Familiengeschichten

Die Dorfmutti: Das Landleben ist wirklich so schlimm (und schön) wie Ihr denkt!

12. Juli 2017
Dorfmutti

Ach, das Landleben. Das stellen sich ja einige von uns soo romantisch vor, andere würden sterben, müssten sie nur an den Stadtrand ziehen. Julia, meine Gastautorin heute, wohnt in einem kleinen Dorf ganz in der Nähe, wo ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe. Vieles davon, besonders die nie enden wollende Sozialkontrolle, kenne ich nur zu gut. Wir sie sich trotzdem mit dem Leben im Dorf ausgesöhnt hat, lest Ihr heute. Viel Spaß!

Vor einiger Zeit, als der Ehemann und ich die Entscheidung getroffen haben ein Haus zu bauen, stießen wir bereits bei der Grundstücksuche an die harten Grenzen der Realität. Eine Handvoll Quadratmeter, im Speckgürtel der Stadt – unbezahlbar! Es sei denn, man beschränkt sich auf eine handtuchgroße Fläche und stellt eine Gartenlaube drauf, aus deren Fenster man sich morgens die Eier vom Nachbarn – eine Armlänge entfernt – rüberreichen lassen kann, sollte man mal keine im Haus haben. Das wollten wir dann auch nicht – also doch back to the roots und lieber Kaff.

Das Traumhaus für die Dorfmutti gibt es nur auf dem Land

Da wir beide Dorfkinder sind und uns dort auch immer sehr wohl gefühlt haben, landeten wir schnell hier in Hintertupfingen, wo es noch viele freie Grundstücke zu moderaten Preisen gab und wir unser Traumhaus bauen konnten. Wir arbeiteten tagsüber und genossen abends und am Wochenende unser Eigenheim und die Ruhe um uns herum. Hier war der perfekte Ort für ein Leben als Familie und deshalb beschlossen wir eines Tages, dem Staat den ein oder anderen Steuerzahler der Zukunft zu schenken.

Bereits vor der Geburt, in der Endphase der Schwangerschaft mit dem Neubürger, war ich wahrscheinlich allen anderen hier im Ort bestens bekannt, denn an eines sollte man sich auf dem Dorf gleich gewöhnen: Jeder beobachtet dich, bei jedem Schritt in der „Öffentlichkeit“ und in den meisten Fällen kriegst du davon noch nicht mal was mit! – Kein Scheiß! Und die, die dich nicht selbst live beobachten können, weil sie gerade irgendwie verhindert sind, die wissen es 24 Stunden später trotzdem.

Der Sohn wurde geboren und wir begannen, wie alle Neueltern, ausgedehnte Spaziergänge zu unternehmen. Ein Ausflug mit Kinderwagen im Dorf war sehr schnell gleichzusetzen mit: Jeder Sichtkontakt zu einem anderen Mitbürger auf der Straße führt automatisch zu einem Smalltalkgespräch. Also, nicken, lächeln, stoisch immer wieder die gleichen Fragen beantworten („Nein, ein Junge…“, „Nein, schläft noch nicht durch…“ , „Ja, ich stille…“, und so weiter) und hoffen, dass das Gegenüber zeitnah von einem ablässt.

Die Ausfahrt mit dem Baby mutiert zum Kreuzverhör

Die Königsdisziplin allerdings war: „Mutter kommt mit Kinderwagen entgegen“. Ich habe sehr schnell gemerkt, vor allem wenn ich alleine war, dass ich dann keine Chance mehr hatte dem Ganzen irgendwie zu entkommen. Allein durch die Tatsache, einen neuen Dorfbewohner geboren zu haben, war ich sofort involviert in alles und alle. Automatisch mutierte ich somit zur Auskunftstelle über private Informationen, alle denkbaren Eckdaten das Kind betreffend, Status der Beziehung, Kosten des Hausbaus und alle in die Kategorie „was wir die ganze Zeit schon über euch wissen wollten!“ fallenden Fragen– kurz: Ein Verhör im Gerichtssaal verläuft höchstwahrscheinlich entspannter für den Befragten.

Tratsch, Tratsch, Tratsch

Im Austausch dazu bekam ich brühwarm alle großen und kleinen Sensationen der aktuellen Geschehnisse in Hintertupfingen auf dem goldenen Tablett serviert – ob mich das jetzt großartig interessierte oder nicht: nebensächlich! Anfangs fand ich das alles zugegebener Maßen noch recht interessant und informativ, merkte aber schnell, dass der Ablauf der Geschehnisse innerhalb der Geschichten, je nach Quelle sehr stark variierte und Personen, die ich mit viel Glück vielleicht vom Sehen kannte, erstaunlich viel über mich zu wissen glaubten und mit diesem vermeintlichen Wissen auch recht großspurig aufzuwarten versuchten.

So war in Hintertupfingen und wahrscheinlich auch über seine Grenzen hinaus, schnell bekannt, dass der Ehemann und ich zu der Sorte Rabeneltern gehören, die ihre Brut bereits mit einem Jahr in eine Kita steckt, um wieder arbeiten zu gehen. Schubladendenken in seiner reinsten Form begegnete mir somit bald bei jedem erdenklichen Kontakt mit anderen Dorfmuttis und die Gerüchteküche brodelte auf Hochtouren.

Hier ein paar Beispiele:

Die geht doch nur wieder arbeiten, weil sie nicht bereit ist Abstriche zu machen
Bei denen hängt schon der Haussegen schief
Die haben kein Geld mehr
Die hat keinen Bock auf ihr Kind
Die ist überfordert

Fremdbetreuung im Dorf: ein No-Go!

Welche abenteuerlichen Geschichten ich mir über den Kindergarten, in den der Sohn zeitnah gehen sollte, anhören durfte, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen. Kurzum: In dieser kleinen heilen Welt ist eine solche Vorgehensweise ein „No Go“. Schließlich hat man ja wohl keine Kinder in die Welt gesetzt, um sie dann fremdbetreuen zu lassen! Das geht ja gar nicht! Dass eine Frau trotz Ehe und Kindern eventuell noch ein wenig auf eigenen Füssen stehen möchte und außer Kinderbetreuung auch noch andere Interessen hat, kann sich scheinbar kein Mensch vorstellen. Dass eine Mutter ihre Kinder auch dann liebt, wenn sie sie nicht 24/7 bis zu deren dritten Lebensjahr am Körper trägt, scheinbar auch nicht.

Wir ließen uns trotzdem nicht beirren und der Sohn wurde das einzige Kind unter 1 ½ Jahren in unserer kleinen Kita. Übrigens: (Seine kleine Schwester ereilte das gleiche Schicksal drei Jahre später und bis heute teilen sich meine Kinder dieses Alleinstellungsmerkmal im Dorf.)
Glücklicherweise verlief aber ALLES absolut toll und reibungslos. Der Sohn nahm keinen tiefergehenden seelischen Schaden und blieb das aufgeweckte, fröhliche Kerlchen, das er von Geburt an gewesen war. Er lebte sich gut ein und wurde schnell ein richtiges Kindergartenkind. Anfangs habe ich immer noch versucht, trotz Job und nennen wir es mal „leicht differenzierter Ansichten“, irgendwie „mitzuhalten“.

Krabbelgruppe, Babyturnen, Spaziergehgruppen und Spielplatztreffen, Spielverabredungen und Mütterkaffee – überall mussten wir dabei sein um ja nichts zu verpassen. Elternabende im Kindergarten, Laterne basteln, Kuchen für irgendwelche Feste backen, Rindenmulch auf dem Spielplatz verteilen – es soll ja Menschen geben, denen sowas einen riesen Spaß macht und die es gar nicht abwarten können, sich als erstes in die Helferlisten für solche Aktionen einzutragen. Ich für meinen Teil konnte und wollte das alles nie so wirklich.

Neid auf die Mamas in der Großstadt

Was habe ich immer die „Großstadmamas“ beneidet, die einfach den Kinderwagen schnappen und losrennen konnten, in der Stadt wo sie kaum jemand kennt. In irgendein Stillkaffee oder einfach nur schlendern in der Fussgängerzone – in Geschäfte gucken und Zeit rumkriegen. Ich stellte mir vor, dass man dort nicht für alles was man sagt oder tut, bewertet wird und dass es wahrscheinlich auch keinen interessiert, weil es so viele unterschiedliche Mütter- und Frauentypen gibt, dass man nach dem Deckel für sein Töpfchen nicht lange suchen muss.
Auf dem Dorf läuft das ein bisschen anders. Der Kreis derer, die im gleichen Boot sitzen, ist klein. Extrem klein. In diesem Kreis jemanden zu finden, der zu einem passt, wenn man selbst nicht ganz anspruchslos ist – fast unmöglich.

Und dann findet man doch Freundinnen….

Trotzdem gibt es solche Menschen – so wohnt eine meiner mittlerweile besten Freundinnen nur ein paar Straßen weiter und auch unsere Nachbarschaft ist einzigartig. Darüber bin ich sehr froh. Und trotzdem mag ich das Dorfleben sehr – es ist halt wie es ist – wahrscheinlich wie in jedem anderen Dorf dieser Welt auch.

Im Kindergarten fahre ich die Vermeidungstaktik: Rein, meine Kinder mitnehmen, wieder raus und fertig. Keine Listen in die ich mich eintragen muss, keine Gespräche über Nonsense, kein „Schwanzvergleich“. Nicken und Lächeln nicht vergessen! Ganz wichtig.
Dass ich nicht die Kuchen backende, auf allen Events Vollzeit anwesende und überfürsogliche Vollblut-Dorfmutti geworden bin? Phänomenal wie ich finde. Ich kann das einfach nicht. Ich kann so nicht sein und ich will so nicht sein. Aber für die Gemeinschaft ist es toll, dass es Mütter gibt, die anders sind als ich. Die sich gerne engagieren und bereit sind, ihre Zeit für diese Dinge zu opfern. Und wohin mit den ganzen Infos, wenn sie niemand verbreitet?!

In diesem Sinne und frei von jeglicher Ironie: Ein Chapeau für alle Dorfmuttis dieser Welt. Ihr macht das toll und seid bewundernswert.

Liebe Julia, vielen Dank für Deine ehrlichen Worte und gut, dass Du Dich nun doch wohlfühlst!

Liebe Leser, wo wohnt Ihr und fühlt Ihr Euch wohl, dort, wo Ihr seid?

 

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5 Kommentare

  • Reply Claudia 12. Juli 2017 at 9:34 am

    Wunderbar! Genauso ist es.
    Liebe Grüße von Dorf zu Dorf
    Claudia

  • Reply Katharina Heptner 12. Juli 2017 at 10:28 pm

    Ich musste jetzt wirklich herzhaft lachen….
    Genau so ist es und wird es auch immer bleiben. Wir wohnen auch in einem kleinen Dorf und man kann sich wirklich nur sehr schwer bestimmten vorgefertigten Regeln widersetzen! Und trotz allem wäre es mir in der Stadt zu hektisch und zu laut….. Aber manchmal, wenn der Nachbar von der einen Seite mal wieder weiß, was der Nachbar von der anderen Seite heute morgen schon wieder unanständiges getan hat, und mit wem, dann – ja dann – wünsche ich mir auxh etwas mehr Stadtleben herbei

  • Reply Sven 13. Juli 2017 at 8:25 am

    So ist es. So wird es wohl auch bleiben. Man stelle sich vor, Papa bleibt mit den Kindern die erste Zeit zuhaus. Oha. Nicht auszumalen. Aber ich habe es irgendwie doch überstanden…

  • Reply May 13. Juli 2017 at 4:28 pm

    Wir haben den Vorstadt-Weg gewählt – aber es ist nicht viel anders. Wenn man aus Berlin-Mitte kommt, fühlt man sich auch, als wäre man ein Universum entfernt, nicht 20km…

  • Reply Ina 14. Juli 2017 at 8:09 am

    …24 Stunden, bis die Infos durch sind? Dann ist ein Knoten in der Leitung. Max vier bei uns. Aber höchstens! Kaff. Und ich liebe es 😉

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