Familiengeschichten

Die Kinder überholen uns oder: Eltern sind wie Alteisen

8. Februar 2017

Hilfe, die Kinder überholen uns! Größere Kinder zu haben ist schön. Aber damit einher geht eben auch dieses „Alteisen-Gefühl“. Unser Sohn und auch schon die Tochter brauchen uns einfach viel weniger. Richten Apps ein, während wir hilflos auf dem Handy herum tippen, sie wissen, das man jetzt sneakers ohne Socken trägt und lernen insgesamt sehr schnell. Mein Mann hat sich in unserem Skiurlaub letztens besonders alt und gebrechlich gefühlt. Ob das nun an den Kindern oder an seinem schon fortgeschrittenen Alter liegt, lest Ihr heute. Viel Spaß!

Früher war alles besser, denn: Wir wurden gebraucht!

Die bereits besungenen Goldenen Jahre bei den Kindern – keine Windeln mehr, Durchschlafen, Restaurantbesuche ohne Babybrei und Geschrei – auch bei den Eltern gibt es diese Phase. Ein Hauptmerkmal dabei ist, dass man beim Nachwuchs zwischen 5 und 10 Jahren als allwissend, omnipotent und überhaupt unfehlbar gilt. Die meisten Kinderfragen werden noch ohne grosse Mühe gemeistert, wichtige Aufträge aus Kindermund („Nutellabrot schmieren“) ohne wirkliche Schwierigkeiten absolviert, und Alltägliches wie etwa Autofahren, ins Büro gehen oder Geld abheben am Automaten verleihen den Eltern beim Nachwuchs eine geradezu mystische Aura. Was Mama und Papa alles so können! Krass!

Und dann: plötzlich kippt diese Balance. So erlebt vergangene Woche im Ski-Urlaub. Da meine Frau und ich in der durchaus schneearmen rheinischen Tiefebene aufwuchsen, unsere Eltern wenig Faible für die Modeerscheinungen der 80er Jahre wie etwa Tennis, Schulterpolster oder eben Skifahren hatten, und wir beide von jeher ein eher gespaltenes Verhältnis zu komplexen Bewegungsabläufen haben, ist die Disziplin alpine Abfahrt schlicht an uns vorbeigerauscht. Ich selbst absolvierte eine einzige Skifreizeit als Teenager (in besonderer Erinnerung sind mir aber eher die Disco-Abende inklusive Solotanz zu „La Boum“ in der Dauerschleife), und auch meine Frau blieb im ski-embryonalen Bewegungsmuster „Schneepflug“ hängen. Dass diese erniedrigende Erststellung bei der Abfahrt heute gar nicht mehr so heisst — der Fachmann sagt mittlerweile „Pizza“ zu Schneepflug — war ein erstes Indiz dafür, dass im Winterurlaub mit den Kindern viele Herausforderungen lauern würden.

 

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 (So sieht es dann beim nächsten Mal aus…, ganz bestimmt)

Der Mittvierziger-Greis auf der Piste

Ich wollte es aber nochmal wissen. Also rein in den Skiverleih, und mit tonnenschwerer Ausrüstung dann Richtung Sessellift. Und schon gehen die Probleme los. Wie geht das nochmal mit dem Scannen des Passes? Skistöcke zusammen oder in jeder Hand einen? Oh Gott ist das ein Gedränge, und dieses verdammte Förderband so schnell! Wo kommt der Bügel denn so plötzlich her, ach so, hier muss ich die Ski so drauf stellen…..

Noch nicht mal oben am Hang, und schon fertig mit den Nerven. Hinter mir: die Kinder fädeln sich seelenruhig in ihre Bahn ein, lassen sich entspannt in den Lift plumpsen und schunkeln gemütlich Richtung Steilhang. Kein Anflug von Stress. Ganz im Gegensatz zu mir. Wann öffnet man den Bügel? Was, wenn ich einen Stock verliere? Und ab wann setzt man aus dem Lift ab? Der Horror. Wäre ich nur mit der Gattin im Tal geblieben, beim „wellnessen“.

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Die Kinder überholen uns schon am Sessellift

Und als ich dann oben am Gipfel stehe, wird mir wirklich mulmig. Vorsichtig kratze ich in weiten Umschwung-Bahnen die Piste herunter, ein wirklich erbärmlicher Anblick. Links und rechts von mir spritzen sportliche Ski-Asse gen Tal, die Knie im perfekten Winkel, der Bogner-Overall sitzt akkurat, Sekunden lässigen Wedelns, bevor sie wieder aus meinem Blickfeld verschwinden. Ich dagegen: gammelige Regenjacke, bebende Mundwinkel, nackte Panik in den Augen. Aber die Kinder: munter fahren sie in ihren Gruppen Richtung Tal, nach einem Tag bereits gleiten sie mühelos an mir vorbei, am vierten Tag fühle ich mich vollends abgehängt und irgendwie wie Alteisen.

Abends schleppe ich mich auf meinen bleischweren Monsterstiefeln zurück ins Hotel. Alles tut weh, hab Pistenraupen in meinem Bauch. Und die Kinder – die wollen noch rodeln, schwimmen, oder gerne noch weiterfahren. Und so ganz entgangen ist ihnen nicht, dass sie plötzlich etwas besser können als ihr sichtlich gealterter Vater, was ich Ihnen natürlich gönne. So ist der Lauf der Natur. Ein schwacher Trost bleibt mir, um am Ende des Urlaubs einen Hauch von Selbstachtung zu wahren vor dem Nachwuchs: das Auto fahre immerhin noch ich nach Hause, und das Geld fürs Hotel hat meine Frau bezahlt. Aufs Büro freue ich mich auch schon wieder.

Also, geht doch noch was, oder…?

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1 Kommentar

  • Reply Tante Do 10. Februar 2017 at 3:31 pm

    Glückwunsch, du hast dich getraut und bis heil den Berg runtergekommen! Ich saß auch gerne in den Gondeln, die Skier total verkantet und habe die ruhig wartenden Leute daran gehindert, zu mir in den Lift zu steigen…Rheinische Tiefebene hat eben ihre Spuren hinterlassen 🙂

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