erst einmal gesiezt. Sie sind erkennbar älter, außerdem kannten wir uns ja gerade drei Minuten. Die Reaktion meiner Nachbarin war interessant: „Wollen wir uns denn nicht duzen, das ist doch komisch, so ein förmliches „Sie“. Ich bin die Heike und das ist der Wolfgang.“

Ich war etwas verstört. Nun kamen wir gerade aus Schweden wieder, wo man sogar den König duzt. Aber das hier war doch good old Germany. Und war nicht Wolfgang auch ein Herr Doktor? Hups, den Titel hatte ich auch vergessen.

Ich bin so aufgewachsen und erzogen worden, alle Erwachsenen erst einmal zu siezen. Aber nun, wo ich selbst eine Erwachsene bin und andere 40jährige treffe, bin ich oft total unsicher. Siezen wir uns jetzt, oder gleich du?

Duzen und Siezen je nach politischer Couleur

In meiner Kindheit wurde ausnahmslos gesiezt. Meine Mutter wäre zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, die Mutter meiner Freundin zu duzen. Ich duze alle Mütter aus der Klasse meines Sohnes. Aber würde ich dieselbe Frau auch, sagen wir mal, in einer Schlange beim Bäcker duzen? Wenn ich sie gar nicht kenne?

Kürzlich siezte mich eine Mutter im Kindergarten. „Au weia, entweder wirkst du total alt oder die kann dich echt nicht leiden“, schoss es mir da sofort durch den Kopf.
Das „Sie“ ist immer noch Ausdruck von Distanz und hat schon sowas Ü-40-mässiges, oder? Oder war sie einfach nur total respektvoll? Mhh, weiß nicht.

Bei einer Gartenparty von Wolfgang und Heike kürzlich duzte ich die beiden, siezte aber die anderen Gäste (deutlich über fünfzig, mir unbekannt). Und wieder: Total überraschte Mienen! „In Kreuzberg in der WG haben wir uns doch alle früher auch geduzt!“ Ja, okay, aber nun waren wir ja in Zehlendorf. Oder ist dieser Bezirk ein Kreuzberg für ältere Semester?

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Nach fünf Jahren in diesem Bezirk versuche ich also immer zunächst die politische Einstellung zu erraten. Gibt es Dinkel-Vorkommnisse im Haus? Eine Kreuzberger WG-Vergangenheit? Es darf geduzt werden! Siegelring, die Ahnen in Öl an der Wand? Lieber erst mal beim „Sie“ bleiben. Obwohl, das passt auch nicht immer so alles…

Die Kinder sind auch verwirrt

Für meine Kinder ist es auch nicht einfacher. Mein Sohn ist nun fast neun, aber begrüsst die Nachbarin jeden Tag fröhlich mit “ Hallo, Frau Böhning, darf ich heute zu Dir kommen und die Erdbeeren probieren?“

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Ich habe ihm schon oft erklärt, dass man Erwachsene immer siezen muss. Aber er sieht mich ja nun auch total uneinheitlich siezen und duzen. Wie erklärt man das einem Kind? Weder will ich ihn mit unnötigen Etiquette-Regeln überfrachten noch möchte ich, dass er unangenehm auffällt.

Ich versuche nun erst einmal, ihm den korrekten, kräftigen, deutschen Händedruck beizubringen. Ganz wichtig: in die Augen schauen nicht vergessen! Ein tiefer Diener ist auch sinnvoll zu üben. Die Queen kommt ja bestimmt mal wieder nach Berlin

Wie macht man das richtig? Wie macht Ihr das?

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14 Kommentare

  • Reply Anni 7. Juli 2015 at 6:58 am

    Super Artikel. Und sehr amüsant. Aus der Sicht meiner Kinder habe ich das noch nicht gesehen.

  • Reply Patricia 7. Juli 2015 at 7:41 am

    Ein tolles Thema, das DU (da ist es schon wieder…) da aufgreifst. Diese Frage beschäftigt mich auch regelmäßig. Also ich mache es so, dass ich Mütter (egal ob Schule, Spielplatz oder Sportverein) grundsätzlich duze.

    Andere Erwachsene, die ich nicht kenne, sieze ich. Ich finde es schrecklich wenn jemand im Baumarkt sagt: „Wo habt IHR denn die Schrauben?“

    Schwierig wird es, wenn mich die Mutter, die ich flüchtig vom Spielplatz kenne, plötzlich im Krankenhaus als Ärztin behandelt (ist mir kürzlich passiert),. Dann bleibt eigentlich nur meine „Schwiegermutter-Strategie“: Das geschickte Vermeiden von direkten Ansprachen („könnte ich mal…“, etc.). 😉

    Viele Grüße,

    Patricia

    http://www.moms-blog.de

  • Reply Xeniana 7. Juli 2015 at 8:00 am

    Ich gerate auch oft durcheinander. Ich arbeite in einer Elterniniative da wird geduzt. Im Rest des umfeldes frage ich einfach oft nach.

  • Reply Sophie 7. Juli 2015 at 8:33 am

    Super Thema! Mein Mann ist Englaender, spricht aber deutsch. Immer wenn wir in Deutschland sind, fragt er mich nach den Regeln und ich muss immer einraeumen, dass ich es auch nicht wirklich weiss 🙂

  • Reply Bine 7. Juli 2015 at 9:10 am

    Mich verwirrt das auch immer. Wir hatten neulich die gleiche Situation mit unseren neuen Nachbarn 🙂 Bis auf wenige Ausnahmen, sieze ich auch erst mal und werde oft schräg angesehen. Das ist wohl Erziehungssache, kommt ggf. auf den Beruf und den Typ an. Daher in ich oft unsicher, wenn ich euen Menschenhorden begegne. Z.B. beim Infoabend in der Kita haben wir alle gesiezt. Auf eine andere Idee wären mein Mann und ich gar nicht gekommen. Ist aber schon komisch, wenn ich mich mit Fau K. vorstelle und mein Gegenüber flötet „Hallo, ich bin die Uschi“. Nun ja. Vielleicht kapiere ich den neuen Knigge irgendwann 🙂

  • Reply Nina 7. Juli 2015 at 10:59 am

    Ich mag aus diesem Grunde ja das Hamburger Du.
    Es ist nur leider völlig aus der Mode gekommen.
    Doch es schlägt auf elegante Art und Weise die Brücke zwischen allzu nah dran und zu förmlich. Auch für Kinder. Und im Zweifelsfall hilft es, gerade auch auf der Arbeit wie ich finde, eine gewisse Rest-Höflichkeit beizubehalten.

    Also Vorname und „Sie“. „Marie, kommen Sie doch mal..“ „Marie, haben Sie die Datei geschickt?“ „Und wie war ihr Wochenene, Marie?“ usw.
    blöde Beispiele 😀

  • Reply Frau Mutter 7. Juli 2015 at 11:43 am

    Ich finde das auch alles verwirrend, aber die Schwiegermutter-Strategie, Patricia, finde ich auch super!
    Sophie: das einem Nicht-Deutschen zu erklären ist wahrscheinlich so schwierig wie Grammatik…

  • Reply Mic 7. Juli 2015 at 4:50 pm

    Ich denke, da hat sich viel auch durch das Internet und den Umgang damit verändert. Wir, die wir jetzt in den Vierzigern sind oder daran kratzen, haben unsere ersten Erfahrungen mit dem Netz, in dem immer und alles und jeder geduzt wird, vor so runden fünfzehn Jahren machen dürfen. Zumindest geht es mir und vielen meiner Bekannten so, dass gerade dadurch sich viel im Bereich du/sie verschoben hat.

    Als Kind war das für mich damals (TM) allerdings auch nicht leichter. Ich erinnere mich, dass ich bei Geburtstagen in der Familie meines Patenonkels auf Verwandtschaft von ihm traf, die teilweise deutlich älter als meine Eltern waren und die ich wirklich nur zwei- oder dreimal im Jahr sah. Da habe ich ewig nicht gewusst, wie ich die denn jetzt ansprechen soll. Und als ich sie dann siezte, ging das gleich in die Hosen. So nach dem Motto „wir kennen dich doch dein ganzes Leben und du uns doch auch“.

    Ich werde immer dann unsicher, wenn für mich nicht genau erkennbar ist, welches Verhältnis zwischen zwei Menschen besteht. Also ob sie wirklich befreundet sind und sich deswegen duzen, oder ob ich an zwei dieser alles-und-jeden Duzer geraten bin. Da lauert dann wieder das Fettnäpfchen …

    Was ich aber früh gelernt habe: wenn mich jemand duzt, dann duze ich zurück. Kaum zu glauben, aber Ende der 90er, als ich in meinem Job anfing, meinte mancher der Kollegen noch, er könne mich duzen und ich habe zu siezen. Nö, nicht mit mir. Wir sind ja schließlich damals schon nicht mehr im 18. Jahrhundert gewesen.

  • Reply Anja von der Kellerbande 7. Juli 2015 at 5:37 pm

    „Duzen, Siezen, altern oder diggern….“

    Das hatte ich mal auf einem T-Shirt gelesen. Mehr hier im Artikel:

    https://kellerbande.wordpress.com/2014/10/20/darf-ich-sie-siezen-duzen-altern-oder-diggern/

  • Reply Happy Boo 7. Juli 2015 at 7:17 pm

    Super thema,Ich finde den artikel echt toll!

  • Reply Frau Mutter 7. Juli 2015 at 8:24 pm

    Hallo Mic, ja das kenne ich auch noch. „Nina, kochen Sie bitte Kaffee.“ Und ich musste dann „Ja, gerne, Herr MüllerMeierSchmidt sagen.“Immerhin wurde ich gesiezt. War aber doch eher ein „Du“ irgendwie….LG Nina

  • Reply Biene 8. Juli 2015 at 5:34 am

    Ich weiß auch nie so recht, ob ich Leute in meinem Alter duzen oder siezen soll. Bei Älteren sieze ich, bei wesentlich Jüngeren duze ich.

    Und ich komme mir irgendwie auch immer unheimlich alt vor, wenn ich gesiezt werde (also von Leuten in meinem privaten Umfeld).

    Liebe Grüße, Biene

  • Reply Katarina 8. Juli 2015 at 9:19 am

    Ich „sieze“ auch prinzipiell erstmal alle Menschen die älter sind als ich und mit denen ich keine „Du“ Regelung habe.

  • Reply Christine 5. September 2016 at 12:12 pm

    Der Artikel hier ist zwar schon mehr als ein Jahr alt, wollte aber trotzdem meinen Senf dazu abgeben 😉
    Verwirrendes Durcheinander herrscht da nämlich auch bei mir…. Bin nach der Ausbildung und ein paar Arbeitsjahren wieder zurück in meine Heimat gezogen (Kleinstadt) und hab da in einer Apotheke gearbeitet und dann kommen Leute als Kunden rein, die man dann von der Schule vom Sehen her kannte und bei manchen wusste ich selbst da nicht, darf ich die jetzt Duzen oder muss ich die als Kunden Siezen, wenn die entweder so alt sind wie ich, bisschen älter oder jünger…. hab das dann auch einfach versucht zu umgehen 😀
    Oder da kamen die Nachbarn von meinen Eltern rein und als Kind hat man ja doch nicht viel mit denen zu tun gehabt, aber meine Eltern redeten die mit Vornamen an und sprachen auch von denen mit Vornamen… und was mach ich jetzt????
    Und jetzt mit Kind auf dem Spielplatz sind die Mütter, die ich vorher als Kunden bedient hatte, auch verwirrt wie sie mich ansprechen sollen, das spür ich 😀 Versuch die dann zu Duzen, damit es nicht unangenehm wird…
    Und dann gab es bei der neuen Stelle hier auch sone komische Mischgeschichte wie der alte Chef uns Mitarbeiter angesprochen hat…
    Die älteren Kolleginnen wurden gesiezt und mit Frau Soundso angesprochen (die sind auch jünger als der Chef)und eine meiner Kolleginnen und ich, die Mitte 20 waren wurden gesiezt und mit Vornamen angesprochen?! Warum? (Wahrscheinlich um uns zu zeigen, das wir die letzten in der Hierarchie sind, so haben wir uns tatsächlich auch gefühlt…)
    Das kannte ich von meinem 1. Chef, der um die 40 war direkt von Anfang an nicht, da wurde ich selbst in der Ausbildung mit 19 Jahren gesiezt und mit Nachnamen angesprochen, weil er das bei allen Mitarbeitern gemacht hat…
    Das hat mich, unter anderen vielen komischen Sachen;), am Anfang bei der neuen Stelle schon irgendwie genervt, dieses Unterschiede machen bei den Angestellten…
    So, das wollte ich schon immer mal irgendwo los werden 😀 😀 😀

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