Familie

Ist das jetzt Heimat?

12. Dezember 2011


Obwohl wir nun im Berliner Südwesten wohnen, fragen wir uns oft, ob das nun unsere Heimat werden soll. Wir suchen nun seit zwei Jahren immer noch hoffnungsvoll und völlig aussichtslos nach einem Eigenheim aber zweifeln, ob wir hier wirklich richtig sind. Vor wenigen Jahren noch, ohne Kinder und Anfang dreissig, da haben wir in Kreuzberg gewohnt. Das Kreuzberg, bevor es richtig hip wurde.

Welcher Kiez mit welchem Lebensgefühl darf es denn sein?

Damals im Graefekiez – das nächste bezahlbare und gute Restaurant war um die Ecke, das nette Café unten im Haus, die süsse Boutique drei Häuser weiter. Und jetzt? Gute Schulen, viel Grün, der Schlachtensee und lauter Alt-Nazi-Villen, die wir eh nicht bezahlen können. Und ach ja, ein fragwürdiges Steakhouse mit der Einrichtung, Speisekarte und dem Originalfett von 1978 und die angesagte “Boutique Peggy” in der Nähe. Dort gibt es 80er Jahre Klamotten, aber nicht für Hipster Nerds, sondern ernst gemeint. Sollen wir zurück in die Stadt? Sollen wir uns hier niederlassen? Etwa für immer? Geld für Restaurantbesuche mit unseren Freunden in Berlin-Mitte wäre eh nicht mehr da, weil wir die überteuerte Makler-Courtage für die Hermann-Göhring-Badewanne haben zahlen müssen.In Berlin und in jeder anderen Grossstadt gibt es diese gewissen Kiez-Feelings, die man mitmietet oder kauft und das ist einem auch ganz wichtig. Aber will ich wirklich weit über eine halbe Million Euro für ein Haus eines Ex-SS-Anghörigen mit Schimmelpilz zahlen? Gutes Karma?

Rheinhessen goes Berlin

Aufgewachsen bin ich ganz anders. Ich komme aus dem höchstgelegenen Weindorf Rheinhessens! Dort haderte man nicht mit seinem Bezirk sondern hat einfach gelebt und Schoppen getrunken. Nun ja nicht ganz…Es gab auch zwei „Kieze“: Der “Naie Odd” (Neuer Ort) oder der “Aldde Odd (Alter Ort). Die “Naiberscher” (Neubürger) waren meist IBM-oder ZDF-Angestellte, die sich die Grundstückspreise in den echten Mainzer Vororten nicht leisten konnten. Die Bewohner des Alten Ortes alt eingesessene Winzer, Bauern und andere ehrliche Häute. Im Alten Ort gab es drei Geschäfte des täglichen Lebens, wo diese zwei Welten aufeinander prallten. Hier begegneten sich die Hochdeutsch-Sprecher und die Mundart-Künstler und grollten einander. Fast so, als ob ein Charlottenburger Ureinwohner mit den Bewohnern des Helmholtzplatzes reden wolle. Es ist nicht dieselbe Sprache.

Oft waren wir Kinder und Jugendliche das einzige soziale Schmiermittel.
“Will die Klaa e Stückche Woscht?” (Will die Kleine ein Stück Wurst?)
“Nein Danke, meine Tochter hat eben ein Bonbon bekommen.“ (Ei noi, mei Dochter hat ebbe een schee babbisch Gudjse kriet!) Meinen ersten Freund habe ich als Neubürgerin aus dem Alten Ort rekrutiert und man kann sich denken, wie das geendet ist.

Keine Ahnung, wo wir irgendwann unsere Heimat finden. Zurück ins Weindorf und sich endlich mit dem „aldde Odd“ aussöhnen? Eine Möglichkeit wäre natürlich auch ein Dasein als high-profile Mietnomaden in alten Zehlendorfer Villen. Ich überlege noch….

Foto: Jerzy Sawluk/Pixelio

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6 Kommentare

  • Reply Steffi 12. Dezember 2011 at 8:07 am

    Wie kennen dieses Problem sehr gut 🙁
    Uns geht es genauso.

  • Reply fraumutter 12. Dezember 2011 at 8:12 am

    Nicht aufgeben und Lotto spielen!!

  • Reply Andrea 13. Dezember 2011 at 6:27 pm

    Für mich ist Heimat immer dort, wo meine Lieben sind. Aber wir hatten mit den Wohnungen bisher meist Glück. Ich drück‘ die Daumen, dass sich ein passender und bezahlbarer Kiez findet.

  • Reply fraumutter 13. Dezember 2011 at 7:14 pm

    Danke-das Daumendrücken können wir wirklich gut gebrauchen!

  • Reply desperateworkingmum 16. Dezember 2011 at 11:25 am

    Ich kenne dieses Unbehagen gut, mit dem man sein ganzes Hab und Gut (und noch mehr) in erster Linie der Familie zuliebe in eine Behausung steckt, bei der das Bauchgefühl nicht sofort in große Begeisterung ausbricht. Wir trösten uns mit den steigenden Immobilienpreisen, die uns nach Auszug der Kinder eine komfortable Neuorientierung ermöglichen werden 🙂

  • Reply fraumutter 16. Dezember 2011 at 12:40 pm

    Ja, und langsam werde ich echt unruhig mir dem wackelnden euro. vielleicht doch das geld in gold (für Mama) anlegen….

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